Die F-104G Starfighter der deutschen Marineflieger
Die Lockheed F-104G Starfighter gehörte zu den prägendsten Kampfflugzeugen der deutschen Marineflieger während des Kalten Krieges. Von 1963 bis 1986 bildete sie bei den Marinefliegergeschwadern 1 und 2 das Rückgrat der luftgestützten Seekriegführung. Ihre Hauptaufgaben waren die bewaffnete Seeaufklärung, der Angriff auf gegnerische Überwassereinheiten und die Bekämpfung wichtiger Ziele im Küstenraum.
Mit hoher Geschwindigkeit, moderner Navigations- und Angriffselektronik sowie der später eingeführten Anti-Schiffs-Lenkwaffe AS.34 Kormoran verschaffte die F-104G der Bundesmarine eine für ihre Zeit beachtliche Angriffsfähigkeit. Gleichzeitig blieb der Starfighter wegen seiner hohen Unfallrate, seiner anspruchsvollen Flugeigenschaften und seiner verlustreichen Einführung eines der umstrittensten Waffensysteme der Bundeswehr.
Vom Abfangjäger zum Mehrzweckkampfflugzeug
Die ursprüngliche F-104 wurde von Lockheed als leichter, einstrahliger Abfangjäger entwickelt. Der Erstflug fand am 4. März 1954 statt. Das Flugzeug war konsequent auf hohe Geschwindigkeit, starke Steigleistung und den Einsatz in großer Höhe ausgelegt. Kennzeichnend waren der schlanke Rumpf, die extrem dünnen und kurzen Tragflächen sowie das leistungsfähige Strahltriebwerk General Electric J79.
Die Bundesrepublik Deutschland entschied sich 1959 für die F-104G als neues Standardkampfflugzeug. Anders als das amerikanische Ausgangsmuster sollte die deutsche Version jedoch nicht nur als Abfangjäger dienen. Gefordert war ein allwetterfähiges Mehrzweckkampfflugzeug, das als Jagdbomber, Aufklärer und Tiefflugkampfflugzeug eingesetzt werden konnte.
Dafür erhielt die F-104G unter anderem eine verstärkte Zelle, ein leistungsfähigeres Fahrwerk, zusätzliche Außenlaststationen sowie ein kombiniertes Navigations- und Feuerleitsystem. Diese Veränderungen erhöhten die Einsatzmöglichkeiten, zugleich aber auch Gewicht, technische Komplexität und Anforderungen an Besatzungen und Wartungspersonal. Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr bewertet diese Vielzahl an Aufgaben und technischen Änderungen als einen Faktor, der zu den Problemen während der Einführung beitrug. Bundeswehr: 70 Jahre Aufstellung der Teilstreitkräfte
Einführung bei den Marinefliegern
Bei den Marinefliegern löste die F-104G vor allem die Hawker Sea Hawk ab. Eingesetzt wurden unterschiedliche Ausführungen:
- F-104G als einsitziger Jagdbomber
- RF-104G als taktisches Aufklärungsflugzeug
- TF-104G als zweisitziges Schul- und Trainingsflugzeug
Der erste Marineverband, der auf den Starfighter umrüstete, war das Marinefliegergeschwader 1 auf dem Fliegerhorst Schleswig-Jagel. Am 10. September 1963 traf dort die erste F-104G ein. Der erste Flug eines Starfighters des Geschwaders fand am 11. November 1963 mit einer zweisitzigen TF-104G statt.
Beim MFG 1 blieb der Starfighter bis Oktober 1981 im Einsatz. In diesem Zeitraum erflog der Verband mit dem Muster rund 132.000 Flugstunden. Anschließend wurde das Geschwader auf den Panavia Tornado IDS umgerüstet. MFG 1: Chronik der 1960er-Jahre und MFG 1: Lockheed F-104 Starfighter
Das Marinefliegergeschwader 2 erhielt im März 1965 auf dem Fliegerhorst Eggebek seine ersten eigenen F-104G und kurz darauf auch die Aufklärungsversion RF-104G. Damit verfügte die Bundesmarine über zwei leistungsfähige Jagdbomberverbände für die Seekriegführung aus der Luft.
