1970-03 – Einsatzbereitschaft, Internationalität und Wandel
+egmont+ zeigt ein Marinefliegergeschwader mitten im Kalten Krieg
Mit der dritten Ausgabe des Jahres 1970 verändert sich der Blick auf das Marinefliegergeschwader 2 erneut.
Während die vorherigen Ausgaben stark vom Aufbau der Geschwadergemeinschaft, technischen Veränderungen und dem Verhältnis zwischen Standort und Bevölkerung geprägt waren, tritt nun ein weiterer Aspekt deutlich hervor:
die militärische Einsatzbereitschaft.
Das MFG 2 erscheint zunehmend als Bestandteil eines internationalen Bündnissystems. Übungen, Bewertungen, Austauschprogramme und Ausbildung führen die Soldaten weit über Tarp und Eggebek hinaus.
Gleichzeitig bleibt +egmont+ das, was die Zeitung von Beginn an sein wollte: ein Spiegel des Lebens innerhalb des Geschwaders.
Neben militärischen Themen stehen Sport, Reisen, Musik, gesellschaftliche Veränderungen und Leserbriefe.
Gerade diese Mischung macht die Ausgabe zu einem außergewöhnlichen Zeitdokument.
Eine Geschwaderzeitung findet ihren eigenen Weg
Auch die Redaktion von +egmont+ selbst befand sich noch in einer Entwicklungsphase.
In der dritten Ausgabe wird offen über Kritik aus der Leserschaft gesprochen. Leserbriefe und Verbesserungsvorschläge wurden ausgewertet, gleichzeitig musste die Redaktion mit begrenzten personellen und technischen Möglichkeiten arbeiten. Egmont 1970-03
Das ist bemerkenswert.
Die Zeitung verstand sich nicht als unveränderliches offizielles Mitteilungsblatt.
Sie wollte sich weiterentwickeln.
Kritik sollte aufgenommen werden, ohne den eigenen Charakter aufzugeben.
Damit entwickelte sich auch +egmont+ selbst zu einem Ausdruck jener Gemeinschaft, über die das Heft berichtete.
TAC EVAL – wenn Einsatzbereitschaft überprüft wird
Ein besonders aufschlussreicher Bericht beschreibt eine TAC EVAL, eine taktische Bewertung des Geschwaders.
Der Bericht beginnt mit einer Sirene.
Geschwaderalarm.
Innerhalb kürzester Zeit mussten die Soldaten reagieren, Ausrüstung übernehmen und ihre vorgesehenen Positionen besetzen.
Was zunächst beinahe humorvoll beschrieben wird, hatte einen sehr ernsten Hintergrund.
Bei einer solchen Bewertung wurde überprüft, ob ein Verband unter realistischen Bedingungen tatsächlich in der Lage war, seinen militärischen Auftrag zu erfüllen.
Befehle, Alarmierung, Arbeitsabläufe, Meldungen und Zusammenarbeit mussten funktionieren.
Am Ende erhielt das Geschwader ein gutes Ergebnis. Egmont 1970-03
Vom Friedensbetrieb zum Einsatzverband
Dieser Beitrag verdeutlicht eine grundlegende Entwicklung der Marineflieger.
Ein Geschwader konnte nicht ausschließlich für den alltäglichen Flugbetrieb funktionieren.
Im Ernstfall musste es innerhalb kurzer Zeit von Routine auf Einsatz umstellen können.
Das erforderte weit mehr als fliegende Besatzungen.
Techniker, Fernmelder, Logistiker, Stäbe, Sicherungskräfte und zahlreiche weitere Bereiche mussten ineinandergreifen.
Die Einsatzbereitschaft eines Marinefliegergeschwaders war damit das Ergebnis eines komplexen Gesamtsystems.
Schon 1970 wurde genau dieses Zusammenspiel regelmäßig überprüft.
Internationale Zusammenarbeit wird Alltag
Noch deutlicher als zuvor zeigt die dritte Ausgabe, wie international der Dienst bei den Marinefliegern bereits geworden war.
Im Rahmen eines Austausches mit der türkischen Marine reisten Angehörige des MFG 2 nach Mürted bei Ankara.
Der Weg führte über verschiedene europäische Stationen bis in die Türkei.
Dort trafen deutsche Soldaten auf türkische Marineangehörige und erhielten Einblicke in deren militärischen Alltag. Neben offiziellen Programmpunkten schildert der Bericht auch zahlreiche persönliche Eindrücke aus Ankara und Istanbul. Egmont 1970-03
Solche Austauschprogramme waren mehr als touristische Reisen.
