Rettungs- und Katastropheneinsätze der Marineflieger
Ein vermisstes Luftfahrzeug über See, ein schwer erkrankter Seemann oder eine von Hochwasser abgeschnittene Ortschaft: In solchen Lagen können Marinehubschrauber einen entscheidenden Zugang schaffen. Sie suchen Menschen, nehmen Verletzte mit der Rettungswinde auf und transportieren Personal oder Material dorthin, wo Hilfe benötigt wird. Hinter diesen Aufgaben stehen unterschiedliche Einsatzformen – vom ständig verfügbaren Such- und Rettungsdienst bis zur angeforderten Unterstützung bei einer großräumigen Katastrophe.
Die deutschen Marineflieger verfügen dafür über jahrzehntelange Erfahrung. Heute übernimmt der NH90 NTH Sea Lion die maritime SAR-Aufgabe des Marinefliegergeschwaders 5 in Nordholz. Seine Besatzungen führen eine Tätigkeit fort, die lange mit dem Sea King Mk41 verbunden war.
Such- und Rettungsdienst als ständige Aufgabe
SAR steht für Search and Rescue, also Suchen und Retten. Zum Auftrag der Marineflieger gehört die Hilfe bei Luftnotfällen über See, beispielsweise nach dem Absturz eines Flugzeugs oder wenn ein Hubschrauber vermisst wird. Hinzu kommen die Unterstützung der Seenotrettung und weitere angeforderte Hilfeleistungen. Die SAR-Bereitschaft besteht grundsätzlich rund um die Uhr und an allen Tagen des Jahres.
Für den maritimen Such- und Rettungsdienst in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee ist die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, kurz DGzRS, zuständig. Ihre Rettungsleitstelle See in Bremen koordiniert die Maßnahmen. Marinehubschrauber ergänzen dieses System aus der Luft; sie sind keine eigenen Luftfahrzeuge der DGzRS.
Die Katastrophenhilfe hat einen anderen Umfang. Bei Hochwasser, schwerem Schneefall oder zerstörter Infrastruktur können zahlreiche Menschen gleichzeitig betroffen sein. Neben einzelnen Rettungen werden dann Versorgung, Transport und die längerfristige Unterstützung ziviler Einsatzkräfte wichtig. Dafür müssen zusätzliche Kräfte und Mittel angefordert und in die bestehende Einsatzorganisation eingebunden werden.
Vom Notruf bis zur medizinischen Übergabe
Eine Rettung beginnt mit Informationen, die zunächst oft unvollständig sind. Wo wurde eine vermisste Person zuletzt gesehen? Wie viele Menschen befinden sich an Bord? Welche Verletzungen liegen vor? Wind, Strömung und die seit dem Notfall vergangene Zeit beeinflussen das Suchgebiet. Eine gemeldete Position ist deshalb nicht immer mit dem späteren Fundort identisch.
Die Rettungsleitstelle See legt Suchgebiete fest und koordiniert Schiffe, Boote und gegebenenfalls Hubschrauber. Die militärischen SAR-Aufträge erhalten die Marineflieger über ihre zuständige Leitstelle in Glücksburg. Welche Mittel eingesetzt werden, richtet sich nach Lage, Verfügbarkeit und den Möglichkeiten vor Ort.
Typischerweise umfasst die Rettungskette folgende Schritte:
- Alarmierung und Lageklärung: Meldungen auswerten, Position und medizinischen Bedarf klären.
- Anflug und Suche: Das zugewiesene Gebiet erreichen und nach Personen oder dem betroffenen Fahrzeug suchen.
- Aufnahme: Eine sichere Landung oder die Rettung mit der Winde vorbereiten und durchführen.
- Versorgung und Transport: Gerettete betreuen und zu einer geeigneten Übergabestelle bringen.
- Übergabe: Informationen über Zustand und bisherige Maßnahmen an die weiterbehandelnden Kräfte übermitteln.
Der Hubschrauber ist dabei ein Teil einer längeren Versorgungskette. Erst wenn Rettungsdienst, Schiffsbesatzung oder Krankenhaus die betroffene Person übernehmen können, schließt sich der jeweilige Transportabschnitt.
