Geschwaderchronik
Die Geschichte des Marinefliegergeschwaders 2 begann 1958 unter provisorischen Bedingungen in Kiel-Holtenau. Es folgten zahlreiche Umzüge, der Aufbau in Nordholz, die endgültige Heimat in Tarp und Eggebek sowie die Epochen von Sea Hawk, Gannet, F-104G Starfighter und Tornado. Die umfangreiche Geschwaderchronik zeichnet diese 47 Jahre nicht nur anhand der Flugzeuge nach, sondern auch anhand der Menschen, Staffeln, Übungen, Unglücke, Erfolge und des täglichen Lebens im Geschwader.
1958–2005 – 47 Jahre Marinefliegergeschwader 2
Die Geschichte des Marinefliegergeschwaders 2 lässt sich nicht auf Starfighter, Tornado und den Flugplatz Eggebek reduzieren. Die vorliegende Geschwaderchronik zeigt vielmehr, wie aus einem Verband, der 1958 praktisch ohne eigene Infrastruktur und ohne einsatzbereite Flugzeuge begann, über Jahrzehnte eine der prägenden fliegenden Einheiten der deutschen Marine wurde.
Auf hunderten Seiten verbindet die Chronik militärische Befehle und Organisationsänderungen mit Bildern aus dem täglichen Dienst, personellen Veränderungen, Übungen, technischen Entwicklungen und Ereignissen aus dem Umfeld des Geschwaders. Gerade dadurch entsteht kein abstrakter Rückblick, sondern ein Bild des MFG 2 aus der Perspektive der Menschen, die dort dienten.
1958 beginnt die Geschichte unter schwierigen Bedingungen
Der offizielle Ausgangspunkt ist der 1. April 1958. Der Aufstellungsbefehl legte fest, dass die „2. Marine-Fliegergruppe“ aufzustellen sei. Mit der Durchführung wurde Fregattenkapitän Klümper beauftragt.
Die Voraussetzungen waren alles andere als komfortabel. Flugzeugführer und technisches Personal befanden sich teilweise noch in Ausbildung. Die vorgesehenen Flugzeugtypen Sea Hawk und Gannet waren noch in Beschaffung, und auch der endgültige Standort stand nicht zur Verfügung. Kiel-Holtenau diente zunächst als provisorische Heimat; zusätzlich sollten Anlagen in Jagel genutzt werden. Nordholz war bereits als zukünftiger Standort vorgesehen, benötigte jedoch noch umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen. Geschwaderchronik_MFG2
Auch personell war der Verband zunächst weit vom geplanten Soll entfernt. Vorgesehen waren 78 Offiziere und 821 Unteroffiziere und Mannschaften. Tatsächlich standen bei Beginn lediglich 18 Offiziere, 93 Unteroffiziere und 85 Mannschaften zur Verfügung. Kommandeur und Gruppenstab nahmen ihre Arbeit in einer Baracke in Kiel-Holtenau auf. Geschwaderchronik_MFG2
Damit beginnt die Chronik mit einem Thema, das sich durch die ersten Jahre zieht: Improvisation.
Ausbildung, Umzüge und Aufbau bestimmen die Anfangsjahre
Die junge Marinefliegergruppe musste gleichzeitig Personal ausbilden, neue Luftfahrzeuge übernehmen, organisatorische Strukturen schaffen und einen funktionierenden Flugbetrieb aufbauen.
Kiel-Holtenau, Jagel, Kropp, Schleswig-See, Glückstadt, Leck und Eckernförde tauchen in den ersten Jahren immer wieder als Dienst- oder Zwischenstandorte auf. Ein fester Heimatflugplatz war zunächst eher Ziel als Realität.
Aus der 2. Marinefliegergruppe wurde am 16. Juli 1959 das 2. Marinefliegergeschwader. Damit ging auch eine organisatorische Angleichung an die Strukturen der Luftwaffe einher; aus dem Kommandeur wurde der Kommodore. Geschwaderchronik_MFG2
Diese frühen Jahre zeigen, wie viel Aufbauarbeit hinter einem fliegenden Verband steht. Die Flugzeuge bilden zwar den sichtbarsten Teil, doch ohne technische Staffeln, Versorgung, Flugbetrieb, Fernmeldewesen, Sanitätsdienst, Feuerwehr und zahlreiche weitere Funktionen wäre der eigentliche Auftrag nicht erfüllbar gewesen.
