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Das Havariekommando in Cuxhaven ist die gemeinsame Einsatzorganisation des Bundes und der fünf Küstenländer für schwere Unfälle auf Nord- und Ostsee. Bei komplexen Schadenslagen übernimmt es die Gesamteinsatzleitung und koordiniert Behörden sowie Einsatzkräfte. Die Marineflieger unterstützen das maritime Notfallmanagement insbesondere mit den beiden DO 228 LM bei der Luftüberwachung und Erfassung von Meeresverschmutzungen.

Was ist das Havariekommando?

Wenn auf der Nord- oder Ostsee ein Schiff brennt, kollidiert oder manövrierunfähig wird, können innerhalb kurzer Zeit Menschenleben, Umwelt und Schifffahrt bedroht sein. Besonders schwerwiegend sind Unfälle, bei denen Öl, Chemikalien oder andere Schadstoffe austreten. In solchen Situationen müssen Schiffe, Flugzeuge, Hubschrauber, Feuerwehren, Rettungsdienste und zahlreiche Behörden koordiniert zusammenarbeiten.

Für diese Aufgabe wurde das Havariekommando in Cuxhaven geschaffen. Es ist Deutschlands zentrale Führungsorganisation für die Bewältigung schwerer maritimer Schadenslagen und bündelt die Kräfte des Bundes sowie der fünf Küstenländer Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

Gründung des Havariekommandos nach der „Pallas“-Havarie

Ein wichtiger Auslöser für die Gründung des Havariekommandos war die Havarie des italienischen Holzfrachters „Pallas“. Das Schiff geriet im Oktober 1998 vor der dänischen Nordseeküste in Brand und trieb anschließend führerlos in Richtung des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres. Vor Amrum lief der Frachter auf Grund. Austretendes Schweröl verschmutzte weite Bereiche des Wattenmeeres und führte zum Tod zahlreicher Seevögel.

Während des Einsatzes zeigten sich erhebliche Probleme bei der Abstimmung zwischen den beteiligten Behörden. Unterschiedliche Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen erschwerten eine schnelle und einheitliche Einsatzführung. Die Havarie wurde deshalb zum Ausgangspunkt für eine grundlegende Neuordnung des deutschen maritimen Notfallmanagements.

Am 1. Januar 2003 nahm das Havariekommando in Cuxhaven seine Arbeit auf. Seitdem steht bei schweren Seeunfällen eine zentrale Einsatzleitung zur Verfügung, die länder- und behördenübergreifend handeln kann. Das Havariekommando bezeichnet sich heute als Deutschlands einzige Einsatzorganisation für die Bearbeitung und Bekämpfung schwerer Unfälle auf See, in den Küstengewässern und in den Mündungsbereichen schiffbarer Zuflüsse.

Gemeinsame Einrichtung von Bund und Küstenländern

Das Havariekommando ist keine eigenständige Rettungsorganisation mit einer vollständig eigenen Flotte. Seine besondere Stärke liegt vielmehr darin, die vorhandenen Fähigkeiten unterschiedlicher Behörden und Organisationen zusammenzuführen.

Dazu gehören unter anderem:

  • die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes,
  • die Wasserschutzpolizeien der Küstenländer,
  • die Bundespolizei,
  • der Zoll,
  • die Deutsche Marine und die Marineflieger,
  • die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger,
  • Feuerwehren und Rettungsdienste,
  • Fachbehörden des Umwelt- und Katastrophenschutzes,
  • Bergungsunternehmen und private Spezialkräfte.

Bei einem schweren Unfall kann das Havariekommando die verfügbaren Einsatzmittel dieser Partner anfordern und deren Einsatz zentral koordinieren. Dazu zählen Mehrzweckschiffe, Notschlepper, Ölbekämpfungsschiffe, Seenotrettungskreuzer, Polizeiboote, Flugzeuge, Hubschrauber sowie spezialisierte Brandbekämpfungs- und Rettungsteams.

Aufgaben des Havariekommandos im Alltagsbetrieb

Das Havariekommando ist nicht nur während großer Schiffsunglücke tätig. Im normalen Dienstbetrieb arbeitet es als Kompetenzzentrum für maritime Notfallvorsorge. Rund 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen sich mit der Beobachtung der Lage auf See, der Einsatzplanung, der Schadstoffunfallbekämpfung sowie der Vorbereitung und Durchführung von Übungen.

Das Maritime Lagezentrum des Havariekommandos ist rund um die Uhr besetzt. Dort werden Meldungen über Schiffsunfälle, Brände, technische Ausfälle, verlorene Ladung und Meeresverschmutzungen aufgenommen und bewertet. Die Fachleute beobachten die weitere Entwicklung und halten Verbindung zu den zuständigen Behörden, Verkehrszentralen und Rettungsorganisationen.