Während das MFG 1 bereits zu Beginn der 1980er-Jahre auf den Tornado wechselte, flog das MFG 2 den Starfighter noch bis 1986. Die Umrüstung des Verbandes auf den Panavia Tornado begann offiziell am 11. September 1986. MFG 2: Geschichte des Marinefliegergeschwaders
Auftrag im Kalten Krieg
Das Einsatzgebiet der Marine-Starfighter lag vor allem über Nord- und Ostsee. Im Verteidigungsfall sollten die Flugzeuge gemeinsam mit anderen Kräften der Bundesmarine und den NATO-Partnern gegnerische Flottenbewegungen aufklären und bekämpfen.
Von besonderer strategischer Bedeutung waren die Ostseezugänge. Hier sollten Einheiten des Warschauer Paktes daran gehindert werden, aus der Ostsee in die Nordsee und weiter in den Nordatlantik vorzustoßen. Die F-104G konnte aufgrund ihrer Geschwindigkeit schnell große Seegebiete erreichen, erkannte Ziele visuell oder mithilfe anderer Aufklärungsmittel und griff gegnerische Schiffe im Tief- oder Tiefstflug an.
Zu den wesentlichen Aufgaben gehörten:
- bewaffnete Seeaufklärung
- fotografische und taktische Aufklärung
- Bekämpfung gegnerischer Überwassereinheiten
- Angriffe auf militärische Ziele im Küstenraum
- Unterstützung eigener und verbündeter Seestreitkräfte
- Überwachung wichtiger Seewege und Ostseezugänge
Die Aufklärungsvariante RF-104G besaß anstelle eines Teils der regulären Bewaffnung eine Kameraausrüstung. Auf diese Weise konnten Schiffsbewegungen, Hafenanlagen und andere militärisch relevante Ziele dokumentiert und ausgewertet werden.
Tiefflug über See
Ein typisches Einsatzverfahren der Marineflieger bestand im schnellen Anflug in geringer Höhe. Durch den Tiefflug sollte die Ortung durch gegnerische Radarsysteme möglichst lange erschwert werden. Über See fehlten jedoch markante Orientierungspunkte, während Wetterumschwünge, niedrige Wolken, schlechte Sicht und eine schwer erkennbare Wasseroberfläche die Besatzungen zusätzlich belasteten.
Die F-104G war bei hoher Geschwindigkeit vergleichsweise stabil. Ihre kleinen Tragflächen erzeugten jedoch eine hohe Flächenbelastung. Dadurch benötigte das Flugzeug hohe Start- und Landegeschwindigkeiten und bot bei niedrigen Geschwindigkeiten nur geringe Sicherheitsreserven.
Besonders anspruchsvoll waren Tiefflug, Formationsflug und Zielanflug bei ungünstigem Wetter. Da die F-104G nur ein Triebwerk besaß, konnten technische Störungen in geringer Höhe schnell zu einer kritischen Situation führen.
Bewaffnung und AS.34 Kormoran
Die Bewaffnung der Marine-Starfighter richtete sich nach dem jeweiligen Auftrag. Neben der fest eingebauten 20-Millimeter-Bordkanone konnten Bomben, ungelenkte Raketen, Zusatztanks und Luft-Luft-Lenkflugkörper zur Selbstverteidigung mitgeführt werden.
Die bedeutendste Marinebewaffnung wurde die in Deutschland entwickelte Anti-Schiffs-Lenkwaffe AS.34 Kormoran. Ihre Entwicklung wurde 1967 mit dem F-104G-Programm der Marineflieger verbunden. Nach umfangreichen Erprobungen erhielten entsprechend umgerüstete Starfighter die Fähigkeit, zwei Kormoran-Lenkflugkörper unter den Tragflächen zu tragen.
