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Unterstützung von Evakuierungsoperationen über See

Wenn gewaltsame Unruhen, bewaffnete Konflikte oder Naturkatastrophen die Ausreise aus einem Land erschweren, kann der Seeweg eine Möglichkeit bieten, Menschen in Sicherheit zu bringen. Die Marineflieger unterstützen solche Operationen mit Hubschraubern, fliegerischer Erfahrung und der Fähigkeit, zwischen Küste und Schiff zu operieren.

Ihre Aufgaben reichen vom Transport von Sicherungs- und Sanitätskräften bis zur Aufnahme gefährdeter Personen. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel mit den eingesetzten Schiffen, den Kräften an Land und den zuständigen zivilen Stellen.

Der Seeweg als Evakuierungsoption

Eine seegestützte Evakuierung kommt besonders für Küstenstaaten infrage, wenn Flughäfen ausfallen, Straßen unpassierbar werden oder andere Ausreisemöglichkeiten nicht mehr ausreichend sicher sind. Ein geeignetes Schiff kann außerhalb des unmittelbaren Gefahrenbereichs als Ausgangsbasis und vorübergehender Aufnahmeort dienen.

Der Weg von Land zum Schiff hängt von den örtlichen Bedingungen ab. Möglich sind die Einschiffung in einem nutzbaren Hafen, der Transfer mit Booten oder der Transport mit Hubschraubern. Mehrere Verfahren können innerhalb einer Operation zusammenwirken.

Hubschrauber ermöglichen dabei auch die Aufnahme an geeigneten Landezonen abseits eines Hafens. Voraussetzung bleiben eine vertretbare Sicherheitslage und ausreichende fliegerische Bedingungen. Die Nähe zur Küste allein macht einen Ort noch nicht zu einem geeigneten Evakuierungspunkt.

Auch die Verfügbarkeit zählt: Für eine kurzfristige Operation ist besonders bedeutsam, ob sich geeignete eigene oder verbündete Schiffe bereits in erreichbarer Entfernung befinden.

Auftrag, Verantwortung und Vorbereitung

Die Federführung für die Evakuierung deutscher Staatsangehöriger aus Krisengebieten liegt beim Auswärtigen Amt. Wird eine militärische Evakuierungsoperation erforderlich, übernimmt das Verteidigungsministerium die Durchführungsverantwortung. Die militärische Planung und Führung liegt beim Operativen Führungskommando der Bundeswehr.

Der Einsatzverband wird nach Auftrag, Sicherheitslage und geografischen Bedingungen zusammengestellt. Neben Marinekräften können unter anderem Fallschirmjäger, Feldjäger und sanitätsdienstliche Kräfte beteiligt sein. Welche Personen aufgenommen werden, wird mit dem Auswärtigen Amt abgestimmt. Dabei können auch Angehörige anderer Staaten berücksichtigt werden.

Die Vorbereitung beginnt möglichst vor einer akuten Krise. Ressortübergreifende Krisenvorsorgeteams untersuchen beispielsweise Sammelpunkte, Transportwege und Ausweichmöglichkeiten. Ebenso wichtig sind Kenntnisse über die Zahl und die Aufenthaltsorte möglicherweise zu evakuierender Personen.

International werden solche Einsätze als Non-combatant Evacuation Operations, kurz NEO, bezeichnet. Sie bleiben grundsätzlich eine staatliche Verantwortung, können aber mit Partnern abgestimmt und gemeinsam unterstützt werden.

Der Beitrag der Marineflieger

Die Hubschrauberkräfte der Deutschen Marine sind im Marinefliegergeschwader 5 in Nordholz zusammengefasst. Für Transport- und Rettungsaufgaben steht der NH90 NTH Sea Lion zur Verfügung. Die Bezeichnung NTH bedeutet Naval Transport Helicopter, also Marinetransporthubschrauber.