Zu den wichtigsten Aufgaben im Alltagsbetrieb gehören:

  • das Führen und Bewerten des maritimen Lagebildes,
  • die Erstellung von Alarm- und Einsatzplänen,
  • die Entwicklung von Konzepten für unterschiedliche Notfallszenarien,
  • die Vorbereitung nationaler und internationaler Übungen,
  • die Beschaffung und Bereitstellung spezieller Einsatztechnik,
  • die Ausbildung maritimer Brandbekämpfungs- und Rettungskräfte,
  • die Auswertung vergangener Unfälle und Einsätze.

So entsteht bereits vor einem möglichen Unglück ein Netzwerk, auf das im Ernstfall unmittelbar zurückgegriffen werden kann.

Wann übernimmt das Havariekommando?

Nicht jeder Seenotfall führt automatisch zu einem Einsatz des Havariekommandos. Kleinere Unfälle werden zunächst von den jeweils zuständigen Stellen bearbeitet. Die Suche und Rettung von Menschen in Seenot wird beispielsweise durch das Maritime Rescue Co-ordination Centre Bremen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger koordiniert.

Sind jedoch Menschenleben, die Umwelt oder bedeutende Sachwerte in besonderem Umfang bedroht und müssen zahlreiche Einsatzkräfte verschiedener Behörden zusammengeführt werden, kann eine sogenannte „Komplexe Schadenslage“ festgestellt werden.

In diesem Fall übernimmt der Leiter des Havariekommandos die Gesamteinsatzleitung. Gleichzeitig wird in Cuxhaven ein Havariestab gebildet. Dort laufen sämtliche wichtigen Informationen zusammen. Der Stab beurteilt die Lage, legt Einsatzschwerpunkte fest, fordert Kräfte an und koordiniert die Maßnahmen auf See, aus der Luft und an der Küste.

Auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wird zentral organisiert. Dadurch sollen Behörden, Einsatzkräfte, Medien und Bevölkerung möglichst einheitliche und verlässliche Informationen erhalten.

Die vier zentralen Aufgaben des Havariekommandos

Die Arbeit des Havariekommandos lässt sich in mehrere eng miteinander verbundene Aufgabenbereiche unterteilen.

Schadstoff- und Schiffsunfallbekämpfung auf See

Bei Öl- oder Chemikalienaustritten müssen Verschmutzungen möglichst früh erkannt, ihre Ausbreitung berechnet und geeignete Bekämpfungsmaßnahmen eingeleitet werden. Spezialschiffe können Öl aufnehmen, eindämmen oder von der Wasseroberfläche abschöpfen.

Gleichzeitig muss das havarierte Schiff stabilisiert werden. Dazu können Notschlepper, Mehrzweckschiffe, Bergungsspezialisten und Fachberater eingesetzt werden. Auch die Suche nach einem geeigneten Notliegeplatz kann Teil der Maßnahmen sein.

Schadstoffbekämpfung an der Küste

Erreicht eine Verschmutzung Strände, Hafenanlagen, Deiche oder das Wattenmeer, müssen die Maßnahmen auf See und an Land aufeinander abgestimmt werden. Das Havariekommando unterstützt die Küstenländer bei der Planung und Durchführung der Reinigung.

Besonders empfindliche Bereiche wie Nationalparks, Vogelschutzgebiete, Salzwiesen und das Wattenmeer benötigen speziell angepasste Verfahren. Eine falsche Reinigungsmethode kann dort mitunter größere Schäden verursachen als der Schadstoff selbst.

Brandbekämpfung und Verletztenversorgung

Brände auf See stellen Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen. Herkömmliche Feuerwehren können ein brennendes Schiff nicht ohne Weiteres erreichen. Deshalb arbeitet das Havariekommando mit spezialisierten Einheiten, den sogenannten Maritime Incident Response Groups, zusammen.

Diese Teams bestehen aus besonders ausgebildeten Feuerwehr- und Rettungskräften. Sie können mit Hubschraubern oder Schiffen zum Havaristen gebracht werden, um Brände zu bekämpfen, Verletzte zu versorgen oder eine erste Lageerkundung durchzuführen.

Gefahrenabwehrbezogene Bergung

Ein beschädigtes oder manövrierunfähiges Schiff kann weitere Unfälle verursachen, Fahrwasser blockieren oder auf die Küste zutreiben. Deshalb gehört auch die Organisation von Notschlepp- und Bergungsmaßnahmen zum Aufgabenspektrum. Dabei arbeitet das Havariekommando eng mit staatlichen Einsatzschiffen, Notschleppern, Reedereien und privaten Bergungsunternehmen zusammen.

Sitz in Cuxhaven: das Maritime Sicherheitszentrum

Der Sitz des Havariekommandos befindet sich im Maritimen Sicherheitszentrum am Alten Hafen in Cuxhaven. Das Havariekommando und das Maritime Sicherheitszentrum sind jedoch nicht identisch. Das Havariekommando ist einer von mehreren Partnern innerhalb dieses Sicherheitsnetzwerkes.

Im Gemeinsamen Lagezentrum See arbeiten Vertreter verschiedener Bundes- und Landesbehörden rund um die Uhr zusammen. Hierzu gehören unter anderem Bundespolizei, Zoll, Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung, Wasserschutzpolizeien, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Deutsche Marine und Havariekommando.

