Red Storm Charlie
Rund 1.700 Menschen, eine nächtliche Kolonne mit etwa 70 Fahrzeugen, Drohnenabwehr, Gefahrstofflage, Bahnsabotage und ein geschützter Behandlungsplatz: Bei „Red Storm Charlie“ probten Bundeswehr und rund 60 zivile Partner drei Tage lang den Krisenfall in Hamburg. Zwei NH90 NTH Sea Lion machten dabei sichtbar, welche Rolle Marineflieger spielen können, wenn Hafen, Straße, Schiene, Luftverkehr und medizinische Versorgung zu einer einzigen Verlegekette verbunden werden müssen.
„Red Storm Charlie“ war eine regionale Verteidigungsübung der Bundeswehr unter Führung des Landeskommandos Hamburg. Vom 24. bis 26. September 2026 trainierten rund 1.700 militärische und zivile Beteiligte, darunter etwa 500 Soldatinnen und Soldaten, die Aufnahme und Weiterverlegung verbündeter Kräfte in Richtung NATO-Ostflanke. Das Szenario spielte ausdrücklich noch im Frieden; ein Spannungs- oder Verteidigungsfall war nicht festgestellt. Geübt wurden unter anderem die Sicherung kritischer Infrastruktur, eine Drohnenbedrohung im Hafen, ein Chemieunfall, Sabotage an einem Militärzug, die Verwundetenversorgung und der Betrieb einer Behelfsnotaufnahme. Zwei offiziell angekündigte NH90 der Bundeswehr sind auf veröffentlichtem Bildmaterial als NH90 NTH Sea Lion der Marine zu erkennen. Ihr öffentlich beschriebener Auftrag bestand vor allem in der Begleitung und Überwachung von Bewegungen aus der Luft. Eine abschließende wissenschaftliche Auswertung steht noch aus.
Die wichtigsten Angaben auf einen Blick
| Punkt | Öffentliche Angabe zur Übung |
|---|---|
| Bezeichnung | Red Storm Charlie |
| Art | Regionale Verteidigungsübung mit fiktivem Szenario im Bündnisrahmen |
| Zeitraum | 24. bis 26. September 2026 |
| Leitung | Landeskommando Hamburg |
| Raum | Hamburger Hafen, Stadtgebiet, Schienenanlagen, Flughafen und weitere Standorte |
| Beteiligte | Rund 1.700 Menschen, darunter etwa 500 Soldatinnen und Soldaten |
| Zivile Partner | Rund 60 Behörden, Organisationen und Unternehmen |
| Luftfahrzeuge | Zwei NH90 der Bundeswehr und ein AS332 Super Puma der Bundespolizei; die beiden NH90 sind auf Bildmaterial als Sea Lion identifizierbar |
| Schwerpunkte | Truppenverlegung, Drohnenabwehr, Schutz kritischer Infrastruktur, Gefahrstoffabwehr, Bahnsicherung und Verwundetenversorgung |
| Vorläufer | Red Storm Alpha 2024 und Red Storm Bravo 2025 |
| Fortsetzung | Red Storm Delta für 2027 vorgesehen |
Alle Angriffe, Unfälle, Sabotagehandlungen und Verletzungen waren Bestandteile eines Übungsszenarios. Red Storm Charlie war keine NATO-geführte Übung, sondern eine regionale Bundeswehrübung in einem fiktiven Bündnisszenario.
Was bei Red Storm Charlie geübt wurde
Ausgangspunkt war eine Verschärfung der Lage an den Grenzen der baltischen Staaten. Verbündete Kräfte sollten deshalb vorsorglich über Deutschland in Richtung östliches Bündnisgebiet verlegt werden. Im Szenario kamen Personal und Material in Hamburg an, wurden im Hafen und an weiteren Übergabepunkten aufgenommen und anschließend über Straße und Schiene weitergeführt.
