NH90 Sea Tiger: Der neue Bordhubschrauber der deutschen Marineflieger
Mit dem NH90 MRFH Sea Tiger beginnt bei den deutschen Marinefliegern eine neue Ära. Der moderne Mehrrollen-Fregattenhubschrauber löst den seit 1981 eingesetzten Sea Lynx Mk88A ab und erweitert die Fähigkeiten der Deutschen Marine vor allem in der U-Boot-Jagd und der Überwasserseekriegsführung. Moderne Sensoren, eine leistungsfähige Missionsausstattung und weitreichende Waffen machen den Sea Tiger zum fliegenden Aufklärungs- und Wirkmittel der Fregatten.
Vom Sea Lynx zum Sea Tiger
Über mehr als vier Jahrzehnte war der Sea Lynx Mk88A ein fester Bestandteil der deutschen Fregatten. Als Bordhubschrauber vergrößerte er die Reichweite der schiffseigenen Sensoren, suchte nach U-Booten, überwachte Seegebiete und konnte erkannte Ziele bekämpfen. Nach 45 Dienstjahren und mehr als 120.000 Flugstunden endet 2026 seine außergewöhnlich lange Einsatzgeschichte.
Seine Nachfolge übernimmt der NH90 MRFH Sea Tiger. Die Abkürzung MRFH steht für „Multi-Role Frigate Helicopter“ und beschreibt seine Aufgabe als vielseitigen Bordhubschrauber für Fregatten. Deutschland bestellte 2020 insgesamt 31 Maschinen. Der erste Sea Tiger absolvierte am 30. November 2023 in Donauwörth seinen Erstflug. Es folgten umfangreiche Erprobungen des Missionssystems, des Tauchsonars, der Sonarbojen und der Waffenintegration.
Am 16. Dezember 2025 wurde die erste Maschine offiziell an die Deutsche Marine übergeben. Die Auslieferung der gesamten Flotte soll bis 2030 abgeschlossen sein. Stationiert werden die Hubschrauber beim Marinefliegergeschwader 5 auf dem Fliegerhorst Nordholz.
Spezialist für die U-Boot-Jagd
Eine der wichtigsten Aufgaben des Sea Tiger ist die U-Boot-Abwehr. Moderne U-Boote können über große Entfernungen operieren, bleiben dabei nur schwer auffindbar und stellen eine erhebliche Bedrohung für Schiffe, Seeverbindungen und kritische maritime Infrastruktur dar. Ein Bordhubschrauber kann verdächtige Seegebiete deutlich schneller untersuchen als ein Schiff und seine Sensoren in größerer Entfernung von der eigenen Fregatte einsetzen.
Zur Suche nach Unterwasserzielen verfügt der Sea Tiger über ein modernes Tauchsonar. Dabei wird der Sonarkörper im Schwebeflug an einem Kabel ins Wasser abgesenkt. Zusätzlich kann der Hubschrauber aktive und passive Sonarbojen ausbringen. Die von den verschiedenen Sensoren erfassten Informationen werden im Missionssystem zusammengeführt und an den Arbeitsplätzen der taktischen Besatzung ausgewertet. Auf diese Weise lassen sich Unterwasserkontakte orten, klassifizieren und verfolgen.
Wird ein gegnerisches U-Boot eindeutig identifiziert und der Waffeneinsatz befohlen, kann der Sea Tiger den Leichtgewichtstorpedo MU90 einsetzen. Er verbindet damit Aufklärung und Wirkung in einem System: Der Hubschrauber kann ein Ziel selbst suchen, verfolgen und bekämpfen oder gemeinsam mit einer Fregatte, der P-8A Poseidon und weiteren Kräften in einem größeren U-Boot-Abwehrverband operieren.
Aufklärung und Wirkung gegen Schiffe
Auch bei der Überwasserseekriegsführung erweitert der Sea Tiger den Aktionsradius einer Fregatte erheblich. Sein ENR-Seeraumüberwachungsradar besitzt einen abbildenden ISAR-Modus und kann nach Angaben der Bundeswehr mehr als 150 Kontakte verfolgen. Damit lassen sich Schiffe und kleinere Wasserfahrzeuge auch außerhalb der unmittelbaren Sichtweite der Fregatte erfassen und beobachten.
