Brand der „Lisco Gloria“ 2010 – Marineflieger im Großeinsatz auf der Ostsee
In der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 2010 geriet die litauische Ostseefähre „Lisco Gloria“ nordwestlich von Fehmarn in Brand. Das Feuer breitete sich auf dem oberen Fahrzeugdeck aus, während die Besatzung Passagiere zu den Rettungsbooten führte. Ein Sea King Mk 41 des Marinefliegergeschwaders 5 holte einen Jugendlichen von der brennenden Fähre. Weitere Flüge dienten der medizinischen Versorgung und der Erkundung des Havaristen. Alle 235 Menschen an Bord überlebten.
Feuer auf dem Fahrzeugdeck
Die „Lisco Gloria“ war am Abend des 8. Oktober gegen 22 Uhr aus dem Kieler Ostuferhafen ausgelaufen. Ihr Ziel war Klaipėda in Litauen. Die Fähre war ein Ro-Ro-Fahrgastschiff. Die Abkürzung steht für „Roll-on/Roll-off“ und bezeichnet Schiffe, auf die Fahrzeuge über Rampen an Bord und wieder von Bord fahren. Auf der Überfahrt befanden sich 203 Fahrgäste einschließlich der Lkw-Fahrer sowie 32 Besatzungsmitglieder an Bord.
Um 23:58 Uhr ging auf der Brücke ein Rauchalarm ein. Ein Matrose auf Kontrollgang meldete Flammen im Bereich zwischen der Zugmaschine und dem Kühlauflieger eines Lastwagens auf dem oberen Fahrzeugdeck. Der Kapitän ließ die Stromversorgung auf dem Deck abschalten und versuchte, die Sprühflutanlage in Betrieb zu nehmen. Die Anlage lief nicht an. Ein separates Sprinklersystem löste zwar aus, doch eine gelöste Druckleitungsverbindung ließ Wasser in den Maschinenraum strömen. Die Besatzung schaltete das System daraufhin ab.
Um 00:07 Uhr meldete der Kapitän den Brand über UKW-Seefunk an Bremen Rescue Radio. Um 00:09 Uhr ordnete er die Evakuierung an. Zu diesem Zeitpunkt waren seit dem ersten Rauchalarm elf Minuten vergangen. Der Rauch versperrte dem Löschtrupp den Zugang zum Fahrzeugdeck. Die Besatzung setzte Löschschläuche auch dazu ein, das Deck am Steuerbord-Rettungsboot zu kühlen. So konnte sie Fahrgäste aus dem Sammelbereich in kleinen Gruppen zum Boot führen.
Rettungsboote, Bundespolizei und eine zweite Fähre
Die Seenotleitung Bremen rief Schiffe in der Umgebung zur Hilfe. Als das erste Rettungsboot gegen 00:35 Uhr zu Wasser kam, hatten mehrere Schiffe die Fähre erreicht. Das Bundespolizeischiff „Neustrelitz“ koordinierte die unmittelbare Hilfe vor Ort und nahm Menschen aus den Rettungsbooten auf. Weitere kleinere Schiffe unterstützten beim Bergen der Evakuierten aus Booten und Flößen. Das dänische Küstenwachboot „Rota“ rettete zwei Besatzungsmitglieder, denen die Flammen den Weg vom Heck zu den Aufbauten versperrten.
Die auf der Linie Puttgarden–Rødby eingesetzte Fähre „Deutschland“ kam hinzu und konnte den Großteil der Geretteten aufnehmen. Damit ergänzten sich die Fähigkeiten der beteiligten Schiffe. Kleinere Einheiten konnten sich den Rettungsbooten und Flößen nähern. Die größere Fähre bot Platz, um viele Menschen aufzunehmen, zu versorgen und gemeinsam nach Kiel zu bringen.
