Bild: KI-generiert / Marineflieger.de
MQ-9B-Programm „Short Look“ der RAF
Mit dem Programm „Short Look“ gibt die Royal Air Force internationalen Partnern Einblick in die Einführung und den Betrieb der MQ-9B. Im Mittelpunkt stehen Erfahrungen, die beim Aufbau einer neuen fliegerischen Fähigkeit entstehen: Ausbildung, technische Unterstützung, Einsatzorganisation und die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche.
Für die deutschen Marineflieger ist dieser Austausch unmittelbar relevant. Sie bereiten den eigenen Betrieb der MQ-9B SeaGuardian vor und können dabei auf Erfahrungen bereits weiter fortgeschrittener Nutzer zurückgreifen.
Was hinter „Short Look“ steht
Die offizielle Veranstaltungsbezeichnung lautet Protector International MQ-9B Short Look. Dahinter steht ein von der RAF geführtes Format zum Wissenstransfer. Es richtet sich an Partner, die das ferngesteuerte Luftfahrtsystem beschaffen, einführen oder dessen Nutzung vorbereiten.
Die britische Perspektive ist besonders wertvoll, weil die RAF bereits praktische Erfahrungen mit ihrer MQ-9B-Ausführung gesammelt hat. Ihr Luftfahrzeug trägt die Bezeichnung Protector RG Mk1. Im November 2025 begann nach britischen Angaben dessen erster operativer Einsatz im Nahen Osten. Damit fließen Erfahrungen aus der Einführung und dem Einsatzbetrieb in den Austausch ein.
Fachlich lässt sich der Nutzen so einordnen: Eine Beschaffungsentscheidung beantwortet noch nicht alle Fragen des späteren Geschwaderalltags. Ausbildungswege, Personalbedarf, technische Abläufe und Zuständigkeiten müssen zusammenpassen. Der direkte Austausch mit einem Betreiber hilft, diese Zusammenhänge frühzeitig zu erkennen und die eigene Planung an praktischen Erfahrungen zu überprüfen.
Zwei Durchgänge im Jahr 2026
Der erste öffentlich beschriebene Durchgang fand vom 16. bis 27. März 2026 in RAF Waddington statt. Zwölf militärische Angehörige aus Kanada, Dänemark und Norwegen nahmen teil. Die RAF berichtete darüber am 29. April.
Ein zweiter Durchgang folgte vom 15. bis 24. September 2026, ebenfalls in Waddington. Er umfasste 13 internationale Teilnehmende aus Kanada und Dänemark sowie von der Deutschen Marine und der NATO-Ausbildungsinitiative NFTE. Die britische Meldung erschien am 23. Oktober 2026. Die RAF hob die erstmalige Teilnahme der Deutschen Marine und von NFTE ausdrücklich hervor.
Für die zeitliche Einordnung ist damit zwischen Veranstaltung und Veröffentlichung zu unterscheiden: Die deutsche Beteiligung erfolgte im September; die öffentliche Bestätigung durch die RAF folgte im Oktober.
Ausbildung, Technik und Einsatzvorbereitung
Der zweite Durchgang führte Fachpersonal aus Flugbetrieb, Technik, militärischem Nachrichtenwesen und Beschaffung zusammen. Zum öffentlich beschriebenen Themenumfang gehörten:
- Ausbildung der fliegenden Besatzungen und des technischen Personals, mit Beiträgen von 54 Squadron und Inzpire,
- Integration des Systems in den Flugplatzbetrieb,
- britische Waffenfähigkeiten mit Brimstone 3 und Paveway IV,
- nachrichtendienstliche Unterstützung,
- Sicherheitsfragen und Operationen im Cyberraum.
Diese Zusammenstellung verdeutlicht den fachübergreifenden Ansatz. Als technische Einordnung gilt: Ein ferngesteuertes Luftfahrtsystem verbindet das Fluggerät mit Arbeitsplätzen am Boden, Kommunikationsverbindungen und Verfahren zur Nutzung der gewonnenen Informationen. Änderungen in einem Teil dieses Systems können Auswirkungen auf andere Bereiche haben.
Ein Ausbildungsplan muss deshalb mit den vorgesehenen Aufgaben und der verfügbaren Technik zusammenpassen. Ebenso müssen Wartung und Einsatzplanung aufeinander abgestimmt sein. Der Wert eines solchen Austauschs liegt auch darin, dass verschiedene Fachrichtungen dieselben Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten können.
