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1970-02 – Zwischen Verlust, Professionalität und Wandel

+egmont+ zeigt die Marineflieger in einer Zeit des Umbruchs

Geschichte besteht nicht nur aus neuen Flugzeugmustern, Umgliederungen und militärischen Entscheidungen. Gerade die zeitgenössischen Ausgaben von +egmont+ zeigen, dass sich die Entwicklung der Marineflieger ebenso an den Menschen ablesen lässt, die in den Verbänden dienten und mit ihnen lebten.

Die zweite Ausgabe des Jahres 1970 macht dies besonders deutlich.

Zwischen Berichten über Flugbetrieb und Technik stehen Trauer, Kommunalpolitik, Familienfragen, Sport, Kultur und sogar Beschwerden über den Lärm der Marineflugzeuge.

Die Ausgabe vermittelt damit ein Bild eines Marinefliegergeschwaders, das militärisch immer professioneller und technisch anspruchsvoller wurde, gleichzeitig aber immer enger mit der Gesellschaft rund um Tarp und Eggebek verbunden war.


Ein Heft beginnt mit Trauer

Noch bevor die eigentlichen Beiträge beginnen, erinnert +egmont+ an Oberleutnant zur See Joachim von Hassel.

Er war am 10. März 1970 kurz vor der Landung mit seinem Flugzeug tödlich verunglückt.

Die Ausgabe beginnt deshalb nicht mit Technik, Erfolgen oder Veranstaltungen, sondern mit dem Verlust eines Kameraden.

Dieser Einstieg macht unmittelbar deutlich, unter welchen Bedingungen militärische Fliegerei damals stattfand.

Fliegen bedeutete Geschwindigkeit, technische Leistungsfähigkeit und militärische Einsatzbereitschaft. Es bedeutete aber auch ein reales Risiko.

Hinter jedem Flugzeug stand ein Mensch.

Und wenn ein Flugzeug verloren ging, war dies innerhalb eines Geschwaders keine abstrakte Statistik, sondern der Verlust eines Kameraden, Kollegen und Freundes.

Die Erinnerung an Joachim von Hassel macht diesen Teil der Geschichte sichtbar.


Flugsicherheit wird zur Frage der Professionalität

Nur wenige Seiten später zeigt +egmont+ eine andere Seite desselben Themas.

Unter der Überschrift „Bravo gut gemacht“ wird ein Zwischenfall mit zwei F-104G beschrieben.

Oberleutnant zur See Wolfgang Engel und Kapitänleutnant Manfred Kowalewski hatten den Auftrag, zwei F-104G von Eggebek nach Decimomannu auf Sardinien zu überführen. Eine Zwischenlandung auf dem Flugplatz Lahr war vorgesehen.

Während des TACAN-Anflugverfahrens gerieten die Flugzeuge in eine gefährliche Situation.

Trotz erheblicher Beschädigungen gelang es den Piloten, ihre Maschinen unter Kontrolle zu behalten und sicher zu landen.

Der Bericht ist aus heutiger Sicht besonders interessant, weil er zeigt, wie stark sich das Selbstverständnis der Marineflieger bereits auf Professionalität, Ausbildung und Beherrschung komplexer Technik stützte.

Moderne Kampfflugzeuge verlangten nicht nur fliegerisches Können.

Piloten mussten in Sekunden technische Probleme erkennen, Entscheidungen treffen und Verfahren beherrschen, die im Ernstfall über Leben und Tod entschieden.


Die F-104G prägt das Bild der Marineflieger

Die F-104G war Anfang der 1970er-Jahre eines der sichtbarsten Symbole der modernen deutschen Militärluftfahrt.

Für die Marineflieger bedeutete sie hohe Geschwindigkeit, große Leistungsfähigkeit und neue taktische Möglichkeiten.

Gleichzeitig stellte sie enorme Anforderungen an Piloten und technisches Personal.

Der Bericht über den Zwischenfall macht deshalb deutlich, dass sich die Entwicklung der Marineflieger nicht allein an den Leistungsdaten ihrer Flugzeuge messen lässt.

Mit leistungsfähigeren Flugzeugen mussten auch Ausbildung, Wartung, Verfahren und Sicherheitsbewusstsein wachsen.

Technischer Fortschritt erforderte menschliche Professionalität.

Diese Entwicklung sollte die Marineflieger über die folgenden Jahrzehnte immer stärker prägen.


Hannover zeigt, wohin sich die Luftfahrt entwickelt

Technikbegeisterung ist auch an anderer Stelle deutlich zu erkennen.

Angehörige des MFG 2 besuchten die Hannover-Messe und insbesondere die dortige Luftfahrtschau.

Der Bericht erwähnt verschiedene Flugzeuge und Hubschrauber und vermittelt die Faszination für eine Luftfahrtindustrie, die ständig neue technische Möglichkeiten hervorbrachte.