Sie stärkten persönliche Kontakte zwischen Soldaten verschiedener NATO-Staaten.
NATO wird persönliche Erfahrung
Der Kalte Krieg wird rückblickend häufig mit großen politischen Begriffen beschrieben:
Ost und West.
NATO und Warschauer Pakt.
Abschreckung.
Bündnisverteidigung.
Für einen Marineflieger des Jahres 1970 konnte NATO jedoch etwas sehr Konkretes bedeuten.
Man flog zu einem Partnerverband.
Man arbeitete mit Soldaten anderer Nationen zusammen.
Man lernte deren Verfahren kennen.
Man saß abends gemeinsam am Tisch.
Internationale Zusammenarbeit entstand dadurch nicht nur auf der Ebene von Regierungen oder militärischen Führungsstäben.
Sie entstand zwischen Menschen.
Die Marineflieger werden internationaler
Diese Entwicklung sollte für die Marineflieger immer wichtiger werden.
Maritime Luftstreitkräfte operierten zwangsläufig über große Entfernungen.
Seegebiete, Flugplätze und Einsatzräume ließen sich nicht dauerhaft innerhalb nationaler Grenzen betrachten.
Navigation, Kommunikation, Verfahren und Ausbildung mussten international aufeinander abgestimmt werden.
Die Begegnungen von 1970 sind deshalb Teil einer Entwicklung, die Jahrzehnte später zum normalen Alltag multinationaler Übungen und Einsätze gehören sollte.
Sport als Teil militärischer Leistungsfähigkeit
Auch in dieser Ausgabe spielt Sport wieder eine große Rolle.
Beim Divisionssportfest traten Angehörige des MFG 2 in zahlreichen Disziplinen an. Laufwettbewerbe, Staffeln, Leichtathletik und andere Wettkämpfe werden ausführlich dokumentiert.
Besonders der Erfolg der Hallenhandballmannschaft wird hervorgehoben. Egmont 1970-03
Doch Sport war innerhalb eines militärischen Verbandes nicht einfach nur Freizeitgestaltung.
Kondition, Leistungsbereitschaft und körperliche Belastbarkeit gehörten zum Berufsbild des Soldaten.
Gleichzeitig schufen Wettbewerbe Identifikation.
Man trat nicht nur für sich selbst an.
Man trat für seine Staffel oder sein Geschwader an.
Gemeinschaft entsteht auch außerhalb des Dienstes
In den Sportberichten wird immer wieder deutlich, wie wichtig Zusammenhalt innerhalb des MFG 2 war.
Erfolge wurden gemeinsam gefeiert.
Niederlagen wurden analysiert.
Mannschaften repräsentierten ihre Einheiten.
Damit besaß Sport eine Funktion, die weit über körperliche Fitness hinausging.
Er verband Dienstgradgruppen und unterschiedliche Tätigkeitsbereiche.
Der Techniker, der Fernmelder und der Flugzeugführer konnten auf dem Sportplatz Mitglieder derselben Mannschaft sein.
Musik als Spiegel einer neuen Zeit
Ein längerer Beitrag beschäftigt sich mit der damaligen Hitparade und der Frage, welche Musik bei den Lesern beliebt war.
Jazz, Pop und moderne Unterhaltungsmusik spiegeln eine Gesellschaft wider, die sich kulturell stark veränderte.
Auch innerhalb eines militärischen Geschwaders waren diese Entwicklungen selbstverständlich präsent.
Die Soldaten lebten nicht außerhalb ihrer Zeit.
Sie hörten dieselbe Musik wie andere junge Menschen.
Sie interessierten sich für Filme.
Sie reisten.
Sie diskutierten über gesellschaftliche Entwicklungen.
Die neue Jugendbewegung
Besonders deutlich wird dies in einem ausführlichen Beitrag über die neue Jugendbewegung.
Der Autor beschäftigt sich mit Beatkultur, Festivals, langen Haaren, gesellschaftlicher Kritik und dem Verhältnis zwischen den Generationen.
Dabei werden historische Jugendbewegungen mit den Entwicklungen um 1970 verglichen. Egmont 1970-03
Dieser Beitrag ist ein bemerkenswertes Zeitdokument.
Er zeigt, dass die gesellschaftlichen Veränderungen der späten 1960er-Jahre längst auch innerhalb des militärischen Umfeldes diskutiert wurden.
