F-104G Starfighter vs. PA-200 Tornado – zwei Generationen der Marineflieger
Die Lockheed F-104G Starfighter und der Panavia PA-200 Tornado prägten über vier Jahrzehnte die fliegende Seekriegführung der Bundesmarine und später der Deutschen Marine. Beide Kampfflugzeuge übernahmen die Bekämpfung gegnerischer Schiffe und Aufgaben der taktischen Aufklärung. Dennoch standen sie für grundverschiedene technische Konzepte: Die F-104G war die Mehrzweckausführung eines ursprünglich als leichten Abfangjäger entworfenen Flugzeugs. Der Tornado IDS entstand dagegen von Beginn an als zweisitziges Allwetter-Kampfflugzeug für schnelle Angriffe und Aufklärung im Tiefflug.
Der Wechsel vom Starfighter zum Tornado war deshalb mehr als der Austausch eines älteren Flugzeugmusters. Er veränderte die Einsatzmöglichkeiten, die Arbeitsteilung in der Besatzung und die Fähigkeit der Marineflieger, auch nachts und bei schlechtem Wetter in geringer Höhe über Land und See zu operieren.
Unterschiedliche Ausgangskonzepte
Die F-104 entstand in den 1950er-Jahren als schneller, leichter Tagjäger für die US Air Force. Ihr Erscheinungsbild folgte konsequent diesem Ziel: ein sehr schlanker Rumpf, extrem kleine und dünne Tragflächen sowie ein leistungsstarkes J79-Strahltriebwerk. Die Bundesrepublik wählte 1959 die umfassend angepasste F-104G als Standardkampfflugzeug. Verstärkungen an der Zelle und eine erweiterte Avionik sollten das Muster für mehrere Aufgaben befähigen – darunter Jagdbomber-, Abfang- und Aufklärungseinsätze bei ungünstigem Wetter und in niedriger Höhe. Damit musste die F-104G Missionen erfüllen, für die das amerikanische Ausgangsmuster ursprünglich nicht optimiert worden war. Das Deutsche Museum erläutert Entwicklung und Umbau der F-104G ausführlich.
Der Tornado war dagegen das Ergebnis eines gemeinsamen Entwicklungsprogramms Deutschlands, Großbritanniens und Italiens. Seine Grundversion IDS – „Interdiction Strike“ – wurde gezielt für Luftangriffe, maritime Kampfführung und taktische Aufklärung entwickelt. Schwenkflügel, zwei Triebwerke, eine zweiköpfige Besatzung, rechnergestützte Navigation und ein Geländefolgeradar gehörten zum Gesamtkonzept. Panavia beschreibt den Tornado IDS als Mehrzweckplattform für Angriff, maritime Kampfführung und Aufklärung.
Der Generationswechsel bei MFG 1 und MFG 2
Beim Marinefliegergeschwader 1 in Schleswig-Jagel begann das Starfighter-Zeitalter 1963. Das Marinefliegergeschwader 2 in Eggebek folgte Mitte der 1960er-Jahre. Die F-104G und die Aufklärungsvariante RF-104G ersetzten dort ältere Muster wie die Hawker Sea Hawk und bildeten anschließend rund zwei Jahrzehnte das Rückgrat der offensiven Marinefliegerkräfte.
Beim MFG 1 setzte Anfang der 1980er-Jahre die Umrüstung auf den Tornado ein. Am 2. Juli 1982 wurde der Verband zum ersten mit dem Tornado ausgerüsteten Einsatzgeschwader der Bundeswehr. Beim MFG 2 begann die Umrüstung 1986. Dadurch flogen während einer mehrjährigen Übergangsphase bereits Tornados beim MFG 1, während das MFG 2 noch Starfighter einsetzte. Die Chroniken des MFG 1 und des MFG 2 dokumentieren diese Umrüstung.
Insgesamt wurden 112 Tornado IDS für die Marineflieger bestellt. Sie dienten beim MFG 1 von 1982 bis 1993 und beim MFG 2 von 1986 bis 2005. Nach der Auflösung der beiden Verbände gingen verbliebene Maschinen und Aufgaben teilweise an die Luftwaffe über. Panavia nennt Stückzahl, Verbände und Einsatzzeiträume der deutschen Marine-Tornados.