Der Sea Lion als Such- und Rettungshubschrauber
Die Bezeichnung NTH bedeutet Naval Transport Helicopter. Der Sea Lion verbindet Transportmöglichkeiten mit maritimer Sensorik und einer Ausrüstung für Rettungsaufgaben. Zu seinen dafür wichtigen Einrichtungen gehören die Rettungswinde, medizinische Ausstattung, ein Seeraumüberwachungsradar sowie elektrooptische Sensoren mit Video- und Infrarotkamera.
Diese Systeme unterstützen unterschiedliche Aufgaben. Radar hilft beim Erfassen von Kontakten auf See. Kameras ermöglichen die genauere Betrachtung eines Objekts; Infrarottechnik ergänzt die Suche anhand von Wärmestrahlung. Die Besatzung führt die verfügbaren Informationen zusammen und prüft, ob ein Kontakt tatsächlich zur gemeldeten Notlage gehört.
Mit der Rettungswinde können Menschen aufgenommen werden, ohne dass der Hubschrauber landet. Das ist über Wasser und an Schiffen wichtig, deren Deck keine geeignete Landefläche bietet. Während die Cockpitbesatzung die Fluglage hält, muss der Windenbereich beobachtet und die Bewegung am Seil kontrolliert werden. Die Beteiligten sind dabei auf eindeutige Absprachen angewiesen.
Der Sea Lion kann außerdem auf Einsatzgruppenversorgern eingeschifft werden. Dadurch lassen sich Such-, Rettungs- und Transportaufgaben auch von einer schwimmenden Basis aus unterstützen. Der Flugbetrieb verlangt dann zusätzliche Abstimmung mit der Schiffsführung und dem Flugdeckpersonal.
Hilfe bei Schnee und Hochwasser
Die Schneekatastrophe 1978/79
Der Winter 1978/79 zeigte, wie schnell eine Region ihre Verkehrsverbindungen verlieren kann. In Norddeutschland wurden Straßen unpassierbar, Bahnverbindungen unterbrochen und Ortschaften von ihrer Umgebung abgeschnitten. Ausfälle von Strom und Telefon erschwerten die Verständigung zusätzlich.
Auch Sea King der Marineflieger kamen bei dieser Katastrophe zum Einsatz. Im Zusammenwirken mit weiteren Bundeswehrkräften und zivilen Helfern konnten Hubschrauber Verbindungen zu eingeschlossenen Menschen herstellen. Sie unterstützten die Versorgung abgelegener Orte und den Transport von Personen, die medizinische Hilfe benötigten.
Dabei blieb die Hilfe aus der Luft vom Wetter abhängig. Schneetreiben, schlechte Sicht und eine weitgehend gleichförmige weiße Landschaft erschwerten Orientierung und Flugbetrieb. Die Einsatzplanung musste deshalb fortlaufend zwischen der Dringlichkeit eines Auftrags und seiner sicheren Durchführung abwägen.
Hochwasser an Oder und Elbe
Zu den dokumentierten Katastrophenhilfen des Sea King gehören auch Einsätze bei Hochwassern an Oder und Elbe. Solche Lagen verlangen unterschiedliche Unterstützungsleistungen: Menschen müssen aus gefährdeten Bereichen gebracht, Einsatzkräfte verlegt oder Material an schwer erreichbare Stellen transportiert werden.
Die konkrete Aufgabe entscheidet darüber, welches Luftfahrzeug geeignet ist. Ein Transport im Innenraum stellt andere Anforderungen als eine Außenlast am Hubschrauber. Auch ein möglicher Aufnahmepunkt muss geprüft werden: Hindernisse, Untergrund und die Entwicklung des Hochwassers können seine Nutzbarkeit verändern.