Nach dem Abschuss flog die Kormoran zunächst mithilfe eines Trägheitsnavigationssystems und eines Radarhöhenmessers in niedriger Höhe auf das Zielgebiet zu. In der Endphase suchte sie das Ziel mit einem eigenen Radarsuchkopf. Ihr Gefechtskopf war darauf ausgelegt, in einen Schiffsrumpf einzudringen und erst dort zu detonieren.
Mit der Einführung der Kormoran ab 1977 konnten die Marineflieger gegnerische Schiffe aus größerer Entfernung angreifen, ohne das Trägerflugzeug bis unmittelbar an das Ziel heranführen zu müssen. Die Kombination aus F-104G und Kormoran stellte damit einen erheblichen Fähigkeitszuwachs für die luftgestützte Seekriegführung der Bundesmarine dar. Forecast International: Kormoran AS.34 – Program Review
Technische Daten der F-104G
| Merkmal | F-104G Starfighter |
|---|---|
| Hersteller | Lockheed; europäische Lizenzfertigung |
| Typ | Einsitziger Jagdbomber |
| Besatzung | 1 |
| Länge | rund 16,7 Meter |
| Spannweite | 6,68 Meter |
| Maximale Startmasse | etwa 13.000 Kilogramm |
| Triebwerk | General Electric beziehungsweise MTU J79 |
| Schub mit Nachbrenner | rund 70,9 Kilonewton |
| Höchstgeschwindigkeit | etwa Mach 2 |
| Dienstgipfelhöhe | rund 15.500 Meter |
| Landegeschwindigkeit | je nach Beladung etwa 270 bis 350 km/h |
| Bordbewaffnung | 20-mm-M61-Vulcan-Kanone |
| Marinebewaffnung | unter anderem zwei AS.34 Kormoran |
| Marinevarianten | F-104G, RF-104G und TF-104G |
Die angegebenen Leistungswerte konnten je nach Rüststand, Außenlasten, Flughöhe und Einsatzprofil abweichen. Deutsches Museum: Lockheed F-104G Starfighter
Die Starfighter-Krise
Die F-104G war nicht nur ein leistungsfähiges, sondern auch ein anspruchsvolles Flugzeug. Von den insgesamt 916 durch die Bundeswehr übernommenen Starfightern ging ungefähr ein Drittel durch Unfälle oder andere schwere Beschädigungen verloren. Dabei kamen 116 Piloten ums Leben. Diese Zahlen umfassen die gesamte deutsche Starfighter-Flotte von Luftwaffe und Marinefliegern.
Die hohe Verlustrate lässt sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. Eine Rolle spielten unter anderem:
- die schnelle Einführung eines technisch komplexen Waffensystems
- unzureichende Ersatzteil- und Wartungsstrukturen während der Anfangsphase
- der hohe Ausbildungsbedarf der neu aufgebauten Bundeswehr
- anspruchsvolle Tiefflug- und Allwettermissionen
- hohe Start- und Landegeschwindigkeiten
- technische Störungen und Triebwerksprobleme
- räumliche Desorientierung und menschliche Faktoren
- die anfangs begrenzten Fähigkeiten des Schleudersitzes
Auch die Marineflieger blieben von schweren Unfällen nicht verschont. Das Bundesarchiv dokumentiert beispielsweise den Absturz einer RF-104G des MFG 2 am 10. März 1970 bei Obdrup. Dabei kam Oberleutnant zur See Joachim von Hassel ums Leben. Bundesarchiv: Eine Momentaufnahme aus der Starfighter-Krise
Verbesserte Ausbildung, organisatorische Veränderungen, technische Nachrüstungen und der Einbau des leistungsfähigeren Martin-Baker-Schleudersitzes erhöhten später die Flugsicherheit. Dennoch blieb die Bezeichnung „Witwenmacher“ dauerhaft mit dem Starfighter verbunden. Sie greift als alleinige Bewertung allerdings zu kurz, weil sie weder die schwierigen Einsatzprofile noch die Probleme beim Aufbau der personellen, technischen und logistischen Strukturen berücksichtigt.