Technische Daten im Vergleich
| Merkmal | F-104G Starfighter | PA-200 Tornado IDS |
|---|---|---|
| Grundkonzept | schneller Mehrzweckjäger auf Basis eines Tagjägers | Allwetter-Kampfflugzeug für Angriff und Aufklärung |
| Besatzung | 1 | 2: Pilot und Waffensystemoffizier |
| Triebwerke | 1 × J79-MTU-J1K | 2 × Turbo-Union RB199-34R |
| Schub mit Nachbrenner | 70,9 kN | bis zu 2 × 69 kN |
| Länge | etwa 16,7 m | 17,23 m |
| Spannweite | 6,70 m, fest | 13,91 m bei 25° / 8,56 m bei 67° Pfeilung |
| maximales Startgewicht | etwa 13 t | 28,5 t |
| Höchstgeschwindigkeit | etwa Mach 2 | bis Mach 2,2 in großer Höhe; bis Mach 1,3 im Tiefflug |
| Tiefflugfähigkeit | manuell, hohe Belastung des Piloten | Geländefolgeradar und gekoppelter Autopilot |
| Hauptaufgaben der Marine | Seezielbekämpfung und Aufklärung | Seezielbekämpfung, Aufklärung und weitere Angriffsrollen |
| Zeit bei den Marinefliegern | 1963 bis 1986 | 1982 bis 2005 |
Die Angaben beziehen sich auf die F-104G und den deutschen Tornado IDS. Werte können je nach Rüststand, Außenlasten und Messweise abweichen. So nennt der Hersteller Panavia für den Tornado eine Rumpflänge von 16,72 Metern, während die Bundeswehr 17,23 Meter angibt; dies ist offenbar auf unterschiedliche Messdefinitionen zurückzuführen. Die technischen Grunddaten stammen vom Deutschen Museum, von der Bundeswehr und von Panavia.
Aerodynamik und Flugverhalten
F-104G: kompromisslos auf Geschwindigkeit ausgelegt
Die F-104G besaß eine sehr geringe Tragflügelfläche und stark belastete, scharfkantige Flügel. Diese Auslegung verringerte den Luftwiderstand bei hohen Geschwindigkeiten und verlieh dem Starfighter eine sehr gute Beschleunigungs- und Steigleistung. Im Gegenzug waren Start, Landung und langsamer Flug anspruchsvoll. Das Deutsche Museum nennt abhängig von der Beladung Landegeschwindigkeiten zwischen 270 und 350 km/h.
Für die Marineflieger war die hohe Geschwindigkeit wertvoll: Die F-104G konnte rasch in den Einsatzraum vorstoßen, einen Seezielflugkörper absetzen und sich anschließend wieder mit hoher Geschwindigkeit entfernen. Die starre Flügelgeometrie bot jedoch nur einen begrenzten Kompromiss zwischen Überschallflug, Reichweite, Außenlasten und gutmütigem Verhalten bei niedriger Geschwindigkeit.
Tornado: Schwenkflügel für ein breiteres Einsatzspektrum
Die verstellbaren Tragflächen des Tornados erlaubten eine Anpassung an die jeweilige Flugphase. Bei geringer Pfeilung standen mehr Auftrieb und bessere Eigenschaften für Start, Landung und langsamen Flug zur Verfügung. Stark nach hinten geschwenkt verringerten die Flügel den Widerstand bei hoher Geschwindigkeit und im Tiefflug. Schubumkehr an den RB199-Triebwerken verkürzte zusätzlich den Ausrollweg nach der Landung.
Der Tornado war mehr als doppelt so schwer wie die F-104G. Dieses Mehrgewicht stand für größere Kraftstoff- und Waffenreserven, umfangreichere Avionik, ein zweites Besatzungsmitglied und ein deutlich breiteres Aufgabenspektrum. Seine Stärke lag nicht im Kurvenluftkampf, sondern im schnellen, stabilen Eindringen in geringer Höhe.
Avionik, Tiefflug und Arbeitsbelastung
Der deutlichste Fortschritt zeigte sich im Cockpit und in der Missionsführung. In der einsitzigen F-104G musste der Pilot das Flugzeug führen, navigieren, Sensoren bedienen, Ziele erfassen und Waffen einsetzen. Gerade im schnellen Tiefflug über See, bei schlechtem Wetter oder während komplexer Angriffsprofile führte diese Aufgabenhäufung zu einer hohen Arbeitsbelastung.
