Breguet BR 1150 Atlantic – das fliegende Auge der deutschen Marine
Über mehr als vier Jahrzehnte prägte die Breguet BR 1150 Atlantic die Seefernaufklärung der deutschen Marineflieger. Das zweimotorige Turbopropflugzeug überwachte weite Seegebiete, suchte nach U-Booten, erfasste Schiffsbewegungen und lieferte einen wichtigen Beitrag zum maritimen Lagebild. In einer eigens für Deutschland umgerüsteten Variante diente die Atlantic außerdem der signalerfassenden Aufklärung. Von 1966 bis 2010 war sie beim Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz beheimatet.
Ein europäisches Flugzeug für die NATO
Ausgangspunkt der Entwicklung war eine Forderung des NATO-Rates aus dem Jahr 1956. Benötigt wurde ein weitreichender Seefernaufklärer, der U-Boote aufspüren und über viele Stunden große Seegebiete überwachen konnte. Im Januar 1959 wählte der NATO-Rüstungsausschuss den Entwurf BR 1150 des französischen Herstellers Breguet aus 31 Vorschlägen aus.
Die Atlantic war für ihre Zeit in zweifacher Hinsicht bemerkenswert: Sie entstand als internationales Gemeinschaftsprojekt und wurde von Beginn an ausschließlich für die maritime Aufklärung und U-Boot-Jagd konstruiert. Anders als zahlreiche spätere Seefernaufklärer beruhte sie nicht auf einem umgebauten Verkehrs- oder Transportflugzeug.
An Entwicklung und Fertigung waren Unternehmen aus Frankreich, der Bundesrepublik Deutschland, den Niederlanden und Belgien beteiligt. Für die Produktion wurde das Konsortium SECBAT gegründet. Deutschland war nach Angaben der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages mit 19,1 Prozent am Programm beteiligt.
Der erste Prototyp flog 1961. Am 6. Juni 1963 bestellten Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland zunächst jeweils 20 Maschinen. Die erste für die Bundesmarine bestimmte Serienmaschine wurde am 10. Dezember 1965 im französischen Nîmes übergeben. Am 26. Januar 1966 traf sie unter der damaligen Kennung UC+310 – später 61+01 – in Nordholz ein. Mit der Auslieferung der 61+20 am 30. Mai 1969 war die deutsche Flotte vollständig.
Konstruktion für lange Einsätze über See
Die BR 1150 war ein freitragender Mitteldecker mit zwei Rolls-Royce-Tyne-Turboproptriebwerken. Charakteristisch waren die große Spannweite, der lange Rumpf und der nach hinten herausragende Ausleger des Magnetanomaliedetektors.
Der Rumpf besaß einen annähernd achtförmigen Querschnitt: Im oberen, druckbelüfteten Bereich arbeiteten Besatzung und Operateure; der untere Bereich nahm unter anderem den internen Waffenschacht auf.
Diese Anordnung war konsequent auf mehrstündige Patrouillen zugeschnitten. Mit einer Reichweite von ungefähr 8.000 Kilometern und einer möglichen Einsatzdauer von bis zu 18 Stunden konnte die Atlantic weit entfernte Seegebiete erreichen und dort lange in der Luft bleiben.
Eine reguläre MPA-Besatzung umfasste gewöhnlich zwölf Personen. Neben Pilot und Copilot gehörten dazu unter anderem Flugingenieure, Navigator, Taktischer Koordinator sowie Bediener für Radar, Funk und akustische Ortung. Erst das koordinierte Zusammenwirken dieser Spezialisten machte aus dem Flugzeug ein vollständiges Aufklärungs- und U-Jagd-System.
Seefernaufklärung und maritime Lagebilderstellung
Eine Kernaufgabe der deutschen Atlantic war die großräumige Überwachung von Nordsee, Ostsee, Nordatlantik und Norwegensee. Dabei ging es nicht allein um das Auffinden einzelner Schiffe. Entscheidend war die systematische Erfassung von Position, Kurs, Geschwindigkeit, Verbandsgliederung und Verhalten beobachteter Einheiten.
Die Besatzung führte Radar- und Sichtbeobachtungen zusammen, identifizierte Kontakte und meldete die gewonnenen Daten an die zuständigen Führungsstellen. Aus vielen Einzelmeldungen entstand ein möglichst vollständiges maritimes Lagebild. Während des Kalten Krieges ließen sich auf diese Weise Verlegungen von Schiffen und U-Booten des Warschauer Paktes frühzeitig erkennen und bewerten.