Protector als britische MQ-9B
Der Protector RG Mk1 basiert auf der MQ-9B SkyGuardian von General Atomics Aeronautical Systems. Die RAF nennt eine Spannweite von rund 24 Metern und eine Flugdauer von mehr als 40 Stunden. Solche Ausdauerangaben beschreiben das Leistungsvermögen unter entsprechenden Bedingungen; die verfügbare Einsatzzeit hängt unter anderem von Flugprofil, Ausrüstung und Wetter ab.
Die britische Besatzungsstruktur umfasst einen Piloten, einen Sensorbediener und einen Koordinator für die nachrichtendienstliche Missionsunterstützung. Die Arbeit findet an Bodenarbeitsplätzen statt. Das verdeutlicht, wie eng Flugführung, Sensorbedienung und die Einordnung der gewonnenen Informationen miteinander verbunden sind.
Zur britischen Ausrüstung gehören elektrooptische und infrarote Sensoren sowie Radar. Hinzu kommen landesspezifische Kommunikations- und Waffenfähigkeiten. Für Partner ist deshalb sowohl die gemeinsame technische Grundlage als auch die jeweilige nationale Ausgestaltung interessant. Erfahrungen mit Personal, Ausbildung und Unterstützung lassen sich fachlich auswerten, auch wenn spätere Einsatzaufgaben und Ausrüstungen voneinander abweichen.
Lufttüchtigkeit und Integration in den Luftraum
Ein wichtiger Entwicklungsschritt war die militärische Musterzulassung des Protector durch die britische Military Aviation Authority. Die Entscheidung erfolgte am 29. April 2025. Grundlage war eine Prüfung anhand der NATO-Lufttüchtigkeitsanforderungen STANAG 4671.
Der Hersteller beschreibt dafür unter anderem Schutz gegen Blitzschlag und Vereisung sowie eine Trennung von Missionssoftware und flugkritischer Software. Diese Eigenschaften gehören zur technischen und sicherheitsbezogenen Weiterentwicklung der MQ-9B.
Für den praktischen Betrieb sind Lufttüchtigkeit und Luftraumnutzung als unterschiedliche Aufgaben zu betrachten. Die Musterzulassung bewertet die Sicherheit des Luftfahrtsystems. Für einen konkreten Flug müssen zusätzlich passende Betriebsverfahren, Zuständigkeiten und die erforderlichen luftverkehrlichen Voraussetzungen bestehen.
Daraus ergibt sich ein nachvollziehbarer Nutzen für den internationalen Austausch: Wer ein solches System einführt, muss technische Nachweise und flugbetriebliche Organisation zusammenführen. Britische Erfahrungen können die Vorbereitung unterstützen. Die jeweiligen nationalen Zulassungs- und Betriebsentscheidungen bleiben Bestandteil des eigenen Einführungsprozesses.
Zusammenarbeit unter dem Dach der NSPA
„Short Look“ ist in die MQ-9 International Cooperation Support Partnership eingebettet. Diese Partnerschaft wurde unter der NATO Support and Procurement Agency, kurz NSPA, aufgebaut. Das Vereinigte Königreich und Belgien gehörten 2024 zu den Gründungsmitgliedern.
Der Rahmen soll die Zusammenarbeit bei Ausbildung, Betrieb, Weiterentwicklung und Versorgung erleichtern. Die RAF beschreibt außerdem die Möglichkeit, nationale Anforderungen zusammenzuführen und multinationale Vertragslösungen mit dem Hersteller oder der US-Regierung zu unterstützen.
Der organisatorische Zusammenhang ist wesentlich: Der Erfahrungsaustausch behandelt Fragen, die mehrere Nutzer desselben Grundsystems beschäftigen. Daraus können gemeinsame Anforderungen entstehen, etwa an Ausbildung oder technische Unterstützung. Ob und wie daraus gemeinsame Leistungen werden, hängt von den beteiligten Staaten und ihren konkreten Vereinbarungen ab.
Bei der deutschen Beschaffung ist die NSPA bereits praktisch eingebunden. Nach Herstellerangaben führte sie die Beschaffungsverhandlungen im Auftrag Deutschlands durch. Der internationale Rahmen reicht damit über einzelne Informationsveranstaltungen hinaus und umfasst auch konkrete Beschaffungsleistungen.
Bedeutung für die deutschen Marineflieger
Deutschland bestellte am 12. Januar 2026 acht MQ-9B. Der Hersteller bezeichnet die deutsche Ausführung als SeaGuardian und nennt zusätzlich vier Bodenkontrollstationen. Die ersten Lieferungen werden ab 2028 erwartet. Als künftiger Betreiber ist das Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz vorgesehen.