Bei einer Evakuierungsoperation können Marinehubschrauber unterschiedliche Aufgaben übernehmen:

  • Sicherungskräfte und medizinisches Personal an geeignete Einsatzorte bringen.
  • Zu evakuierende Personen von Land zu einem aufnehmenden Schiff transportieren.
  • Verletzte oder erkrankte Menschen zur weiteren Behandlung verlegen.
  • Personal und dringend benötigtes Material zwischen beteiligten Einheiten befördern.
  • Mit ihren Sensoren zur Aufklärung des maritimen Umfelds beitragen.

Der Sea Lion besitzt unter anderem ein Seeraumüberwachungsradar, elektrooptische Sensoren und eine Rettungswinde. Seine Ausstattung ermöglicht verschiedene Einsatzrollen, die jeweils vorbereitet und aufeinander abgestimmt werden müssen.

Die tatsächlich verfügbare Transportkapazität ergibt sich aus der konkreten Beladung und Einsatzkonfiguration. Besatzung, Kraftstoff, medizinische Ausrüstung und zusätzlicher Platzbedarf für Patienten beeinflussen, wie viele Personen bei einem Flug mitgenommen werden können.

Das Schiff als Basis und Aufnahmeort

Ein aufnehmendes Schiff muss weit mehr bereitstellen als eine Landefläche. Benötigt werden geordnete Wege für die aufgenommenen Menschen, Betreuungsbereiche, Verpflegung, sanitätsdienstliche Unterstützung und zuverlässige Kommunikationsverbindungen.

Für den Betrieb von Marinehubschraubern sind die Einsatzgruppenversorger der Berlin-Klasse besonders relevant. Ihr Hangar bietet Platz für zwei Marinetransporthubschrauber. Hinzu kommen Möglichkeiten zur Versorgung, Führung und medizinischen Unterstützung eines Verbands.

Auch geeignete Schiffe verbündeter Marinen können diese Funktion übernehmen. Welche Plattform eingesetzt wird, richtet sich nach ihrer Verfügbarkeit, dem Auftrag und den benötigten Fähigkeiten.

Das Schiff ist häufig eine Zwischenstation innerhalb einer längeren Evakuierungskette. Bereits bei der Planung muss feststehen, wie die aufgenommenen Personen anschließend einen sicheren Hafen, einen geeigneten Drittstaat oder ihre weitere Rückreisemöglichkeit erreichen.

Vom Sammelpunkt bis zur Weiterreise

Jede Evakuierung muss an die Lage angepasst werden. Wiederkehrende Aufgaben lassen sich dennoch benennen:

  • Lage beurteilen: Sicherheitsbedingungen, erreichbare Sammelpunkte, Transportmöglichkeiten und verfügbare Kräfte werden zusammengeführt.
  • Personen aufnehmen: Identität und Aufnahmeberechtigung werden geprüft; besondere Unterstützungsbedürfnisse müssen möglichst früh erkannt werden.
  • Transport vorbereiten: Gruppen werden eingeteilt, Transportmittel zugewiesen und die erforderlichen Sicherheitsunterweisungen durchgeführt.
  • Zum Schiff verlegen: Boote und Hubschrauber transportieren die Personen entsprechend den örtlichen Möglichkeiten und der festgelegten Planung.
  • An Bord betreuen: Die aufgenommenen Menschen werden erfasst, medizinisch beurteilt und in geeignete Aufenthaltsbereiche geführt.
  • Weitertransport organisieren: Die Übergabe an zuständige Stellen und die anschließende Reise werden vorbereitet.

Die Abstimmung zwischen diesen Schritten beeinflusst den gesamten Ablauf. Wenn Menschen schneller eintreffen, als sie registriert oder weiterbefördert werden können, entstehen zusätzliche Wartezeiten und Betreuungsaufgaben.

Zu berücksichtigen sind außerdem Familien, Kinder und Personen mit eingeschränkter Mobilität. Verständliche Informationen und eine nachvollziehbare Führung durch die einzelnen Stationen helfen, Unsicherheit zu verringern. Sprachliche Unterstützung kann dabei ebenso erforderlich sein wie praktische Hilfe beim Einsteigen.