Für die Evakuierten war das Verlassen der brennenden Fähre der erste Schritt. Bis zur Aufnahme auf ein größeres Schiff blieben sie auf offener See Wind und Kälte ausgesetzt. Die Wassertemperatur lag bei rund zwölf Grad Celsius. Besonders für Menschen, die ins Wasser geraten waren oder nur leichte Kleidung trugen, war die zügige Übernahme wichtig.
Der Sea King rettet einen Jugendlichen von Bord
Der Such- und Rettungshubschrauber aus Kiel wurde um 00:19 Uhr alarmiert. Das Marinefliegergeschwader 5 war damals in Kiel-Holtenau stationiert. Seine Sea King Mk 41 standen für den Such- und Rettungsdienst bereit, der international als Search and Rescue, kurz SAR, bezeichnet wird. Mit der Rettungswinde konnte die Besatzung Menschen auch dort aufnehmen, wo keine Landung möglich war.
Gegen 01:15 Uhr meldete der Kapitän, dass die Passagiere von Bord seien. Ein 16-Jähriger befand sich jedoch noch auf der Fähre. Er schlug ein Fenster ein und gelangte durch die Öffnung nach draußen. Die Besatzung des Marinehubschraubers nahm ihn mit der Winde auf. Die letzten Besatzungsmitglieder, unter ihnen der Kapitän, verließen die Fähre gegen 01:30 Uhr über eine Strickleiter und stiegen in ein Rettungsfloß.
Der Einsatz am Fenster stellte andere Anforderungen als die Aufnahme aus einem Rettungsboot. Die Hubschrauberbesatzung musste sich nachts an einem Schiff mit Rauch und Feuer orientieren und die Winde an einem begrenzten Zugang einsetzen. Gleichzeitig lief die Evakuierung auf dem Wasser weiter. Der Hubschrauber war damit Teil einer Rettungsaktion, bei der der Zugang zu den Menschen bestimmte, welches Einsatzmittel helfen konnte.
Medizinische Hilfe zwischen See und Land
Die Marineflieger flogen auch zwei Menschen mit Anzeichen einer Rauchgasvergiftung nach Kiel. In der Gegenrichtung brachten sie eine Marineärztin zur „Deutschland“ und setzten sie mit der Winde auf der Fähre ab. Die Ärztin gehörte zur Besatzung der Fregatte „Rheinland-Pfalz“, die zu dieser Zeit im Marinestützpunkt Kiel lag. Der Hubschrauber brachte anschließend weitere medizinische Kräfte zur Aufnahmefähre.
Auf der „Deutschland“ begann die medizinische Sichtung. Dabei verschafft sich das medizinische Personal einen Überblick darüber, wer sofort behandelt werden muss, wer weiter beobachtet werden sollte und wer zunächst Betreuung braucht. Die Fährbesatzung hatte die Schiffbrüchigen bereits in einem Aufenthaltsbereich untergebracht und Decken und Getränke verteilt. Behandlungsbedürftige konnten im Bereich des Bordhospitals versorgt werden. Die Verständigung erfolgte in mehreren Sprachen und teilweise mit Gesten.
Gegen 06:00 Uhr machte die „Deutschland“ im Marinestützpunkt Kiel fest. Dort übernahmen Einsatzkräfte die weitere Versorgung an Land. Dass die meisten Geretteten gemeinsam auf einer Fähre eintrafen, gab den Rettungsdiensten einen festen Übergabepunkt. Die Luftrettung ermöglichte zugleich frühere Transporte nach Kiel und brachte medizinisches Personal zu den Menschen, während diese noch auf See waren.
Löschen, erkunden und sichern
Das Havariekommando übernahm gegen 01:20 Uhr die Gesamteinsatzleitung. Als die brennende Fähre gegen 02:00 Uhr in dänische Gewässer trieb, führte es den Einsatz zunächst in Absprache mit der dänischen Marine weiter. Das Mehrzweckschiff „Scharhörn“ und mehrere Seenotrettungskreuzer beteiligten sich an der Brandbekämpfung. Mit zunehmender Schlagseite der Fähre gingen die Einsatzkräfte dazu über, vor allem die Außenhaut zu kühlen. Das an Bord angesammelte Löschwasser erschwerte die Stabilisierung des Schiffs.