Diese Lage bildete den Rahmen für mehrere miteinander verbundene Einzelübungen. Es ging nicht nur darum, Fahrzeuge von einem Ort zum anderen zu bewegen. Hafenbetrieb, Lufttransport, Fährverkehr, Schienennetz, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Krankenhäuser und private Unternehmen mussten ihre Abläufe aufeinander abstimmen. Hinzu kamen angenommene hybride Störungen: eine mit Sprengstoff beladene Drohne, ein Gefahrstoffaustritt und ein sabotierter Militärzug.
Rechtlich blieb das Szenario bewusst unterhalb des Spannungs- oder Verteidigungsfalls. Nach der veröffentlichten Darstellung der Bundeswehr war ein solcher Fall nicht vom Deutschen Bundestag festgestellt; juristisch herrschte weiterhin Frieden. Das ist mehr als eine formale Anmerkung. Zuständigkeiten, Eingriffsbefugnisse und die Verantwortung für kritische Infrastruktur bleiben in dieser Phase anders verteilt als in einem erklärten Verteidigungsfall. Genau deshalb mussten militärische und zivile Stellen üben, wie sie innerhalb der geltenden Friedensordnung zusammenarbeiten.
Hamburg als Teil der „Drehscheibe Deutschland“
Deutschland liegt zwischen den großen europäischen See- und Flughäfen im Westen und den möglichen Einsatzräumen an der NATO-Ostflanke. Im Bündnisfall müssten große Mengen Personal, Fahrzeuge, Munition, Betriebsstoffe und Versorgungsgüter durch das Land bewegt werden. Die Bundeswehr fasst Unterstützungsleistungen für verbündete Streitkräfte unter dem Begriff Host Nation Support zusammen. Dazu gehören beispielsweise Genehmigungen, Transportbegleitung, Be- und Entladen, Rast- und Unterbringungsmöglichkeiten, Betriebsstoffe, technische Hilfe, medizinische Unterstützung und Schutz vor Sabotage.
Hamburg ist für eine solche Verlegekette besonders interessant. Die Stadt verbindet einen großen Seehafen mit Autobahnen, Hafenbahn, Flughafen, Logistikunternehmen und industriellen Standorten. Gleichzeitig laufen diese Infrastrukturen im Alltag unter hoher Belastung weiter. Ein militärischer Transport kann nicht losgelöst vom zivilen Hafenbetrieb, Pendlerverkehr oder Warenumschlag geplant werden.
Red Storm Charlie prüfte deshalb vor allem Schnittstellen. Wer meldet eine Ankunft? Wer weist einen Liege- oder Abstellplatz zu? Wer sichert einen Transport, wer regelt den Verkehr und wer informiert bei einer Störung? Wo kann eine Kolonne warten, tanken oder neu gegliedert werden? Wie wird ein gemeinsames Lagebild erzeugt, wenn jede Organisation eigene Führungswege und Kommunikationsmittel besitzt? Solche Fragen wirken unspektakulär, entscheiden aber darüber, ob eine große Verlegung flüssig bleibt oder an vielen kleinen Übergaben stockt.
Die Rolle der beiden Sea Lion
Die Stadt Hamburg kündigte für die Übung zwei Hubschrauber des Typs NH90 sowie einen Super Puma an. Die Bundeswehr beschrieb die Hubschrauber allgemein als Mittel zur Begleitung und Überwachung der Bewegungen aus der Luft. Auf veröffentlichten Fotos und Videos sind die beiden NH90 anhand ihrer maritimen Lackierung und äußeren Merkmale als NH90 NTH Sea Lion zu erkennen. Eine gesonderte Pressemitteilung des Marinefliegergeschwaders 5 zu diesem Einsatz wurde nicht veröffentlicht; die Musterzuordnung beruht daher auf der offenen Bildlage und nicht auf einer eigenständigen Einsatzmeldung des Geschwaders.