Die Bundeswehr beschreibt die Systeme als Ergänzung der bemannten Seefernaufklärung. Kameras und Radare sollen zur Überwachung großer Seegebiete beitragen. Mit entsprechender Ausrüstung können auch Sonarbojen eingesetzt werden, um Informationen über Aktivitäten unter Wasser zu gewinnen. Die gewonnenen Daten sollen an die Bodenkontrollstation und bei Bedarf an weitere eigene oder verbündete Kräfte gelangen.
Für den Beginn des Flugbetriebs müssen Personal ausgebildet und die erforderliche Infrastruktur geschaffen werden. Genau hier liegt ein naheliegender Nutzen der britischen Erfahrungen. Für Nordholz sind beispielsweise die Abstimmung zwischen Luftfahrzeug und Bodenbetrieb, die Vorbereitung technischer Arbeitsabläufe und die Organisation der Ausbildung wichtige Themen.
Fachlich betrachtet bietet die Teilnahme damit eine Möglichkeit, die eigene Vorbereitung anhand eines bereits eingeführten Systems zu hinterfragen. Welche einzelnen Erkenntnisse die deutsche Delegation anschließend übernimmt, ist in der öffentlichen Veranstaltungsbeschreibung nicht ausgeführt.
Gemeinsame Grundlage und nationale Anforderungen
Die Bezeichnungen Protector, SkyGuardian und SeaGuardian gehören zur MQ-9B-Familie. Sie stehen zugleich für unterschiedliche Ausgestaltungen und Einsatzschwerpunkte. Für Deutschland ist insbesondere die maritime Verwendung entscheidend.
Die im britischen Programm behandelten Waffenfähigkeiten beschreiben zunächst das RAF-System. Aus ihrer Vorstellung bei „Short Look“ lässt sich keine entsprechende deutsche Ausstattung ableiten. Für Aussagen zur deutschen Konfiguration sind die jeweiligen Beschaffungs- und Ausrüstungsangaben maßgeblich.
Diese Unterscheidung hilft auch bei der Bewertung des Wissenstransfers. Besonders gut vergleichbar sind übergreifende Fragen: Wie werden Fachrichtungen zusammengeführt? Welche Voraussetzungen braucht ein verlässlicher Betrieb? Wo entstehen Abhängigkeiten zwischen Ausbildung, Technik und Organisation? Konkrete Missionsverfahren müssen anschließend zum nationalen Auftrag und zur tatsächlich verfügbaren Ausrüstung passen.
Fazit
„Short Look“ macht praktische Betreibererfahrung für internationale Partner zugänglich. Für die Marineflieger liegt der Nutzen vor allem darin, Anforderungen an Personal, Ausbildung, Technik und Organisation frühzeitig im Zusammenhang zu betrachten.
Ob der Austausch die Einführung erleichtert, wird sich an der Umsetzung zeigen: an passenden Ausbildungswegen, abgestimmten Arbeitsabläufen und einem verlässlich vorbereiteten Flugbetrieb. Die Teilnahme schafft dafür eine zusätzliche fachliche Grundlage.
Quellen:
Stand: Oktober 2026
Royal Air Force – UK Delivers Second RAF Protector International MQ-9B Short Look Event
www.raf.mod.uk/our-organisation/stations/raf-waddington/news/uk-delivers-second-raf-protector-international-mq-9b-short-look-event/
Royal Air Force – UK Leads NATO Drone Knowledge-Sharing Initiative
www.raf.mod.uk/news/articles/uk-leads-nato-drone-knowledge-sharing-initiative/
Royal Air Force – Protector RG1
www.raf.mod.uk/aircraft/current-aircraft/protector-rg-mk-1-mq-9b11/
Royal Air Force – UK develops MQ-9B support partnership with NATO
www.raf.mod.uk/news/articles/uk-develops-mq-9b-support-partnership-with-nato/
Bundeswehr – Bundeswehr bestellt Drohnen zur Seefernaufklärung und U-Boot-Jagd
www.bundeswehr.de/de/meldungen/bundeswehr-mq-9b-drohnen-seefernaufklaerung-u-boot-jagd-6057512
General Atomics Aeronautical Systems – Germany Buys Eight MQ-9B SeaGuardian RPA Through NSPA
www.ga-asi.com/germany-buys-eight-mq-9b-seaguardian-rpa-through-nspa
General Atomics Aeronautical Systems – UK Certifies Protector As First of Its Kind Remotely Piloted Aircraft
www.ga-asi.com/uk-certifies-protector-as-first-of-its-kind-remotely-piloted-aircraft