Zu sehen waren unter anderem Entwicklungen rund um Senkrecht- und Kurzstartfähigkeit sowie moderne Hubschrauber.

Für die Soldaten eines Marinefliegergeschwaders war eine solche Ausstellung weit mehr als eine gewöhnliche Messe.

Viele der dort gezeigten Technologien berührten unmittelbar die Zukunft ihres eigenen Berufes.

Hubschrauber, Kurzstartfähigkeit, neue Triebwerke, neue Werkstoffe und neue elektronische Systeme veränderten die militärische Luftfahrt in immer kürzeren Abständen.


Technischer Fortschritt verändert auch den Dienst am Boden

Modernisierung fand jedoch nicht nur im Cockpit statt.

In Tarp wurde ein neues Nachschubzentrum eröffnet.

Der Bericht verweist dabei auf eine bereits 1966 geplante organisatorische Entwicklung und auf die Einbindung in ein nationales technisches System.

Auch dieser scheinbar unspektakuläre Vorgang gehört zur Entwicklung der Marineflieger.

Ein modernes Geschwader bestand längst nicht mehr nur aus Piloten und Flugzeugen.

Ersatzteile, Materialversorgung, technische Dokumentation, Lagerhaltung und Logistik wurden zu entscheidenden Voraussetzungen für die Einsatzbereitschaft.

Je komplexer die Flugzeuge wurden, desto wichtiger wurde die Organisation hinter ihnen.

Die Marineflieger entwickelten sich damit zunehmend zu einem hochgradig vernetzten technischen Gesamtsystem.


Lufttransport wird medizinische Aufgabe

Besonders interessant ist ein Bericht über einen neuartigen Lehrgang.

Im Mai 1970 wurde erstmals ein Ausbildungsabschnitt zur Lufttransportmedizin durchgeführt.

Dabei ging es um die besonderen Anforderungen beim Transport verwundeter oder erkrankter Menschen mit Luftfahrzeugen.

Behandelt wurden unter anderem Auswirkungen von Flughöhe und Luftdruck, die Vorbereitung von Patienten und die medizinische Betreuung während des Fluges.

Für praktische Ausbildungsanteile kamen unter anderem Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D und eine Transall C-160 zum Einsatz.

In einer Übung wurde sogar der Transport einer größeren Zahl von Verletzten simuliert.

Dieser Bericht zeigt eine Entwicklung, die weit über den klassischen Kampfauftrag hinausging.

Luftfahrzeuge wurden zunehmend als Bestandteil eines komplexen Rettungs- und Versorgungssystems verstanden.

Schnelligkeit konnte nicht nur militärischen Erfolg bedeuten.

Sie konnte Leben retten.


Die Marineflieger und ihre Umgebung

Während Technik und Ausbildung immer anspruchsvoller wurden, blieb eine andere Frage bestehen:

Wie lebte ein militärischer Flugplatz mit seiner Umgebung zusammen?

+egmont+ liefert darauf eine ungewöhnlich offene Antwort.

Eine Beschwerde aus dem zivilen Umfeld trägt die Überschrift:

„Ewig dieser Düsenlärm …“

Der Verfasser beklagt den Fluglärm der Düsenflugzeuge und beschreibt die Belastung für Menschen, die sich im Bereich der Flensburger Förde aufhielten.

Für die historische Betrachtung ist dieser Beitrag besonders wertvoll.

Denn er zeigt die andere Seite der militärischen Fliegerei.

Was für die Soldaten Ausbildung, Einsatzbereitschaft und täglicher Dienst war, konnte für die Bevölkerung schlicht Lärm bedeuten.

Der Flugplatz Eggebek existierte nicht in einem abgeschlossenen Raum.

Seine Flugbewegungen wurden kilometerweit wahrgenommen.


Zwischen Einsatzbereitschaft und Akzeptanz

Damit erscheint bereits 1970 ein Thema, das militärische Flugplätze bis heute begleitet:

das Verhältnis zwischen militärischer Notwendigkeit und ziviler Belastung.

Für ein Einsatzgeschwader war regelmäßiger Flugbetrieb unverzichtbar. Piloten mussten fliegen, Verfahren trainieren und ihre Fähigkeiten erhalten.

Für Anwohner bedeutete derselbe Betrieb jedoch Geräuschbelastung und Einschränkungen.

Dass +egmont+ eine solche Kritik überhaupt abdruckte, ist bemerkenswert.

Die Geschwaderzeitung dokumentierte damit nicht nur die eigene Sichtweise, sondern ließ auch erkennen, dass die Marineflieger Teil einer Gesellschaft waren, mit der sie sich auseinandersetzen mussten.