Der Sea Lion wird vom Marinefliegergeschwader 5 betrieben. Der Mehrzweckhubschrauber ist für Such- und Rettungsaufgaben sowie den Transport von Personal und Material vorgesehen. Er verfügt über eine Rettungswinde, kann medizinisch ausgerüstet werden und ist für den Betrieb im maritimen Umfeld ausgelegt. In Hamburg stand jedoch nicht der klassische SAR-Einsatz über See im Mittelpunkt. Die Marinehubschrauber waren Teil einer städtischen, multimodalen Verlegeübung.
Bereits vor dem offiziellen Beginn wurden am O’Swaldkai Landeplätze erkundet. Am ersten Übungstag begleiteten die Sea Lion nach öffentlich dokumentierter Bildlage Bewegungen zwischen Airbus Finkenwerder, der Elbe und dem Hafenterminal. Eine HADAG-Fähre brachte Soldatinnen und Soldaten über den Fluss, während Material und Fahrzeuge für die anschließende Kolonne zusammengeführt wurden. Die Luftfahrzeuge ermöglichten Beobachtung aus einer anderen Perspektive, schnelle Verbindungen zwischen räumlich getrennten Punkten und – abhängig vom jeweiligen Auftrag – den Transport von Personal.
Am zweiten Tag sah das Szenario bei der Sabotage eines Militärzuges vor, Kräfte auch per NH90 an den betroffenen Bereich heranzuführen. Am letzten Tag waren Hubschrauber außerdem in das medizinische Übungsgeschehen am Flughafen eingebunden. Die veröffentlichten Quellen weisen einzelne Patiententransporte jedoch nicht eindeutig einem bestimmten Sea Lion zu. Deshalb wäre es zu weitgehend, den beiden Marinehubschraubern ohne weitere Bestätigung eine konkrete MEDEVAC-Leistung zuzuschreiben.
Gerade diese nüchterne Einordnung zeigt den Wert der Marineflieger. Der Sea Lion war nicht der alleinige Mittelpunkt der Übung. Er ergänzte Schiffe, Fähren, Straßenfahrzeuge, Schienenverkehr und Führungsstellen um eine schnelle luftgestützte Komponente. In einer komplexen Lage zählt nicht das einzelne Luftfahrzeug, sondern ob Auftrag, Luftraum, Landeplatz, Bodenorganisation und nachfolgende Übergabe zusammenpassen.
Drei Übungstage, drei unterschiedliche Belastungen
Tag 1: Drohne, Fähre und nächtliche Kolonne
Am 24. September lag der Schwerpunkt zunächst im Hafen. In einem Szenario näherte sich eine mit Sprengstoff beladene Drohne kritischer Infrastruktur. Eine Bundeswehrdrohne fing das Fluggerät mit einem Netz ab; ein Spezialeinsatzkommando der Polizei setzte einen Beamten per Hubschrauber ab, um den angenommenen Piloten festzunehmen. Die abgefangene Drohne wurde anschließend mit einem Wasserstrahl unschädlich gemacht.
Danach verlagerte sich der Fokus auf die eigentliche Transportkette. Eine HADAG-Fähre brachte Soldatinnen und Soldaten vom Airbus-Gelände in Finkenwerder zum Terminal O’Swaldkai. Dort trafen Personal, Fahrzeuge und Material zusammen. Später bewegte sich eine Kolonne aus rund 70 militärischen und zivilen Fahrzeugen durch Hamburg. Die Fahrt fand überwiegend nachts statt, um den normalen Verkehr und die Wirtschaft möglichst wenig zu beeinträchtigen. Hubschrauber begleiteten beziehungsweise überwachten Teile der Bewegungen aus der Luft.
Tag 2: Gefahrstoff und Sabotage an der Schiene
Am 25. September wurde ein Chemieunfall im Hafen dargestellt. Aus einem Bundeswehrlastwagen trat im Szenario Ammoniak aus. Mehrere Übungsverletzte befanden sich im Gefahrenbereich und mussten gerettet, dekontaminiert und medizinisch versorgt werden. Feuerwehr, Rettungsdienste, Technisches Hilfswerk und eine Werksfeuerwehr arbeiteten dabei mit dem militärischen Gefechtsstand zusammen.