Ein jüngeres Beispiel für die Vorbereitung solcher Hilfe ist die Hochwasserlage zum Jahreswechsel 2023/24. Nach einer Anforderung Niedersachsens hielt die Bundeswehr Hubschrauber für mögliche Außenlasttransporte und weitere Unterstützungsaufgaben bereit. Das Marinefliegergeschwader 5 stellte dafür vier Maschinen aus dem damaligen Bestand von Sea Lynx, Sea King und Sea Lion. Die Bereitstellung war eine Vorsorgemaßnahme, um bei einer Verschärfung der Lage kurzfristig unterstützen zu können.
Humanitäre Hilfe nach dem Tsunami 2004/05
Marineflieger können auch weit außerhalb Deutschlands zur Katastrophenhilfe beitragen. Nach dem Seebeben und dem Tsunami vom 26. Dezember 2004 unterstützte die Bundeswehr die Hilfe in Indonesien. Im Jahr 2005 gehörte der Einsatzgruppenversorger „Berlin“ mit seinem Marineeinsatzrettungszentrum zu den deutschen Beiträgen; in Banda Aceh wurde außerdem ein landgebundenes Rettungszentrum eingesetzt.
Sea-King-Hubschrauber der Marineflieger waren an dieser Hilfe beteiligt. Ihr Einsatz ergänzte den Beitrag des Schiffes und der Sanitätskräfte. Für eine solche Hilfsmission ist die Verbindung zwischen Aufnahmeort, Transport und verfügbarer Behandlungskapazität entscheidend.
Das Zusammenwirken verdeutlicht den Nutzen einer seegestützten Hilfeleistung: Ein Schiff kann Versorgung und Unterkunft bereitstellen, während sein Hubschrauber Menschen oder benötigtes Material zwischen unterschiedlichen Orten transportiert. Die Leistungsfähigkeit entsteht aus dem gemeinsamen Einsatz von Flugbetrieb, Schiffslogistik und Sanitätsdienst.
Zusammenarbeit und Anforderung im Katastrophenfall
Katastrophenhilfe wird in eine zivile Einsatzführung eingebunden. Feuerwehren, Rettungsdienste, das Technische Hilfswerk, Polizei und zuständige Behörden übernehmen jeweils eigene Aufgaben. Die Bundeswehr ergänzt diese Strukturen mit den angeforderten und verfügbaren Fähigkeiten.
Für Hilfe bei Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen enthält Artikel 35 des Grundgesetzes die maßgeblichen verfassungsrechtlichen Regelungen. Er ermöglicht unter anderem, dass ein Land Kräfte und Einrichtungen der Streitkräfte zur Unterstützung anfordert.
Für einen Hubschrauberauftrag muss der Bedarf möglichst konkret beschrieben sein. Der Transport einer verletzten Person erfordert andere Vorbereitungen als das Verbringen von Einsatzkräften oder das Absetzen einer schweren Last. Ebenso müssen Start- und Zielorte, Ansprechpartner und die weitere Versorgung geklärt werden. Erst daraus ergibt sich, welchen Beitrag die Marineflieger leisten können.
Wetter und verfügbare Kräfte setzen Grenzen
Auch ein moderner Marinehubschrauber kann nicht jede Notlage unmittelbar erreichen. Sicht, Wind, Vereisungsbedingungen, Entfernung und die Situation am Aufnahmeort beeinflussen die Durchführung. Über einem bewegten Schiff kann eine Windenrettung anspruchsvoller sein als über einem ruhigen, hindernisfreien Bereich.
Die veröffentlichte Reichweite eines Hubschraubers ist außerdem kein unmittelbar nutzbarer Rettungsradius. Für einen Auftrag müssen Anflug, Suche, Aufnahme, Weiterflug und die erforderlichen Kraftstoffreserven gemeinsam berücksichtigt werden. Zusätzliche Personen und Ausrüstung verändern die verfügbare Leistungsreserve.
Bei mehreren gleichzeitigen Notfällen wird auch die Zahl einsatzbereiter Luftfahrzeuge und Besatzungen entscheidend. Nicht jeder Auftrag kann parallel ausgeführt werden. Die Koordination muss deshalb den Bedarf auf die verfügbaren Rettungsmittel abstimmen und mögliche Alternativen einbeziehen.