Kommunalpolitik direkt vor dem Kasernentor

Auch die neu gewählten Gemeindevertretungen von Tarp und Eggebek werden ausführlich vorgestellt.

Kommunalpolitik mag auf den ersten Blick wenig mit Marinefliegerei zu tun haben.

Für die Angehörigen des Geschwaders war sie jedoch unmittelbar relevant.

Viele Soldaten lebten mit ihren Familien in den umliegenden Gemeinden. Entscheidungen über Wohnraum, Straßen, Schulen, Kindergärten oder Freizeitangebote beeinflussten ihren Alltag direkt.

Das Geschwader und die Gemeinden waren deshalb längst miteinander verflochten.

Die Entwicklung der Marineflieger war gleichzeitig auch eine Entwicklung ihrer Standorte.


Kinderbetreuung wird zum Thema

Besonders deutlich wird dies in den Leserbriefen.

Wieder beschäftigt die Menschen die Situation der Kinderbetreuung.

Diskutiert werden Kindergartenplätze und die Einrichtung einer Kinderkrippe.

Die Beiträge zeigen, wie schwierig es teilweise war, militärischen Dienst, Familienleben und Betreuung miteinander zu verbinden.

Heute würde man viele dieser Fragen unter dem Begriff der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zusammenfassen.

1970 wurde dafür eine andere Sprache verwendet.

Das Problem selbst war jedoch bereits vorhanden.

Je stärker die Marineflieger zu einem dauerhaften beruflichen Lebensumfeld wurden, desto wichtiger wurden funktionierende soziale Strukturen für die Familien.


Das Geschwader besteht nicht nur aus Flugzeugen

Gerade solche Themen verändern den Blick auf historische Marinefliegerverbände.

Von außen betrachtet dominieren häufig Flugzeuge, Hangars und Uniformen.

+egmont+ zeigt dagegen die Menschen dahinter.

Sie beschäftigten sich mit Kinderbetreuung.

Sie diskutierten Kommunalpolitik.

Sie organisierten Sportveranstaltungen.

Sie besuchten Konzerte.

Sie fotografierten.

Sie gingen ins Kino.

Und sie diskutierten über den Lärm der eigenen Flugzeuge.

Diese scheinbaren Nebensächlichkeiten machen Geschichte greifbar.


Sport zwischen Kameradschaft und Auftrag

Sport nimmt erneut einen großen Raum in der Ausgabe ein.

Das Geschwadersportfest 1970, Hallenhandball und die Geschwaderfußballmeisterschaft werden ausführlich behandelt.

Sport war Bestandteil der körperlichen Leistungsfähigkeit, aber gleichzeitig ein wichtiges Element der Gemeinschaft.

Interessant ist ein Leserbrief, in dem das Verhältnis zwischen sportlicher Aktivität und militärischem Auftrag thematisiert wird.

Die Botschaft ist eindeutig:

Sport wird ausdrücklich begrüßt.

Doch der militärische Auftrag des Geschwaders steht an erster Stelle.

Auch darin zeigt sich ein zunehmend professionelles Selbstverständnis.

Kameradschaft und Freizeit gehörten zum Geschwaderleben, mussten sich jedoch in die Anforderungen eines einsatzbereiten Verbandes einordnen.


Jazz, Kino und Fotografie

Trotz aller militärischen Themen bleibt +egmont+ eine erstaunlich kulturelle Zeitschrift.

Eine mehrseitige Reportage beschäftigt sich mit Oldtime Jazz und dem Besuch des britischen Klarinettisten Monty Sunshine.

Hinzu kommen Kinotipps und eine fortgesetzte Reihe über Fotografie.

Das mag auf den ersten Blick wenig mit der Geschichte der Marineflieger zu tun haben.

Tatsächlich zeigen gerade diese Beiträge sehr deutlich, wer die Menschen im Geschwader waren.

Sie interessierten sich nicht ausschließlich für Flugzeuge und militärische Fragen.

Die Geschwaderzeitung sollte bewusst Unterhaltung, Kultur, Information und Gemeinschaft miteinander verbinden.


Europa wird diskutiert

Auch der gesellschaftliche Blick erweitert sich.

Ein Beitrag zum Europatag beschäftigt sich mit der europäischen Einigung und der Frage, welche Bedeutung ein stärker zusammenwachsendes Europa haben könnte.

Besonders die jüngere Generation wird dabei als Träger eines Europas ohne innere Grenzen betrachtet.

Für Soldaten eines NATO-Verbandes besitzt dieses Thema eine zusätzliche Dimension.

Ihr militärischer Alltag war bereits international geprägt.

Ausbildung, Übungen, Flugplätze und Verfahren führten sie regelmäßig über nationale Grenzen hinweg.

Europa war deshalb nicht nur eine politische Idee.