Auch nach der Menschenrettung kamen Marineflieger zum Einsatz. Am frühen Morgen nahm ein weiterer Marinehubschrauber zwei Mitglieder eines Teams auf, das zum Sichern des Schiffs an Bord gehen sollte. Mithilfe der Wärmebildkamera beurteilten sie aus der Luft, wo ein Absetzen möglich sein könnte. Messungen an der Fähre zeigten giftige Brandgase. Zusammen mit der starken Hitze am Vorschiff führte das zum Abbruch dieses Versuchs.
Später brachte ein ziviler Hubschrauber zwei Einsatzkräfte unter Atemschutz auf die Fähre, nachdem das Vorschiff aus der Rauchfahne gedreht worden war. Sie warfen beide Anker und stoppten so das Abdriften. Die Löscharbeiten und die Bergung dauerten noch Tage. Das Feuer konnte erst im dänischen Munkebo vollständig gelöscht werden. Die schwer beschädigte Fähre wurde später abgewrackt.
Was die Unfalluntersuchung klären konnte
Die deutsche und die litauische Untersuchungsbehörde werteten Zeugenaussagen, technische Aufzeichnungen und die Brandspuren aus. Der Bereich zwischen Zugmaschine und Kühlauflieger auf dem oberen Fahrzeugdeck erwies sich als plausibler Ausgangspunkt. Wegen der schweren Zerstörungen ließ sich die Zündquelle jedoch nicht sicher bestimmen. Ein Kurzschluss am Kühlaggregat blieb eine mögliche Erklärung.
Für die Sicherheit auf Fähren rückten damit auch die ersten Minuten nach der Entdeckung eines Brands in den Blick. Bei der „Lisco Gloria“ fiel die Sprühflutanlage in der entscheidenden Anfangsphase aus, und der Rauch begrenzte den Zugang für den Löschtrupp. Zugleich blieb durch den frühen Evakuierungsbefehl Zeit, Rettungsboote zu besetzen und die Übergabe an herbeigeeilte Schiffe einzuleiten.
Fazit
Die Besatzung der „Lisco Gloria“ leitete die Evakuierung ein, Schiffe nahmen die Menschen aus den Rettungsmitteln auf, und die „Deutschland“ brachte den Großteil von ihnen nach Kiel. Die Marineflieger übernahmen Aufgaben, bei denen der Luftweg entscheidend war. Sie erreichten den zurückgebliebenen Jugendlichen, flogen Patienten aus, brachten medizinisches Personal auf die Aufnahmefähre und erkundeten später den brennenden Havaristen aus der Luft. Wie weit diese Hilfe reichte, hing auch davon ab, ob Schiffe vor Ort und Rettungskräfte an Land die Geretteten unmittelbar übernehmen konnten.
Quellen:
Stand: November 2026
Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung und Lithuanian Maritime Safety Administration – Untersuchungsbericht 445/10: Brand auf dem Ro-Ro-Fahrgastschiff LISCO GLORIA am 8. Oktober 2010 nordwestlich von Fehmarn
epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/2012/12938/pdf/UBericht_445_10.pdf
Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger – Blick zurück: Vor zehn Jahren brannte auf der Ostsee das Ro-Ro-Fahrgastschiff „Lisco Gloria“
www.seenotretter.de/aktuelles/seenotfaelle/blick-zurueck-vor-zehn-jahren-brannte-auf-der-ostsee-das-ro-ro-fahrgastschiff-lisco-gloria
CPM Military Medicine – Brand auf der Fähre MS Lisco Gloria: Zivil-militärische Zusammenarbeit bei einem schweren Seenotfall
military-medicine.com/brand-auf-der-faehre-ms-lisco-gloria/
Presse- und Informationszentrum Marine – Immer in Alarmbereitschaft: Die Marineflieger im Rettungsdienst
www.presseportal.de/pm/67428/1490510