Nordholz wird 1963 erstmals zur Heimat
Im März und April 1963 erreichte der Aufbau eine entscheidende Phase. Das Geschwader verlegte nach Nordholz. Gleichzeitig entstanden die Fliegende und die Technische Gruppe in ihrer vorgesehenen Struktur. Geschwaderchronik_MFG2
Mit der Verlegung der Sea-Hawk-Staffel am 17. April und der Landung der Fouga Magister am 28. April galt der Umzug des MFG 2 nach Nordholz als abgeschlossen. Geschwaderchronik_MFG2
Am 26. April 1963 wurde der NATO-Marinefliegerhorst Nordholz offiziell in Dienst gestellt. Für das Geschwader war dies nach Jahren wechselnder Unterbringung ein bedeutender Einschnitt. Die Chronik beschreibt ausdrücklich, dass das MFG 2 damit endlich eine eigene Heimat erhielt. Geschwaderchronik_MFG2
Doch Nordholz sollte für das MFG 2 nur eine Zwischenstation bleiben.
Von Nordholz nach Tarp und Eggebek
Bereits 1964 begann die nächste große Verlegung. Das zukünftige Profil des Geschwaders sollte sich erheblich verändern. Sea Hawk und Gannet gingen in andere Verantwortungsbereiche über, während sich das MFG 2 auf ein neues Kapitel vorbereitete.
Am 12. März 1965 wurde der Marinefliegerhorst Eggebek offiziell in Dienst gestellt. Die Technische Gruppe bereitete sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf den Empfang der F-104G vor. Die Übergabe des Flugplatzes erfolgte im Beisein hochrangiger Vertreter von Marine und Luftwaffe. Geschwaderchronik_MFG2
Mit Tarp als Unterkunfts- und Dienstbereich und Eggebek als Flugplatz entstand jene Verbindung, die das MFG 2 über vier Jahrzehnte prägen sollte.
Aus einem Verband, der seine ersten Jahre auf zahlreiche Standorte verteilt verbracht hatte, war endgültig das Marinefliegergeschwader 2 in Tarp/Eggebek geworden.
Die F-104G prägt eine Generation Marineflieger
Mit der F-104G Starfighter begann jene Phase, mit der viele ehemalige Angehörige das MFG 2 bis heute unmittelbar verbinden.
Der Starfighter veränderte nicht nur das äußere Erscheinungsbild des Geschwaders. Ausbildung, Technik, Infrastruktur, Einsatzverfahren und Wartung mussten auf ein leistungsfähiges strahlgetriebenes Kampfflugzeug zugeschnitten werden.
Über zwei Jahrzehnte gehörte die F-104G zum Alltag in Eggebek. Ausbildung und Einsatzbereitschaft liefen parallel zu internationalen Staffelaustauschen, Schießvorhaben und Übungen. Gleichzeitig dokumentiert die Chronik auch die gefährliche Seite dieser Epoche.
Am 26. Mai 1987 endete der Flugbetrieb der Marine mit der F-104. Die Chronik nennt den 17. März 1965 als Tag der ersten F-104-Landung in Eggebek und erinnert zugleich an 13 Piloten, die während der Starfighter-Zeit den Fliegertod starben. Geschwaderchronik_MFG2
Damit umfasst die Starfighter-Ära des MFG 2 mehr als zwanzig Jahre Geschwadergeschichte.
Das Geschwader besteht nicht nur aus Flugzeugen
Eine besondere Stärke der Chronik liegt darin, dass sie nicht ausschließlich den fliegerischen Auftrag betrachtet.
Zwischen den großen militärischen Ereignissen finden sich Staffelübergaben, Sportwettkämpfe, Besuchergruppen, soziale Aktionen, Veranstaltungen mit den umliegenden Gemeinden, Geschwaderbälle, Lehrgänge und unzählige kleine Begebenheiten aus dem Alltag.
So wird deutlich, dass Tarp und Eggebek nicht nur militärische Standorte waren. Das Geschwader war über Jahrzehnte ein Teil der Region und für viele Soldaten, Zivilbeschäftigte und ihre Familien ein gesellschaftlicher Mittelpunkt.
Gerade diese scheinbar kleinen Einträge machen die Chronik heute wertvoll. Sie zeigen das MFG 2 nicht nur als militärische Organisation, sondern als Gemeinschaft.