Flugbetrieb unter maritimen Bedingungen

Der Betrieb zwischen Küste und Schiff stellt besondere Anforderungen an die Besatzungen. Wind, Sicht, Seegang und die Bewegung des Flugdecks beeinflussen Start und Landung. Die Schiffsführung und die fliegerischen Kräfte müssen ihre Abläufe eng koordinieren.

Der Sea Lion besitzt eine Einrichtung, mit der er sich nach der Landung am dafür vorgesehenen Decksgitter sichern kann. Dennoch bleibt die Auswahl eines geeigneten Landemoments eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Entscheidung berücksichtigt sowohl die Bewegung des Schiffs als auch den Zustand des Hubschraubers und die herrschenden Umweltbedingungen.

Zur Planung gehören außerdem Kraftstoffreserven, mögliche Ausweichverfahren und die Verfügbarkeit des Flugdecks. Wiederholte Transportflüge verlangen einen abgestimmten Rhythmus aus Aufnahme, Flug, Ausschiffung und erneuter Vorbereitung.

Auch die technische Unterstützung muss eingeschifft werden. Ersatzteile, Werkzeuge und qualifiziertes Personal sichern den laufenden Betrieb. Größere Wartungsmaßnahmen können die Möglichkeiten an Bord überschreiten und müssen deshalb bereits bei der Auswahl und Vorbereitung der Hubschrauber berücksichtigt werden.

Medizinische Versorgung und Betreuung

Die Evakuierung aus einem Krisengebiet und der medizinische Patiententransport sind miteinander verbundene Aufgaben. Bei einer Evakuierung können unverletzte Menschen ebenso aufgenommen werden wie Personen, die dringend ärztliche Hilfe benötigen.

Für einen medizinischen Evakuierungsflug müssen Transportfähigkeit, erforderliche Betreuung und die aufnehmende Behandlungseinrichtung zusammenpassen. Der Hubschrauber bildet dabei einen Abschnitt der Versorgungskette. Die weitere Behandlung muss am Ziel vorbereitet sein.

Wie dieses Zusammenwirken geübt wird, zeigte die Präsenzfahrt Atlantic Bear 2025. Auf dem Einsatzgruppenversorger „Berlin“ wurden zwei Sea Lion eingeschifft. Für die beteiligten Übungen war vorgesehen, Verletzte von Schiffen der Partnernationen aufzunehmen und im integrierten Marineeinsatzrettungszentrum weiterzubehandeln.

Die Betreuung einer zivilen Personengruppe stellt zusätzliche Anforderungen. Kinder, Schwangere, ältere Menschen oder chronisch Erkrankte können besondere Medikamente, Ausrüstung und Fachkenntnisse benötigen. Solche Bedürfnisse müssen frühzeitig in die Planung einfließen.

Der Such- und Rettungsdienst SAR, ausgeschrieben Search and Rescue, ist ein weiterer eigener Auftrag der Marineflieger. Seine Erfahrungen und Verfahren sind für das Retten und sichere Befördern von Menschen bedeutsam; eine militärische Evakuierungsoperation erfordert zusätzlich ihre eigene politische und militärische Planung.

Beispiel Schneller Adler 2022

Ein belegtes Beispiel für die Zusammenarbeit bietet die Evakuierungsübung Schneller Adler 2022. Deutsche und niederländische Kräfte trainierten dabei die Aufnahme von Zivilpersonen aus einer fiktiven Krisenregion. Für den maritimen Anteil diente das niederländische Docklandungsschiff „Rotterdam“ als Basis.

An Bord arbeiteten unter anderem Kräfte des Seebataillons, Marineflieger und weitere Spezialisten zusammen. Die deutschen Sea-King-Hubschrauber des Marinefliegergeschwaders 5 übten den Flugbetrieb vom großen Flugdeck der „Rotterdam“.

In einem Übungsabschnitt bei Putgarten auf Rügen wurde eine robuste Evakuierung dargestellt. Kräfte an Land sicherten die Aufnahme gefährdeter Personen. Ein Sea King transportierte die zu Evakuierenden zum Schiff; ein Sea Lynx unterstützte die Sicherung aus der Luft.