Soldaten zwischen Tradition und gesellschaftlichem Wandel
Für die Bundeswehr war diese Entwicklung besonders interessant.
Militärische Organisationen beruhen auf Ordnung, Hierarchie und Tradition.
Gleichzeitig kamen immer neue Jahrgänge junger Soldaten in die Verbände, die außerhalb der Kasernen eine Gesellschaft erlebten, in der Autoritäten zunehmend hinterfragt wurden.
Dadurch trafen unterschiedliche Vorstellungen unmittelbar aufeinander.
Auch bei den Marinefliegern.
+egmont+ dokumentiert diese Auseinandersetzung nicht als theoretische gesellschaftspolitische Analyse.
Sie erscheint aus der Perspektive der Menschen, die mitten darin lebten.
Kieler Woche – Marineflieger auf dem Wasser
Marinefliegergeschichte muss nicht immer in der Luft stattfinden.
Bei der Kieler Woche 1970 nahm das MFG 2 an Regatten teil.
Der Bericht beschreibt Besatzungen, Wettfahrten und Ergebnisse und zeigt damit eine weitere Facette der maritimen Identität des Geschwaders. Egmont 1970-03
Die Verbindung zwischen Marine und Fliegerei war innerhalb eines Marinefliegerverbandes selbstverständlich.
Auch wenn die Angehörigen des Geschwaders mit Hochleistungsflugzeugen arbeiteten, blieben sie Teil der Marine.
Die Teilnahme an einer Segelregatta brachte diese Identität auf ganz andere Weise zum Ausdruck.
Vom Piloten zum TACCO
Einer der fachlich interessantesten Beiträge trägt die Überschrift:
„Was ist ein Tacco?“
Gemeint ist der Tactical Coordinator.
Der Artikel beschreibt einen militärischen Spezialisten, dessen Aufgabe es war, den taktischen Einsatz bei der U-Boot-Jagd zu koordinieren.
Dabei wird deutlich, dass moderne maritime Luftkriegsführung längst nicht mehr allein durch den Piloten bestimmt wurde.
Sensoren, Navigation, taktische Auswertung und Waffeneinsatz mussten miteinander verbunden werden.
Der TACCO entwickelte sich zu einem zentralen Besatzungsmitglied moderner Seefernaufklärer. Egmont 1970-03
U-Boot-Jagd wird zum System
Der Bericht über die TACCO-Ausbildung zeigt besonders anschaulich, wie stark sich die Marinefliegerei technisch verändert hatte.
U-Boote konnten nicht einfach mit bloßem Auge gesucht werden.
Sensorinformationen mussten ausgewertet werden.
Positionen mussten berechnet werden.
Suchmuster mussten koordiniert werden.
Waffen mussten im richtigen Augenblick eingesetzt werden.
Der Luftfahrzeugführer war dabei nur noch ein Teil einer größeren Besatzung.
Damit entstand ein neues Verständnis militärischer Luftfahrt:
Das Flugzeug wurde zum fliegenden Gesamtsystem.
Ausbildung in den Vereinigten Staaten
Die Ausbildung eines TACCO führte über den Atlantik.
Der Artikel beschreibt Stationen in Pensacola in Florida und später in Corpus Christi in Texas.
Simulatoren, taktische Ausbildung und praktische Flüge gehörten zum Programm.
Gerade diese Ausbildung macht deutlich, wie eng sich die deutschen Marineflieger bereits an internationalen Verfahren orientierten. Egmont 1970-03
Technisches Wissen wurde nicht ausschließlich national entwickelt.
Die Erfahrungen anderer Marinen flossen unmittelbar in die deutsche Ausbildung ein.
Eine Entwicklung, die bis heute reicht
Der TACCO ist ein besonders gutes Beispiel dafür, warum historische Quellen wie +egmont+ für Marineflieger.de interessant sind.
Viele Funktionen moderner Besatzungen erscheinen heute selbstverständlich.
1970 befanden sich zahlreiche Verfahren jedoch noch in einer Phase intensiver Entwicklung.
Die Grundlagen jener Arbeitsweisen, die Jahrzehnte später bei modernen Seefernaufklärern fortgeführt wurden, lassen sich hier unmittelbar beobachten.
Die Technik änderte sich.
Die Grundaufgabe blieb:
suchen, erkennen, klassifizieren, verfolgen und im Auftrag bekämpfen.
Leserbriefe zeigen unterschiedliche Sichtweisen
Auch die Leser beteiligten sich zunehmend an +egmont+.