Ein zweiter Übungsabschnitt behandelte die Sabotage eines Zuges mit militärischen Gütern. Im Szenario brachte eine Drohne einen Sprengsatz an den Zug. Zunächst lag die Zuständigkeit auf dem Bahngelände bei der Bundespolizei. Nach Feststellung der Lage übergab sie einen definierten Bereich an die Bundeswehr, die einen militärischen Sicherheitsbereich einrichtete. Kräfte sollten sowohl mit Radfahrzeugen als auch per NH90 anrücken. Damit wurde nicht nur die Reaktion auf einen Anschlag geübt, sondern vor allem der geregelte Zuständigkeitswechsel zwischen Polizei und Militär.
Tag 3: Behandlungsplätze und Verwundetentransport
Der 26. September konzentrierte sich auf Rettung und medizinische Versorgung. Deutsches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk und Bundeswehrkrankenhaus Hamburg bauten in einer Tiefgarage eine geschützte Behelfsnotaufnahme auf. Sie sollte zeigen, wie zusätzliche Behandlungskapazität geschaffen werden kann, wenn eine reguläre Notaufnahme ausfällt oder bei Stromausfall, Cyberangriff und weiterer Bedrohung ein besser geschützter Ort benötigt wird.
Bei einem weiteren Szenario ereignete sich in einem Gebäude eine Explosion. Feuerwehr und THW retteten Personen, suchten das Gebäude ab und richteten eine Verletztensammelstelle ein. Am Flughafen wurde anschließend die Ankunft von 30 verletzten und 30 schwer verletzten Soldatinnen und Soldaten dargestellt. Drei Hubschrauber – zwei der Bundeswehr und ein großer Hubschrauber der Bundespolizei – landeten im Übungsraum. Nach der Erstversorgung sollten die 30 Schwerverletzten mit Rettungswagen zum Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gebracht werden.
Wer zusammenarbeiten musste
| Bereich | Beispiele und Übungsbeitrag |
|---|---|
| Militärische Führung und Kräfte | Landeskommando Hamburg, weitere Bundeswehreinheiten, Feldjäger, Sanitätsdienst und Bundeswehrkrankenhaus |
| Marineflieger | Zwei NH90 NTH Sea Lion als luftgestützte Komponente für Begleitung, Überwachung und vorgesehene Kräfteverlegung |
| Polizei und Sicherheit | Polizei Hamburg, Bundespolizei sowie Polizei aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein |
| Gefahrenabwehr | Feuerwehr Hamburg, Technisches Hilfswerk und betriebliche Feuerwehren |
| Medizin und Betreuung | UKE, DRK, ASB, Johanniter, Malteser, DLRG und weitere Rettungsorganisationen |
| Hafen und Verkehr | Hamburg Port Authority, HHLA, HADAG, Flughafen Hamburg, Lufthansa Technik und Hamburger Hochbahn |
| Industrie und Versorgung | Unter anderem Airbus, Blohm+Voss sowie Unternehmen aus Handel, Technik und Logistik |
| Auswertung | Beteiligte Organisationen und wissenschaftliche Begleitung durch die Helmut-Schmidt-Universität |
Die veröffentlichten rund 60 zivilen Partner waren nicht bloß Kulisse. Viele stellten Räume, Fahrzeuge, Fachpersonal, Verkehrsleistungen oder operative Fähigkeiten bereit. Andere beobachteten Abläufe, testeten Meldewege oder prüften ihre eigene Krisenorganisation. Die Verantwortung für kritische Infrastruktur blieb dabei grundsätzlich bei den jeweiligen Betreibern und zuständigen zivilen Stellen.