Es wurde zunehmend Teil ihrer beruflichen Realität.


Olympia 1972 rückt näher

Auch die bevorstehenden Olympischen Spiele 1972 in München bleiben ein Thema.

Die zweite Ausgabe setzt die bereits begonnene Berichterstattung fort und beschreibt Planung, Bauarbeiten und organisatorische Vorbereitungen.

Heute erscheinen solche Beiträge wie Momentaufnahmen.

1970 lagen die Spiele noch in der Zukunft.

Niemand konnte wissen, welche Ereignisse später mit München 1972 verbunden sein würden.

Für die damaligen Leser stand etwas anderes im Mittelpunkt:

Deutschland bereitete sich auf ein internationales Großereignis vor.

Es herrschte Aufbruchsstimmung.


Besucher erleben das Marinefliegergeschwader

Eine weitere Reportage berichtet über einen Besuch beim MFG 2.

Gäste erhielten Einblicke in den Verband und seine Flugzeuge.

Solche Veranstaltungen waren mehr als reine Öffentlichkeitsarbeit.

Sie halfen dabei, die teilweise abstrakte Welt eines militärischen Flugplatzes für Außenstehende verständlich zu machen.

Gerade angesichts von Fluglärm und militärischer Abschottung war persönlicher Kontakt wichtig.

Wer Flugzeuge, Soldaten und Arbeitsabläufe aus der Nähe kennenlernen konnte, erhielt einen anderen Eindruck vom Geschwader.


1970-02 zeigt eine reifere Marinefliegerei

Im Vergleich zur ersten betrachteten Ausgabe wird in +egmont+ 1970-02 eine Entwicklung besonders sichtbar:

Das Marinefliegergeschwader war nicht mehr nur eine militärische Formation mit Flugzeugen.

Es war inzwischen ein komplexes System.

Piloten mussten hochentwickelte Flugzeuge beherrschen.

Techniker mussten deren Einsatzbereitschaft gewährleisten.

Logistik musste Ersatzteile bereitstellen.

Sanitätsdienste entwickelten Verfahren für Lufttransporte.

Familien benötigten Betreuung.

Gemeinden mussten mit dem Standort leben.

Und die Bevölkerung erwartete, dass ihre Interessen ebenfalls berücksichtigt wurden.

Die Marineflieger wurden damit gleichzeitig technischer, professioneller und gesellschaftlich stärker eingebunden.


Was bewegte die Menschen im Jahr 1970?

Die zweite Ausgabe von +egmont+ zeigt besonders deutlich, welche Themen den Alltag bestimmten.

Die Erinnerung an einen tödlich verunglückten Kameraden stand unmittelbar neben Berichten über erfolgreich gemeisterte fliegerische Notlagen.

Technische Begeisterung traf auf die Realität gefährlicher Flugoperationen.

Neue Ausbildungsmöglichkeiten entstanden.

Die medizinische Nutzung von Luftfahrzeugen gewann an Bedeutung.

Familien diskutierten über Kinderbetreuung.

Anwohner beschwerten sich über Fluglärm.

Und Soldaten beschäftigten sich gleichzeitig mit Sport, Jazz, Kino, Fotografie, Kommunalpolitik und Europa.

Das alles gehörte zur Welt der Marineflieger.


Marinefliegergeschichte aus Sicht der Menschen

Gerade deshalb ist +egmont+ für die historische Betrachtung so wertvoll.

Ein technisches Datenblatt kann erklären, wie schnell eine F-104G flog.

Ein Organisationsplan kann zeigen, wie ein Geschwader aufgebaut war.

Ein Einsatzbericht kann dokumentieren, welche Aufgaben erfüllt wurden.

Doch erst Quellen wie +egmont+ zeigen, wie sich diese Welt für die Menschen angefühlt hat.

1970 war eine Zeit technischer Beschleunigung.

Die Flugzeuge wurden schneller.

Die Systeme wurden komplexer.

Die Anforderungen an Ausbildung und Organisation stiegen.

Gleichzeitig wurden soziale und gesellschaftliche Fragen innerhalb des militärischen Umfeldes immer sichtbarer.

Genau diese Verbindung macht die Geschichte der Marineflieger vollständig.

Denn Marinefliegergeschichte ist nicht nur die Geschichte ihrer Flugzeuge.

Es ist ebenso die Geschichte der Menschen, die sie flogen, warteten und unterstützten – und der Familien und Gemeinden, die mit ihnen lebten.


Quellenhinweis:

Dieser Beitrag basiert auf zeitgenössischen Ausgaben der Geschwaderzeitung +egmont+ des Marinefliegergeschwaders 2.
Die historischen Originalausgaben befinden sich, als PDF-Datei, im privaten Archiv und werden nicht online veröffentlicht.