Im Tornado teilten sich Pilot und Waffensystemoffizier die Aufgaben. Der Pilot konzentrierte sich vor allem auf die Flugführung, während der Waffensystemoffizier Navigation, Sensorik und Waffeneinsatz unterstützte. Das Geländefolgeradar konnte den Autopiloten so steuern, dass das Flugzeug dem Geländeprofil in geringer Höhe folgte. Die Bundeswehr gibt für den automatisierten Allwetter-Tiefflug eine Höhe von bis zu 60 Metern an; unter Sichtflugbedingungen waren manuell bis zu 30 Meter möglich. Die Bundeswehr beschreibt diese Tiefflugfähigkeit und die Avionik des PA-200 Tornado.
Über offener See spielte die automatische Geländefolge eine geringere Rolle als über Land. Die präzise Navigation, das leistungsfähigere Angriffsradar, die Arbeitsteilung der Besatzung und die umfangreicheren Selbstschutzsysteme waren jedoch auch für maritime Einsätze entscheidende Vorteile.
Seezielbekämpfung und Bewaffnung
Die F-104G machte die Marineflieger zu einem weitreichenden Träger moderner Seezielflugkörper. Ab 1973 wurde der AS.34 Kormoran für den Einsatz gegen gegnerische Schiffe eingeführt. Der Flugkörper ermöglichte einen Angriff aus Distanz und verringerte die Zeit, in der sich das Trägerflugzeug der unmittelbaren Schiffsabwehr aussetzen musste. Das Bundesarchiv ordnet die Einführung des Kormoran in die Modernisierung der Bundesmarine nach dem „Eilath-Vorfall“ von 1967 ein. Bundesarchiv: Modernisierung der Bundesmarine und Einführung des Kormoran.
Der Tornado übernahm den Kormoran und verband ihn mit größerer Reichweite, höherer Außenlastkapazität sowie leistungsfähigeren Navigations- und Selbstschutzsystemen. Je nach Auftrag und Rüststand konnte der Tornado außerdem konventionelle Abwurfwaffen, Luft-Luft-Flugkörper zur Selbstverteidigung, Antiradarflugkörper und Aufklärungsbehälter einsetzen. Damit war er nicht nur ein wirksamerer Träger für die klassische Seezielbekämpfung, sondern eine flexiblere Plattform für Aufklärung und Luftangriffe im maritimen Umfeld. Panavia nennt die Waffen- und Außenlastoptionen des Tornado IDS.
Reichweite, Nutzlast und Überlebensfähigkeit
Die F-104G war kompakt und schnell, blieb aber durch ihre geringe Flügelfläche, das einzelne Triebwerk und das wesentlich niedrigere Startgewicht begrenzt. Zusatztanks und Außenlasten erhöhten Reichweite und Einsatzwert, beeinflussten jedoch Flugleistung und Widerstand.
Der Tornado konnte deutlich mehr Kraftstoff und Außenlasten mitführen. Luftbetankung, umfangreichere elektronische Selbstschutzmittel, Radarwarnempfänger sowie Täuschkörper- und Störsysteme erhöhten seine Einsatzflexibilität. Auch das Zwei-Triebwerk-Konzept schuf zusätzliche technische Redundanz. Entscheidend war jedoch das Gesamtsystem aus Avionik, Besatzung, Navigation, Selbstschutz und Bewaffnung – nicht ein einzelnes Leistungsmerkmal.
Sicherheit: ein Vergleich mit notwendiger Einordnung
Die Geschichte der F-104G in Deutschland ist untrennbar mit einer hohen Zahl von Flugunfällen verbunden. Das Deutsche Museum nennt 269 verlorene Maschinen und 116 getötete Piloten im gesamten deutschen Starfighter-Betrieb. Diese Zahlen beziehen sich nicht allein auf die Marineflieger. Als Ursachen nennt das Museum unter anderem technische und logistische Schwierigkeiten während der Einführung des komplexen Waffensystems.