Warum Kommunikation wichtiger ist als Größe
Eine Übung mit 1.700 Beteiligten beeindruckt durch sichtbare Kolonnen und Hubschrauber. Ihre eigentliche Schwierigkeit liegt jedoch in der Zahl der Übergaben. Militärische und zivile Organisationen verwenden unterschiedliche Fachbegriffe, Meldewege, Führungsstrukturen und technische Systeme. Selbst wenn jede Stelle ihren Einzelauftrag beherrscht, kann das Gesamtsystem an einer verspäteten Meldung oder unklaren Zuständigkeit scheitern.
Ein gemeinsames Lagebild muss deshalb mehr beantworten als die Position einer Kolonne. Es muss zeigen, welche Strecke frei ist, welche Infrastruktur funktioniert, wo eine Störung vorliegt, welche Kräfte verfügbar sind und welche Stelle die Entscheidung trifft. Bei einer Gefahrstofflage kommen Windrichtung, Stoffidentifikation, Absperrgrenzen und Dekontamination hinzu. Bei Verwundeten zählen Behandlungskapazität, Transportpriorität und Patientenverfolgung. Beim Hubschraubereinsatz müssen außerdem Luftraum, Wetter, Landeplatz, Bodenabsicherung und Lärmauflagen berücksichtigt werden.
Das Landeskommando ist in diesem Netzwerk die militärische Ansprech- und Koordinierungsstelle auf Landesebene. Es ersetzt weder Polizei noch Feuerwehr oder Hafenbetreiber. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, den militärischen Bedarf mit den zuständigen zivilen Stellen zu verbinden. Red Storm Charlie machte diese Rollenverteilung praktisch sichtbar.
Von Alpha über Bravo zu Charlie
Die Übungsreihe wurde schrittweise ausgebaut. Bei Red Storm Alpha 2024 sicherten rund 100 Soldatinnen und Soldaten erstmals während des laufenden Hafenbetriebs ein verteidigungswichtiges Terminal. Im Mittelpunkt standen Checkpoints, Wachaufgaben und der Informationsaustausch mit Hafenakteuren.
Red Storm Bravo 2025 erweiterte den Ansatz auf eine regionale Verteidigungsübung mit rund 500 Soldatinnen und Soldaten. Truppen und Material sollten über Hafen, Straße und Schiene weiterverlegt werden; nächtliche Bewegungen, Hubschrauber und ein Massenanfall Verletzter vergrößerten das Szenario. Nach Angaben des NDR waren damals zwölf zivile Partner beteiligt.
Bei Red Storm Charlie stieg deren Zahl auf rund 60. Erstmals kamen außerdem Kolonnen aus anderen Bundesländern nach Hamburg. Die Übung verband die Verlegung mit Drohnenabwehr, Gefahrstoffschutz, Sabotageabwehr und einem breit angelegten medizinischen Abschnitt. Damit wuchs nicht nur der Umfang, sondern vor allem die Zahl der voneinander abhängigen Schnittstellen. Für den Herbst 2027 ist mit Red Storm Delta bereits die nächste Stufe vorgesehen.
Übung im öffentlichen Raum und reale Proteste
Red Storm Charlie fand nicht auf einem abgeschlossenen Truppenübungsplatz statt, sondern mitten in einer Millionenstadt. Fahrzeugbewegungen, Hubschrauberlärm und zeitweilige Verkehrseinschränkungen waren sichtbar und wurden im Vorfeld angekündigt. Gleichzeitig wurde die Übung von Protesten begleitet. Am Samstag nahmen nach Angaben der Polizei insgesamt bis zu 5.000 Menschen an sieben Veranstaltungen und Aufzügen teil; die meisten verliefen friedlich. Am Freitag blockierten Aktivistinnen und Aktivisten zeitweise Gleise der Hafenbahn, bevor die Polizei den Bereich räumte.
Diese realen Ereignisse sind von den simulierten Störungen der Übung zu trennen. Sie zeigen zugleich, dass Landes- und Bündnisverteidigung in einer Demokratie öffentlich diskutiert wird. Transparente Information über Zweck, Umfang, Belastungen und Rechtsrahmen gehört deshalb zur Übungsvorbereitung. Eine belastbare Krisenorganisation benötigt nicht nur Verfahren, sondern auch Vertrauen und eine nachvollziehbare Abgrenzung der Zuständigkeiten.