Das Beispiel verdeutlicht die unterschiedlichen Rollen innerhalb eines Einsatzverbands. Transport, Sicherung, Führung und Betreuung müssen zeitlich zusammenpassen. Ebenso müssen die eingesetzten Kräfte nach Abschluss der Personenaufnahme wieder zurückgeführt werden.

Einsatzbereitschaft entsteht im Zusammenspiel

Die Fähigkeit zur Evakuierungsunterstützung beruht auf regelmäßigem Training. Flugbesatzungen müssen mit den Verfahren des jeweiligen Schiffs vertraut sein. Das Flugdeckpersonal benötigt klare Abläufe für Starts, Landungen und Notlagen. Betreuungskräfte müssen wissen, wie aufgenommene Personen sicher durch das Schiff geführt werden.

Multinationale Übungen helfen, unterschiedliche Verfahren und Zuständigkeiten aufeinander abzustimmen. Dazu gehören gemeinsame Kommunikationsregeln, verständliche Begriffe und die Koordination der verfügbaren Transportmittel.

Auch die Planung bleibt beweglich. Verändern sich die Sicherheitslage, die Erreichbarkeit eines Sammelpunkts oder die Zahl der zu evakuierenden Menschen, muss der Verband seine Abläufe anpassen können. Ausweichmöglichkeiten und abgestimmte Übergaben sind deshalb wesentliche Bestandteile der Vorbereitung.

Fazit

Marineflieger können bei Evakuierungsoperationen über See die Verbindung zwischen gefährdeten Menschen an Land und einem aufnehmenden Schiff herstellen. Ihre Hubschrauber erweitern die verfügbaren Transportmöglichkeiten und unterstützen Sicherung, Versorgung und medizinische Hilfe.

Wie wirksam dieser Beitrag ist, hängt vom gesamten Einsatzverband ab. Geeignete Schiffe, vorbereitete Kräfte, funktionierende Kommunikation und eine organisierte Weiterreise müssen zusammenkommen, damit aus einer Aufnahme an der Küste eine sichere Evakuierung wird.

Quellen:

Stand: November 2026

Autor: Stephan Struck

Bundeswehr – Militärische Evakuierungsoperationen
www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/auftrag-und-aufgaben/militaerische-evakuierungsoperation

Bundeswehr – Prävention und Reaktion: Die Nationale Krisenvorsorge
www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/auftrag-und-aufgaben/nationale-krisenvorsorge

Bundeswehr – Marinefliegergeschwader 5
www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marinefliegerkommando/marinefliegergeschwader-5

Bundeswehr – Mehrzweckhubschrauber NH-90 NTH Sea Lion
www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/mehrzweck-hubschrauber-sea-lion-nh-90-nth

Bundeswehr – Einsatzgruppenversorger der Berlin-Klasse
www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/seesysteme-bundeswehr/berlin-klasse-egv-702

Bundeswehr – Schneller Adler 2022: Vorüben auf der „Rotterdam“
www.bundeswehr.de/de/schneller-adler-2022-vorueben-landungsschiff-rotterdam-5409980

Bundeswehr – Robuste Luftevakuierung beim Schnellen Adler – wenn es schnell gehen muss
www.bundeswehr.de/de/meldungen/robuste-luftevakuierung-schneller-adler-5410348

Bundeswehr – Sea Lion im Einsatz an Bord
www.bundeswehr.de/de/meldungen/sea-lion-einsatz-hochseetauglichkeit

Bundeswehr – Einsatzgruppenversorger „Berlin“ mit Alliierten im Nordatlantik
www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/deutsche-marine-alliierte-nordatlantik-5981778

NATO, bereitgestellt durch das britische Verteidigungsministerium – AJP-3.25: Allied Joint Doctrine for Non-combatant Evacuation Operations, Edition A Version 1
assets.publishing.service.gov.uk/media/695fbc3c714f11cb497765dd/AJP_3_25_NEO.pdf

Britisches Verteidigungsministerium – JDP 3-51: Non-combatant Evacuation Operations, Third Edition Version 2
assets.publishing.service.gov.uk/media/64dcc21b3fde6100134a5381/JDP_3_51_NEO_Ed3_v2_web_update.pdf

 

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