Die hohe Ausdauer der Atlantic war dabei ebenso wichtig wie ihre Sensoren. Ein Seefernaufklärer musste einen Kontakt über längere Zeit verfolgen, Suchgebiete wiederholt abfliegen oder als Teil einer multinationalen Operation große Räume überwachen. Die Atlantic konnte dadurch weit vor den eigenen Schiffen aufklären und die Reichweite der Flotte erheblich vergrößern.
U-Boot-Jagd aus der Luft
Für die U-Boot-Jagd verfügte die Atlantic über mehrere einander ergänzende Ortungsverfahren. Das Bordradar diente der Suche nach aufgetauchten U-Booten, Schnorcheln und anderen kleinen Kontakten auf der Wasseroberfläche.
Sonarbojen wurden in festgelegten Mustern abgeworfen und übermittelten akustische Signale aus dem Wasser an das Flugzeug. Passive Bojen lauschten nach charakteristischen Geräuschen, während aktive Systeme Schallimpulse aussenden und deren Echo auswerten konnten.
Ein Magnetanomaliedetektor im Heckausleger registrierte örtliche Veränderungen des Erdmagnetfeldes, die durch die große Metallmasse eines getauchten U-Bootes entstehen. Seine Reichweite war begrenzt, weshalb er vor allem zur präzisen Bestätigung eines bereits eingegrenzten Kontaktes im Tiefflug eingesetzt wurde.
Der Taktische Koordinator führte Radar-, Sonar-, Navigations- und Sichtinformationen zu einem gemeinsamen Lagebild zusammen. Wurde ein U-Boot im Ernstfall eindeutig geortet und eine Bekämpfung befohlen, konnte die deutsche Atlantic Mk-46-Leichtgewichtstorpedos aus ihrem internen Waffenschacht einsetzen. Die Maschine war damit nicht nur ein Aufklärer, sondern ein vollständiges luftgestütztes U-Jagd-Waffensystem.
Die BR 1150 M als SIGINT-Aufklärer
Eine besondere Rolle spielte die ausschließlich von Deutschland betriebene Aufklärungsversion BR 1150 M. Fünf der 20 deutschen Maschinen wurden 1970 und 1971 in den Vereinigten Staaten zu SIGINT-Flugzeugen umgerüstet.
SIGINT steht für „Signals Intelligence“, also die Erfassung, Ortung und Auswertung elektromagnetischer Signale. Die Spezialisten an Bord konnten Funkverkehre und elektronische Aussendungen von Radar-, Führungs- und Waffensystemen erfassen.
Aus Art, Frequenz, Standort und Betriebsweise der Signale ließen sich Rückschlüsse auf gegnerische Einheiten, ihre Fähigkeiten und ihre Einsatzbereitschaft ziehen. Die Atlantic gewann damit Informationen, die mit optischen Sensoren oder klassischem Bordradar allein nicht verfügbar waren. Die Bundeswehr bezeichnet die BR 1150 deshalb als Ausgangspunkt ihrer luftgestützten signalerfassenden Aufklärung.
Bei dieser Variante stellte das MFG 3 eine achtköpfige Flugbesatzung. Hinzu kamen neun Aufklärungsspezialisten von Marine und Luftwaffe, sodass bis zu 17 Personen an Bord arbeiteten.
Ende 1971 führte eine umgerüstete Atlantic den ersten deutschen SIGINT-Einsatzflug über der Ostsee durch. Im Kalten Krieg konzentrierten sich diese Missionen auf die Ostsee, die innerdeutsche Grenze, den Atlantik und die Norwegensee. Nach 1990 kamen unter anderem Aufgaben im Zusammenhang mit den Balkankriegen und internationalen Einsätzen hinzu.
Vom Kalten Krieg zum weltweiten Einsatz
Die Atlantic war zunächst für die Landes- und Bündnisverteidigung in einem von der Ost-West-Konfrontation geprägten Umfeld beschafft worden. Nach dem Ende des Kalten Krieges änderte sich ihr Einsatzprofil. Neben NATO-Übungen und Aufklärungsmissionen in europäischen Seegebieten wurden die Flugzeuge auch von vorgeschobenen Stützpunkten eingesetzt.