Parallel lief der Aktionstag „Red Storm Business“ der Handelskammer Hamburg, bei dem Unternehmen eigene Ausfälle etwa von Strom oder Kommunikation durchspielten. Trotz des ähnlichen Namens war dieses Format organisatorisch eigenständig: Die Bundeswehr war nach eigener Darstellung weder an der Organisation beteiligt noch Teilnehmerin.
Was die erste Bilanz aussagt – und was noch offen ist
Nach Abschluss zogen Landeskommando und Stadt eine positive erste Bilanz. Im Mittelpunkt standen Fortschritte bei Kommunikation, Koordination und gemeinsamem Handeln in komplexen Lagen. Der Sprung von zwölf zivilen Partnern bei Bravo auf rund 60 bei Charlie schuf deutlich mehr Kontakte und Abhängigkeiten, die unter realistischen Bedingungen erprobt werden konnten.
Eine positive Abschlussmeldung ist jedoch noch keine vollständige Wirksamkeitsanalyse. Belastbare Erkenntnisse entstehen erst durch die Nachbereitung: Welche Meldung erreichte wen zu spät? Wo waren Zuständigkeiten unklar? Welche Kommunikationsmittel funktionierten organisationsübergreifend? Wie lange dauerten Übergaben? Welche Engpässe entstanden bei Transport, Schutz und Versorgung? Rückmeldungen aller Partner sollen in die Auswertung einfließen. Zusätzlich ist eine wissenschaftliche Begleitung durch die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr Hamburg vorgesehen.
Bis ein detaillierter Abschlussbericht vorliegt, sollte Red Storm Charlie daher als umfangreicher Praxistest mit positiver erster Bewertung beschrieben werden – nicht als Nachweis, dass bereits jeder Ablauf reibungslos funktioniert. Übungen sind gerade dazu da, Reibung sichtbar zu machen und Verfahren vor der nächsten Stufe anzupassen.
Bedeutung für die Marineflieger
Für die Marineflieger zeigte Red Storm Charlie eine Aufgabe außerhalb des vertrauten Bildes vom Hubschrauber über offener See. Der Sea Lion kann auch über einem Hafen- und Stadtgebiet Teil einer großräumigen Verlegeoperation sein. Seine Besatzung muss dabei mit zivil kontrolliertem Luftraum, wechselnden Landeplätzen, dichter Infrastruktur, Polizeihubschraubern und einer Vielzahl von Bodenstellen zusammenarbeiten.
Solche Einsätze verlangen mehr als fliegerisches Können. Ein Landeplatz muss erkundet, abgesichert und freigegeben sein. Bodenpersonal, Treibstoff, Wartung und Besatzungszeiten müssen zur Operationsplanung passen. Die Luftlage muss mit anderen Behörden abgestimmt werden. Soll Personal transportiert werden, müssen Aufnahme, Flugauftrag und Übergabe eindeutig geregelt sein. Erst dieses Zusammenspiel macht die Geschwindigkeit eines Hubschraubers operativ nutzbar.
Die beiden Sea Lion waren deshalb ein kleines, aber aussagekräftiges Element von Red Storm Charlie. Sie verbanden maritime Erfahrung mit einer gesamtstaatlichen Übung an Land und im Hafen. Ihr Beitrag lag nicht in einer spektakulären Einzelaktion, sondern in der Fähigkeit, eine komplexe Transport- und Führungskette aus der Luft zu ergänzen.
Fazit
Red Storm Charlie war die bislang komplexeste Übung der Hamburger Red-Storm-Reihe. Rund 1.700 Beteiligte verbanden Hafen, Fähre, Straße, Schiene, Flughafen und medizinische Versorgung in einem gemeinsamen Szenario. Drohnenabwehr, Gefahrstoffunfall, Sabotage und Verwundetenversorgung erhöhten den Druck auf die Koordination. Zugleich blieb die Übung bewusst in der Friedensordnung und machte damit die Zusammenarbeit vieler rechtlich eigenständiger Akteure zum eigentlichen Prüfstein.