Durch die räumliche Nähe können Informationen schnell ausgetauscht und Maßnahmen ohne lange Kommunikationswege abgestimmt werden. Gleichzeitig behalten die beteiligten Behörden im normalen Dienstbetrieb ihre jeweiligen Zuständigkeiten.

Havariekommando und Marineflieger: die Do 228 LM

Eine besondere Verbindung besteht zwischen dem Havariekommando und den Marinefliegern in Nordholz. Das Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“ betreibt zwei speziell ausgerüstete Flugzeuge des Typs Do 228 LM.

Die als „Öljäger“ bekannten Maschinen überwachen regelmäßig die deutsche Nord- und Ostsee. Ihre Sensoren können Öl und andere Verschmutzungen auf der Wasseroberfläche erkennen, dokumentieren und vermessen. Die gewonnenen Informationen werden direkt an das Havariekommando weitergeleitet.

Bei einer Havarie liefern die Flugzeuge einen schnellen Überblick über die Größe und Ausbreitung einer Verschmutzung. Ihre Aufnahmen helfen den Einsatzkräften dabei, Bekämpfungsschiffe gezielt in die am stärksten betroffenen Bereiche zu schicken. Gleichzeitig können die Daten als Beweismittel bei der Ermittlung möglicher Verursacher dienen.

Damit leisten die Marineflieger einen wichtigen Beitrag zum zivilen Meeres- und Küstenschutz. Die Do 228 LM werden von der Marine geflogen und gewartet, ihre Überwachungsmissionen erfolgen jedoch in enger Zusammenarbeit mit dem Havariekommando und dem Bundesverkehrsministerium.

Übungen und Vorbereitung auf maritime Notfälle

Große Seeunfälle lassen sich nicht allein am Schreibtisch bewältigen. Das Havariekommando führt deshalb regelmäßig Übungen mit Behörden, Feuerwehren, Rettungsorganisationen, Reedereien und internationalen Partnern durch.

Trainiert werden unter anderem Schiffsbrände, Kollisionen, Ölunfälle, Massenanfälle von Verletzten, Evakuierungen von Passagierschiffen und Einsätze an Offshore-Windenergieanlagen. Dabei müssen nicht nur Schiffe und Hubschrauber zusammenarbeiten. Ebenso wichtig sind funktionierende Meldewege, ein gemeinsames Lagebild und klare Entscheidungsstrukturen.

Bei einer groß angelegten Übung mit dem Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 7“ im Juni 2024 arbeiteten beispielsweise das Havariekommando, die Seenotretter, Bundespolizei, Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung sowie spezialisierte Feuerwehr- und Rettungskräfte zusammen. Das Szenario umfasste eine Kollision, ein manövrierunfähiges Schiff, Vermisste und mehrere Verletzte.

Bedeutung für die maritime Sicherheit

Nord- und Ostsee gehören zu den am stärksten befahrenen Seegebieten der Welt. Containerschiffe, Tanker, Fähren, Kreuzfahrtschiffe, Fischereifahrzeuge und Marineschiffe teilen sich die Verkehrswege mit Sportbooten und einer wachsenden Zahl von Offshore-Anlagen.

Moderne Schiffe werden immer größer und transportieren unterschiedlichste Gefahrstoffe. Neue Treibstoffe, Batteriesysteme und alternative Antriebe bringen zusätzliche Herausforderungen für Brandbekämpfung und Bergung mit sich. Auch der weitere Ausbau der Offshore-Windenergie verändert die Anforderungen an Rettung und Gefahrenabwehr.

Das Havariekommando sorgt dafür, dass Deutschland auf solche Ereignisse vorbereitet ist. Seine wichtigste Leistung besteht darin, zahlreiche selbstständige Behörden und Organisationen im entscheidenden Moment unter einer einheitlichen Einsatzführung zusammenzubringen.

Fazit: zentrale Einsatzführung auf Nord- und Ostsee

Das Havariekommando in Cuxhaven ist ein zentraler Bestandteil der deutschen Sicherheitsarchitektur auf Nord- und Ostsee. Es verbindet maritime Lagebeobachtung, Menschenrettung, Brandbekämpfung, Schadstoffabwehr, Bergung und Öffentlichkeitsarbeit zu einem gemeinsamen Notfallmanagement.

Die Erfahrungen aus der „Pallas“-Havarie haben gezeigt, wie wichtig klare Zuständigkeiten und eine zentrale Koordination sind. Heute können Einsatzmittel von Bund, Küstenländern, Seenotrettern, Feuerwehren und Marine wesentlich schneller zusammengeführt werden.

Die enge Zusammenarbeit mit den Marinefliegern in Nordholz macht zugleich deutlich, dass maritime Sicherheit nicht allein auf dem Wasser stattfindet. Die Do 228 LM sind die fliegenden Augen des Meeres- und Küstenschutzes – das Havariekommando in Cuxhaven ist die Stelle, an der ihre Informationen zusammenlaufen und in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden.

Stand: August 2026

Autor: Stephan Struck

Quellenverzeichnis