Ausbildung für die gemeinsame Rettungskette
Regelmäßige Übungen bereiten Besatzungen und Partnerorganisationen auf diese Abstimmung vor. Trainiert werden Suche, Windenverfahren, Funkverkehr und die Übergabe von Patienten. Ebenso wichtig ist die Zusammenarbeit mit Menschen, die andere Ausrüstung verwenden und nach anderen Verfahren arbeiten.
Bei der SAREx Eckernförde 2026 übten die Seenotretter vom 16. bis 19. September gemeinsam mit weiteren Einsatzkräften komplexe Notlagen. Beteiligt waren auch ein Such- und Rettungshubschrauber der Marineflieger, ein ziviler Rettungshubschrauber sowie Schiffe anderer Behörden. Die Szenarien umfassten vermisste Menschen im Wasser und Verletzte auf havarierten Schiffen.
Solche Übungen prüfen die Abläufe unter möglichst realistischen Bedingungen. Sie machen erkennbar, ob Meldungen verständlich ankommen, Zuständigkeiten geklärt sind und die einzelnen Abschnitte der Rettung ineinandergreifen.
Fazit
Die Geschichte der Rettungs- und Katastropheneinsätze reicht bei den Marinefliegern von regionaler Versorgungshilfe bis zu humanitären Aufgaben in Übersee. Mit dem Sea Lion steht heute eine andere technische Grundlage zur Verfügung als während der langen Dienstzeit des Sea King, dessen SAR-Bereitschaft 2024 endete.
Entscheidend bleibt die Fähigkeit, einen konkreten Hilfsbedarf sicher zu erfüllen. Dazu gehören erreichbare Aufnahmeorte, ausgebildete Besatzungen, verlässliche Technik und eine abgestimmte Weiterbehandlung. Wie gut diese Voraussetzungen zusammenpassen, bestimmt den tatsächlichen Beitrag der Marineflieger im Notfall.
Quellen:
Stand: Oktober 2026
Bundeswehr – Marinefliegergeschwader 5
www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marinefliegerkommando/marinefliegergeschwader-5
Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger – Rettungsleitstelle See
www.seenotretter.de/crews-stationen/rettungsleitstelle-see
Bundeswehr – Mehrzweckhubschrauber NH-90 NTH Sea Lion
www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/mehrzweck-hubschrauber-sea-lion-nh-90-nth
Bundeswehr – Sea Lion im Einsatz an Bord
www.bundeswehr.de/de/meldungen/sea-lion-einsatz-hochseetauglichkeit
Bundeswehr – Marineflieger: Abschied vom Sea King
www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/abschied-sea-king-5831488
Bundesministerium der Verteidigung – Die Geschichte der Amts- und Katastrophenhilfe der Bundeswehr
www.bmvg.de/resource/blob/5388678/8c8d020b13f3f02e5290f69322d597e4/download-bw-hilfseinsaetze-data.pdf
Deutschlandfunk – Vor 30 Jahren: Die Schneekatastrophe von Schleswig
www.deutschlandfunk.de/vor-30-jahren-die-schneekatastrophe-von-schleswig-100.html
Deutscher Bundestag – Aktueller Stand der Tsunami-Katastrophenhilfe, Drucksache 15/5896
dserver.bundestag.de/btd/15/058/1505896.pdf
Bundeswehr – Hochwasser: Die Bundeswehr hilft
www.bundeswehr.de/de/selbstverstaendnis/geschichte-bundeswehr/territoriales-fuehrungskommando-der-bundeswehr/hochwasser-die-bundeswehr-unterstuetzt-nach-anforderung-5724524
Bundesministerium der Justiz und Bundesamt für Justiz – Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 35
www.gesetze-im-internet.de/gg/art_35.html
Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger – Großübung der Seenotretter in der Eckernförder Bucht erfolgreich abgeschlossen
www.seenotretter.de/aktuelles/neuigkeiten/grossuebung-der-seenotretter-in-der-eckernfoerder-bucht-erfolgreich-abgeschlossen