1986 beginnt die Tornado-Ära
Mitte der 1980er-Jahre stand erneut ein grundlegender Systemwechsel bevor. Der Starfighter näherte sich seinem Ende, während Infrastruktur, Ausbildung und Technik bereits für den PA-200 Tornado vorbereitet wurden.
Am 11. September 1986 landeten die ersten beiden geschwadereigenen Tornados in Eggebek. Während der feierlichen Indienststellung erhielt das MFG 2 den Auftrag, den Flugbetrieb mit dem neuen Waffensystem aufzunehmen. Gleichzeitig wurden die letzten beiden Starfighter des Geschwaders im Rahmen eines Programms des Viking-Teams ausgeflogen. Geschwaderchronik_MFG2
Wenige Tage später begann der reguläre Flugbetrieb mit den ersten vier Maschinen.
Damit standen 1986 zwei Epochen für kurze Zeit unmittelbar nebeneinander: F-104G und Tornado.
Der Tornado verändert Auftrag und Möglichkeiten
Mit dem Tornado verfügte das MFG 2 über ein Waffensystem, das für einen erheblich breiteren und moderneren Einsatzrahmen ausgelegt war. Die Chronik dokumentiert in den folgenden Jahren zahlreiche Übungen, Auslandsverlegungen, Staffelaustausche, Schießvorhaben und die Zusammenarbeit mit anderen NATO-Streitkräften.
Eggebek wurde zu einem international vernetzten Marinefliegerstandort. Angehörige und Flugzeuge des Geschwaders waren regelmäßig in anderen europäischen Staaten sowie weit darüber hinaus unterwegs.
Gleichzeitig änderte sich nach dem Ende des Kalten Krieges das sicherheitspolitische Umfeld. Die Chronik macht diesen Wandel nicht durch einen einzelnen Einschnitt sichtbar, sondern durch die zunehmend veränderten Übungen, Kontakte, Besuche und Anforderungen an das Geschwader.
Das MFG 2 musste sich immer wieder an neue Rahmenbedingungen anpassen – genau wie bereits in den Jahren seiner Gründung.
+egmont+ wird selbst Teil der Geschwadergeschichte
Für die heutige Aufarbeitung auf Marineflieger.de ist besonders interessant, dass auch die Geschwaderzeitung +egmont+ ihren Platz in der Chronik findet.
Am 1. Februar 1995 vermerkt die Chronik das 25-jährige Bestehen der Geschwaderzeitung. Dabei wird auch hervorgehoben, dass Frau Gesk über 20 Jahre eng mit der Zeitung verbunden war. Geschwaderchronik_MFG2
Fünf Jahre später findet sich der nächste Eintrag: Am 25. Februar 2000 lud die Redaktion zu einem Empfang anlässlich „30 Jahre +egmont+“ in die Offizierheimgesellschaft ein. Geschwaderchronik_MFG2
Damit ergänzen sich beide Quellen hervorragend: Während +egmont+ einzelne Jahre aus der unmittelbaren Perspektive des Geschwaderalltags zeigt, ordnet die Geschwaderchronik dieselben Jahrzehnte in eine durchgehende zeitliche Entwicklung ein.
2003 wird das Ende offiziell
Nach Jahrzehnten permanenter Modernisierung und Anpassung kam am 21. Mai 2003 die Nachricht, die die letzten Jahre des MFG 2 bestimmen sollte.
Während einer Geschwadermusterung gab der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Feldt, die Auflösung des Marinefliegergeschwaders 2 und die Schließung des Standortes Tarp/Eggebek zum 31. Dezember 2005 bekannt.
Die Fähigkeit „Seekriegsführung aus der Luft“ sollte jedoch erhalten bleiben und künftig durch die Luftwaffe übernommen werden. Die Chronik dokumentiert unmittelbar anschließend die beginnenden Personalgespräche und organisatorischen Maßnahmen für die Auflösung. Geschwaderchronik_MFG2
Von diesem Zeitpunkt an veränderte sich die Aufgabe des Geschwaders grundlegend. Neben dem weiterlaufenden Dienstbetrieb musste nun ein kompletter Verband geordnet aufgelöst werden.
18. Juni 2005 – der letzte Flyout
Der 18. Juni 2005 markiert einen der emotionalsten Punkte der gesamten Chronik.