Die „Vikings“ des MFG 2
In den letzten Einsatzjahren erlangte die F-104G des MFG 2 auch außerhalb der Bundeswehr große Bekanntheit. Das Vorführteam „Vikings“ zeigte mit zwei Starfightern präzise abgestimmte Flugprogramme bei zahlreichen Veranstaltungen im In- und Ausland.
Die Vorführungen machten Geschwindigkeit, Steigleistung und Wendigkeit des Flugzeuges für ein breites Publikum sichtbar. Gegen Ende ihrer Zeit erhielten die Maschinen eine auffällige Sonderlackierung in den Farben Schleswig-Holsteins. Die Vikings wurden damit zu einem weithin bekannten Symbol der Marineflieger und der auslaufenden Starfighter-Ära.
Ablösung durch den Panavia Tornado
Zu Beginn der 1980er-Jahre entsprach die F-104G zunehmend nicht mehr den Anforderungen an ein modernes Marinekampfflugzeug. Ihre Reichweite, Nutzlast, Avionik und Allwetterfähigkeit waren begrenzt. Außerdem musste der Pilot Navigation, Tiefflug, Zielerfassung, Waffeneinsatz und Selbstschutz allein bewältigen.
Der zweisitzige Panavia Tornado IDS bot eine wesentlich größere Waffenlast, höhere Reichweite und ein automatisches Geländefolgesystem. Die Aufgaben wurden zwischen Pilot und Waffensystemoffizier verteilt. Gleichzeitig konnte der Tornado die AS.34 Kormoran übernehmen und damit die bereits aufgebaute Fähigkeit zur Bekämpfung von Seezielen fortführen.
Das MFG 1 beendete seinen Starfighter-Flugbetrieb 1981. Das MFG 2 folgte 1986. Damit endete nach mehr als zwei Jahrzehnten der operative Einsatz der F-104G bei den deutschen Marinefliegern.
Bedeutung für die Marineflieger
Die F-104G Starfighter markierte den Übergang der deutschen Marineflieger vom frühen strahlgetriebenen Jagdbomber zum überschallschnellen, elektronisch unterstützten Waffensystem. Sie verband hohe Geschwindigkeit mit taktischer Aufklärung und der Fähigkeit, gegnerische Schiffe gezielt aus der Luft zu bekämpfen.
Ihre Geschichte besitzt zwei Seiten. Einerseits war die F-104G ein technisch anspruchsvolles Flugzeug mit geringer Fehlertoleranz, dessen Unfallbilanz nicht beschönigt werden darf. Andererseits leistete sie über mehr als zwanzig Jahre einen wesentlichen Beitrag zur Einsatzbereitschaft der Bundesmarine und zur Sicherung der nördlichen NATO-Flanke.
Vor allem mit der Integration der AS.34 Kormoran bereitete der Starfighter den Weg für die moderne luftgestützte Seekriegführung. Der nachfolgende Tornado übernahm nicht nur seine Aufgaben, sondern baute unmittelbar auf den taktischen Erfahrungen auf, welche die Marineflieger mit der F-104G gesammelt hatten.
Quellenverzeichnis
- Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: 70 Jahre Aufstellung der Teilstreitkräfte der Bundeswehr
- Deutsches Museum – Flugwerft Schleißheim: Lockheed F-104G Starfighter
- Bundesarchiv: Flugzeugabsturz von Obdrup – eine Momentaufnahme aus der Starfighter-Krise
- Marinefliegergeschwader 1: Chronik der 1960er-Jahre
- Marinefliegergeschwader 1: Lockheed F-104 Starfighter
- Marinefliegergeschwader 1: Chronik der 1980er-Jahre
- Marinefliegergeschwader 2: Geschichte des Verbandes
- Forecast International: Kormoran AS.34 – historischer Programmbericht
- Bundeswehr: Der Panavia PA-200 Tornado