Ab 2002 beteiligten sich deutsche Breguet Atlantic an der Operation Enduring Freedom am Horn von Afrika. Von Mombasa aus überwachten sie weite Bereiche des Indischen Ozeans, unterstützten die Suche nach verdächtigen Schiffen und trugen zur Lagebilderstellung für die eingesetzten Marineverbände bei.
Damit bewies ein in den 1950er-Jahren konzipiertes Flugzeug seine Einsatzfähigkeit unter völlig veränderten sicherheitspolitischen und klimatischen Bedingungen.
Ablösung durch die P-3C Orion
Trotz wiederholter Modernisierungen stießen Zelle, Sensorik und logistische Versorgung der Atlantic nach rund vier Jahrzehnten zunehmend an ihre Grenzen. Für die Seefernaufklärung und U-Boot-Jagd beschaffte Deutschland deshalb acht gebrauchte P-3C Orion von den Niederlanden. Mit deren Einführung 2006 endete der Einsatz der Atlantic in der klassischen MPA-Rolle.
Die SIGINT-Maschinen blieben länger im Dienst, weil ihr geplanter Nachfolger nicht rechtzeitig zur Verfügung stand. Am 15. Juni 2010 absolvierte die letzte Atlantic ihren abschließenden Einsatzflug über der Ostsee. Die offizielle Abschiedsveranstaltung fand vom 18. bis 20. Juni in Nordholz statt.
Am 20. Juni landete die letzte deutsche Atlantic endgültig auf ihrem Heimatflugplatz. Nach Angaben eines Zeitzeugenberichts kamen die deutschen Maschinen während ihrer Dienstzeit zusammen auf etwa 202.000 Flugstunden.
Technische Daten der Breguet BR 1150 Atlantic
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Aufgabe | Seefernaufklärung, Seeraumüberwachung und U-Boot-Jagd; als BR 1150 M signalerfassende Aufklärung |
| Besatzung | regulär etwa 12 Personen; deutsche SIGINT-Version bis zu 17 Personen |
| Länge | etwa 31,75 Meter |
| Spannweite | etwa 36,30 Meter |
| Höhe | etwa 11,33 Meter |
| Maximale Startmasse | rund 43 Tonnen |
| Triebwerke | zwei Rolls-Royce-Tyne-Turboproptriebwerke |
| Höchstgeschwindigkeit | etwa 650 km/h |
| Reichweite | etwa 8.000 Kilometer |
| Maximale Einsatzdauer | bis zu 18 Stunden |
| U-Jagd-Ausrüstung | Bordradar, Sonarbojen und Magnetanomaliedetektor |
| Bewaffnung der deutschen MPA-Version | unter anderem Mk-46-Leichtgewichtstorpedos |
Die Leistungswerte beziehen sich auf das Grundmuster und können je nach Ausrüstungsstand, Zuladung und Missionsprofil abweichen.
Bedeutung für die deutschen Marineflieger
Die Breguet Atlantic verband große Reichweite, lange Einsatzdauer, spezialisierte Sensorik und eine leistungsfähige Besatzungsorganisation. Sie war über Jahrzehnte das wichtigste deutsche Flugzeug für die weiträumige maritime Aufklärung und U-Boot-Jagd. Mit der BR 1150 M stellte sie darüber hinaus eine strategisch bedeutsame Fähigkeit zur elektronischen Aufklärung bereit.
Ihre besondere Bedeutung lag nicht in einem einzelnen technischen Spitzenwert. Entscheidend war das Gesamtsystem aus Flugzeug, Sensoren, Bewaffnung, Auswertung und hoch qualifizierter Besatzung. Die Atlantic machte Vorgänge weit jenseits des sichtbaren Horizonts für die Flottenführung erfassbar. Damit legte sie Grundlagen, auf denen später die P-3C Orion und heutige Seefernaufklärer aufbauten.
Bis heute erinnert die Atlantic an eine Epoche, in der lang andauernde Tiefflüge über See, akustische U-Boot-Suche und elektronische Aufklärung eng miteinander verbunden waren. Für Generationen von Angehörigen des MFG 3 blieb der große Turbopropaufklärer weit mehr als ein Waffensystem. Unter ihrem inoffiziellen Namen „Brigitte“ wurde sie zu einem der bekanntesten Flugzeuge in der Geschichte der deutschen Marineflieger.