Für die Marineflieger standen zwei NH90 NTH Sea Lion als sichtbare Verbindung zwischen maritimer Infrastruktur, Stadt und Luftbeweglichkeit. Ihre Rolle war wichtig, aber klar eingebettet: Begleitung, Überwachung und die Möglichkeit schneller Verlegung funktionieren nur, wenn Landeplätze, Luftraum, Führungswege und Übergaben vorbereitet sind. Ob alle Schnittstellen den Belastungstest bestanden haben, wird erst die detaillierte Auswertung zeigen. Die nächste Gelegenheit zur Überprüfung ist bereits benannt: Red Storm Delta 2027.
Quellen:
Stand: September 2026
- Bundeswehr: Red Storm Charlie – Hamburg übt für den Ernstfall
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/landeskommando/hamburg/uebung-red-storm-charlie - Freie und Hansestadt Hamburg: Militärische Übung „Red Storm Charlie“
https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bukea/themen/luft-laerm-elektromagnetische-felder/militaerische-uebung-red-storm-charlie--1217186 - Freie und Hansestadt Hamburg: Red Storm Charlie – Hamburg übt für den Ernstfall
https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/aktuelles/red-storm-charlie-hamburg-uebt-fuer-den-ernstfall-1219074 - Polizei Hamburg: Red Storm Charlie – Hamburg übt für den Ernstfall
https://www.polizei.hamburg/red-storm-charlie-hamburg-uebt-fuer-den-ernstfall-1171082 - NDR: „Red Storm Charlie“ – 1.700 Kräfte bei Militär-Übung in Hamburg
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/red-storm-charlie-1700-kraefte-bei-militaer-uebung-in-hamburg,stormpk-100.html - NDR: Blog vom Donnerstag – erster Übungstag
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/blog-vom-donnerstag-militaer-uebung-und-proteste-bei-red-storm-charelie,hhtickerredstormcharlie-102.html - NDR: Blog vom Freitag – Gefahrstoff und Bahnsabotage
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/blog-militaer-uebung-und-proteste-was-bei-red-storm-charlie-passiert,hhtickerredstormcharlie-104.html - NDR: Blog vom Samstag – Rettung und medizinische Versorgung
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/liveblog-militaer-uebung-und-proteste-was-bei-red-storm-charlie-passiert,hhtickerredstormcharlie-100.html - NDR: Bundeswehr zieht positive Bilanz
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/red-storm-charlie-bundeswehr-zieht-positive-bilanz,kurzehh-4446.html - Bundeswehr: Red Storm Alpha – Heimatschützer sichern Infrastruktur im Hamburger Hafen
https://www.bundeswehr.de/de/selbstverstaendnis/geschichte-bundeswehr/territoriales-fuehrungskommando-der-bundeswehr/uebung-hamburger-hafen-5844580 - Bundeswehr: Red Storm Bravo – Bundeswehr-Übung 2025 in Hamburg
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/landeskommando/hamburg/red-storm-bravo - Bundeswehr: Host Nation Support – Drehscheibe Deutschland
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/auftrag-und-aufgaben/host-nation-support - Bundeswehr: Zivil-militärische Zusammenarbeit
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/unterstuetzungsbereich/zivil-militaerische-zusammenarbeit-der-bundeswehr - Bundeswehr: Deutschland als Drehscheibe der NATO
https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/verteidigung/aufgaben/deutschland-drehscheibe-der-nato - Bundeswehr: Mehrzweckhubschrauber NH90 NTH Sea Lion
https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/mehrzweck-hubschrauber-sea-lion-nh-90-nth - Bundeswehr: Marinefliegergeschwader 5
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marinefliegerkommando/marinefliegergeschwader-5