Nach 47 Jahren wurde mit dem Flyout der Flugbetrieb des Geschwaders offiziell eingestellt. Zum Programm gehörten die letzten vorhandenen Flugzeuge, ein Static Display, eine Geschwadermusterung, ein Ehemaligentreffen und ein abschließendes Hallenfest.
Die Chronik hält den Moment fest, in dem die letzte Landung eines Marinetornados auf dem Flugplatz Eggebek gemeldet wurde.
Am Ende stand der Satz:
„Egmont, over and out.“
Damit wird aus dem Rufzeichen des Towers zugleich eine Abschiedsformel für das gesamte Geschwader. Geschwaderchronik_MFG2
Die letzten Tornados verlassen Eggebek
Zehn Tage nach dem Flyout folgte ein weiterer endgültiger Schritt.
Am 28. Juni 2005 verließen die Tornados 45+14 und 45+02 als letzte Maschinen des Geschwaders Eggebek. Nach drei Überflügen über ihrem bisherigen Heimatflugplatz flogen sie weiter nach Nörvenich. Die Chronik beschreibt ausdrücklich die Traurigkeit und Wehmut unter den anwesenden Geschwaderangehörigen. Geschwaderchronik_MFG2
Der Flugplatz, der seit 1965 untrennbar mit schnellen Marinejets verbunden gewesen war, war damit ohne eigene Tornados.
9. August 2005 – das Marinefliegergeschwader 2 tritt ab
Die offizielle Außerdienststellung erfolgte am 9. August 2005.
Der letzte Kommodore, Kapitän zur See Gerhard Pichl, gab im Rahmen einer öffentlichen Musterung das Kommando zurück. Damit endete formal eine Geschichte, die am 1. April 1958 in Kiel-Holtenau begonnen hatte.
Ein Nachkommando blieb für die anschließende Räumung und Abwicklung zurück.
Die Chronik schließt das Kapitel MFG 2 mit einer Zahl, die den Umfang der fliegerischen Tätigkeit über beinahe fünf Jahrzehnte deutlich macht:
352.509 Stunden und 55 Minuten Gesamtluftfahrzeugzeit. Geschwaderchronik_MFG2
47 Jahre zwischen Improvisation und Hochtechnologie
Zwischen 1958 und 2005 veränderte sich das Marinefliegergeschwader 2 mehrfach grundlegend.
Am Anfang standen Baracken, fehlende Flugzeuge und Personal in Ausbildung. Es folgten Sea Hawk und Gannet, ein vorübergehender Heimatflugplatz in Nordholz, der große Umzug nach Tarp und Eggebek, mehr als zwei Jahrzehnte Starfighter und schließlich fast zwei Jahrzehnte Tornado.
Doch die Geschwaderchronik zeigt ebenso deutlich, dass Technik nur einen Teil dieser Geschichte ausmacht.
Hinter jedem Waffensystem standen Flugzeugführer, Waffensystemoffiziere, Techniker, Elektroniker, Waffenmechaniker, Nachschubsoldaten, Kraftfahrer, Feuerwehrleute, Sanitätspersonal, Fernmelder, Verwaltung, zivile Beschäftigte und viele weitere Angehörige des Geschwaders.
Sie machten aus einem militärischen Organisationsplan eine funktionierende Einheit.
Marinefliegergeschichte aus Sicht des Geschwaders
Gerade deshalb ist die Geschwaderchronik eine außergewöhnlich wertvolle Quelle.
Sie dokumentiert nicht ausschließlich die großen Daten, sondern auch jene Ereignisse, die in offiziellen historischen Zusammenfassungen meist verschwinden: Personalwechsel, Ausbildung, kleine und große Übungen, technische Probleme, Sport, Gemeinschaft, Besuche, Jubiläen, Unfälle und Abschiede.
Zusammen mit den historischen Ausgaben von +egmont+ entsteht so ein immer dichteres Bild des Marinefliegergeschwaders 2.
Die Chronik zeigt dabei einen bemerkenswerten Bogen: vom ersten Aufbaukommando in Kiel-Holtenau bis zur letzten Tornado-Landung in Eggebek. Vom provisorischen Beginn bis zu den Worten:
„Egmont, over and out.“
Quellenhinweis
Dieser Beitrag basiert auf der historischen Geschwaderchronik des Marinefliegergeschwaders 2.
Die verwendete historische Fassung befindet sich als PDF-Datei im privaten Archiv und wird nicht online veröffentlicht.