Eine Erklärung allein mit angeblichen Konstruktionsmängeln greift zu kurz. Die Bundeswehr setzte ein ursprünglich als Tagjäger entwickeltes Flugzeug in anspruchsvollen Mehrzweckrollen ein, darunter Tiefflug bei ungünstigem Wetter. Hinzu kamen zu Beginn Probleme in Ausbildung, Wartung, Ersatzteilversorgung und Einsatzorganisation. Der Tornado war für das geforderte Tiefflugprofil konzipiert und entlastete seine Besatzung durch Automatisierung und Arbeitsteilung. Gefahrlos war sein Einsatz trotzdem nicht: Schneller Tiefflug blieb auch mit modernerer Technik eine besonders anspruchsvolle Form des militärischen Flugbetriebs.
Direkte Bewertung
| Vergleichsfeld | Vorteil | Begründung |
| Geschwindigkeit und Steigleistung bei geringem Gewicht | F-104G | kompromisslose aerodynamische Auslegung und sehr gutes Schub-Gewichts-Verhältnis |
| Allwetter- und Tiefflugeinsatz | Tornado | Geländefolgeradar, Autopilot und integrierte Navigationsanlage |
| Nutzlast und Reichweite | Tornado | mehr als doppelt so hohes maximales Startgewicht und größere Kraftstoffreserven |
| Arbeitsverteilung im Einsatz | Tornado | Pilot und Waffensystemoffizier teilen Flugführung, Navigation und Waffeneinsatz |
| Flexibilität der Bewaffnung | Tornado | breiteres Spektrum an Waffen, Aufklärungs- und Selbstschutzsystemen |
| Historische Pionierrolle bei der Seezielbekämpfung | F-104G | Einführung des luftgestützten Kormoran bei den Marinefliegern |
| Gesamteignung für maritime Angriffsmissionen | Tornado | als Gesamtsystem gezielt für komplexe Angriffs- und Aufklärungsprofile entwickelt |
Fazit
Die F-104G Starfighter war für die deutschen Marineflieger ein entscheidender Schritt in das Zeitalter überschallschneller Kampfflugzeuge und luftgestützter Seezielflugkörper. Ihre hohe Geschwindigkeit, das kompakte Flugwerk und der Kormoran machten sie während des Kalten Krieges zu einem ernst zu nehmenden Instrument der Seekriegführung. Gleichzeitig blieb sie ein stark angepasster Entwurf, dessen Ursprung als leichter Tagjäger bei anspruchsvollen Allwetter- und Tiefflugmissionen spürbar war.
Der PA-200 Tornado war der deutlich vollständigere Marine-Jagdbomber. Er vereinte größere Reichweite und Nutzlast mit einer zweiköpfigen Besatzung, automatisiertem Tiefflug, leistungsfähigerer Avionik und einem breiteren Waffenspektrum. Der Tornado war deshalb nicht einfach nur schneller, größer oder stärker bewaffnet. Er verkörperte einen Systemwechsel: vom hochgezüchteten Einmannflugzeug zum integrierten, arbeitsteilig betriebenen Allwetter-Waffensystem.
Quellenverzeichnis
- Deutsches Museum: Lockheed F-104 G Starfighter – Entwicklung, technische Daten und Einordnung der deutschen F-104G.
- Bundeswehr: Der PA-200 Tornado – Aufgaben, Tiefflugfähigkeit, Avionik, Bewaffnung und technische Daten.
- Panavia Aircraft GmbH: Tornado – technische Übersicht – Abmessungen, Gewichte, Flugleistungen und Reichweiten.
- Panavia Aircraft GmbH: Tornado-Varianten – Aufgaben des Tornado IDS und Zahl der für die Marineflieger gebauten Maschinen.
- Panavia Aircraft GmbH: Deutsche Tornado-Verbände – MFG 1, MFG 2, Stationierungsorte und Einsatzzeiträume.
- Panavia Aircraft GmbH: Systeme und Fähigkeiten des Tornado IDS – Außenlaststationen, Bewaffnung und Einsatzprofile.
- Panavia Aircraft GmbH: RB199-Triebwerk – Aufbau, digitale Regelung, Schubumkehr und Wartungskonzept.
- Bundesarchiv: Der „Eilath-Vorfall“ und die Modernisierung der Bundesmarine – strategischer Hintergrund und Einführung des AS.34 Kormoran.
- Chronik des Marinefliegergeschwaders 1: Die 1980er-Jahre – Ablösung der F-104G und Einführung des Tornados in Jagel.
- Marinefliegergeschwader 2: Geschichtsübersicht – Starfighter- und Tornado-Betrieb in Eggebek sowie Auflösung des Verbandes.