Ein Leserbrief erreichte die Redaktion sogar aus Sheppard Air Force Base in Texas. Ein dort zur Ausbildung befindlicher Marineangehöriger berichtete, dass mehrere Exemplare der Zeitung angekommen seien und von deutschen Marinefliegern in den USA gelesen würden. Egmont 1970-03
Damit zeigt sich erneut die internationale Dimension des Verbandes.
Die Geschwadergemeinschaft endete nicht am Tor des Fliegerhorstes Eggebek.
Selbst Soldaten, die tausende Kilometer entfernt ausgebildet wurden, blieben über die Zeitung mit ihrem Verband verbunden.
Diskussion gehört zur Gemeinschaft
Weitere Leserbriefe greifen Themen wie Sport, Inhalt und Ausrichtung der Geschwaderzeitung auf.
Nicht alle Leser waren derselben Meinung.
Gerade das macht diese Seiten interessant. Egmont 1970-03
+egmont+ war keine sterile Chronik.
Es wurde diskutiert.
Es wurde kritisiert.
Es wurde widersprochen.
Damit dokumentiert die Zeitung nicht nur Ereignisse, sondern auch die Meinungen der Menschen.
Was bewegte die Marineflieger 1970?
Die dritte Ausgabe vermittelt vielleicht stärker als die vorherigen Hefte das Gefühl eines Verbandes, der zwischen verschiedenen Welten stand.
Auf der einen Seite:
Alarmierung, TAC EVAL, internationale Ausbildung und militärische Einsatzbereitschaft.
Auf der anderen:
Sport, Musik, Reisen und gesellschaftliche Diskussionen.
Dazwischen lagen die ganz normalen Erfahrungen der Menschen.
Dienst.
Kameradschaft.
Ausbildung.
Neugier auf andere Länder.
Und die Frage, wie man sich selbst innerhalb einer Gesellschaft verstand, die sich sichtbar veränderte.
Die Marineflieger werden Teil eines internationalen Systems
Aus historischer Sicht lässt sich in +egmont+ 1970-03 eine klare Entwicklung erkennen.
Die Marineflieger waren nicht mehr lediglich ein nationaler Verband, der von deutschen Flugplätzen aus operierte.
Ihre Ausbildung führte in die USA.
Austauschprogramme führten in die Türkei.
Taktische Verfahren wurden innerhalb der NATO abgestimmt.
Einsatzbereitschaft wurde nach internationalen Maßstäben überprüft.
Die Marineflieger wurden damit immer stärker Teil eines militärischen Systems, das über nationale Grenzen hinaus funktionierte.
Gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft
Doch der Wandel fand nicht nur beim Militär statt.
Die Jugendkultur veränderte sich.
Musik veränderte sich.
Autoritäten wurden hinterfragt.
Reisen wurden selbstverständlicher.
Internationale Begegnungen nahmen zu.
Auch innerhalb eines Marinefliegergeschwaders konnten diese Entwicklungen nicht ausgeblendet werden.
Die Soldaten des Jahres 1970 waren gleichzeitig Marineangehörige und Bürger einer Gesellschaft im Wandel.
Genau diese Verbindung macht +egmont+ so wertvoll.
1970-03 – ein Geschwader wird internationaler
Die dritte Ausgabe zeigt einen weiteren Schritt in der Entwicklung des Marinefliegergeschwaders 2.
Aus einem technisch anspruchsvollen militärischen Verband wurde zunehmend ein international vernetzter Einsatzverband.
Ausbildung und Verfahren wurden komplexer.
Neue Spezialisten wie der TACCO übernahmen zentrale Aufgaben.
Internationale Zusammenarbeit wurde alltäglicher.
Und gleichzeitig blieb der Mensch im Mittelpunkt.
Die Soldaten reisten, diskutierten, hörten Musik, betrieben Sport und beschäftigten sich mit einer Gesellschaft, die sich ebenso schnell veränderte wie ihre Flugzeuge.
Genau darin liegt die Stärke dieser historischen Reihe.
Sie erzählt nicht nur, welche Flugzeuge die Marineflieger besaßen.
Sie zeigt, wie sich die Marineflieger entwickelten und wie die Menschen diese Entwicklung erlebten.
Quellenhinweis:
Dieser Beitrag basiert auf zeitgenössischen Ausgaben der Geschwaderzeitung +egmont+ des Marinefliegergeschwaders 2.
Die historischen Originalausgaben befinden sich, als PDF-Datei, im privaten Archiv und werden nicht online veröffentlicht.