Ergänzt wird das Radar durch ein elektro-optisches Sensorsystem mit hochauflösender Tageslichtkamera, Wärmebildtechnik, Laserentfernungsmesser, Laserbeleuchter und Laserzielzuweiser. Diese Ausstattung ermöglicht es, Kontakte genauer zu untersuchen, Ziele zu identifizieren und bei Bedarf für den Einsatz präzisionsgelenkter Waffen zu markieren.
Zur Bekämpfung von Überwasserzielen ist der Sea Tiger für den Seezielflugkörper Marte ER ausgelegt. Dessen Reichweite liegt bei mehr als 100 Kilometern. Dadurch kann der Hubschrauber Schiffsziele aus großer Entfernung angreifen. Für den Nahbereich und zur Unterstützung besonderer Einsatzformen kann er außerdem schwere Maschinengewehre im Kaliber 12,7 Millimeter mitführen.
Elektronische Aufklärung und Selbstschutz
Im modernen Seegefecht reicht es nicht aus, ausschließlich Radar- und Sonarkontakte auszuwerten. Der Sea Tiger besitzt deshalb ein System zur elektronischen Unterstützungs- und Kampfführung. Es kann elektromagnetische Aussendungen erfassen, analysieren und zur Identifizierung möglicher Bedrohungen beitragen. Dies verbessert das maritime Lagebild und warnt die Besatzung vor gegnerischen Sensoren oder Waffensystemen.
Zum Selbstschutz gehören Täuschkörperanlagen für Chaff und Flares. Chaff soll radargelenkte Bedrohungen irritieren, während Flares gegen infrarotgelenkte Flugkörper eingesetzt werden. Zusammen mit der elektronischen Warn- und Missionsausstattung erhöht dies die Überlebensfähigkeit des Hubschraubers in einem umkämpften Umfeld.
Zwei taktische Arbeitskonsolen mit großen HD-Bildschirmen dienen in der Kabine zur Bedienung der Sensoren und zur Auswertung der gewonnenen Informationen. Die reguläre Besatzung besteht aus vier Soldatinnen und Soldaten. Je nach Auftrag kann der Sea Tiger außerdem bis zu elf Passagiere aufnehmen.
Mehr als ein reiner Kampfhubschrauber
Obwohl U-Boot-Jagd und Überwasserseekriegsführung im Mittelpunkt stehen, bleibt der Sea Tiger ein Mehrrollenhubschrauber. Er kann ebenfalls für folgende Aufgaben eingesetzt werden:
- Seeraumüberwachung und Aufklärung
- Personal- und Materialtransport
- Unterstützung von Boarding-Operationen
- Such- und Rettungseinsätze
Bei Boarding-Operationen kann der Hubschrauber Einsatzkräfte schnell an ein verdächtiges Schiff heranführen, den Einsatz aus der Luft überwachen und bei Bedarf absichern.
Seine Konstruktion ist auf den regelmäßigen Betrieb über See und von schwankenden Flugdecks ausgelegt. Der Sea Tiger ist bei Tag und Nacht einsetzbar und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von rund 274 Kilometern pro Stunde. Seine kompakten Abmessungen ermöglichen die Unterbringung im Hangar einer Fregatte.
Sea Tiger und Sea Lion
Mit dem Sea Tiger und dem bereits eingeführten Sea Lion betreibt die Deutsche Marine künftig zwei eng verwandte Varianten des NH90.
Die 18 Sea Lion dienen vor allem dem Such- und Rettungsdienst, dem Transport von Personal und Material sowie dem Einsatz von den Versorgungsschiffen der Klasse 702. Der Sea Tiger ist dagegen mit seinem besonderen Missionssystem, Tauchsonar, Sonarbojenwerfer und seiner Bewaffnung auf das maritime Gefecht von Fregatten ausgerichtet.
Die gemeinsame Grundplattform bietet Vorteile für Ausbildung, Wartung, Ersatzteilversorgung und Infrastruktur. Dennoch sind beide Versionen keine austauschbaren Luftfahrzeuge: Ihre Sensorik, Missionsausstattung und operativen Schwerpunkte unterscheiden sich deutlich.
Vernetzte Marineflieger in Nordholz
Die Einführung des Sea Tiger erfolgt gleichzeitig mit der Modernisierung der Starrflügler in Nordholz. Gemeinsam mit dem Seefernaufklärer P-8A Poseidon kann der Bordhubschrauber künftig ein umfassenderes Lagebild über und unter Wasser erzeugen.
Während die P-8A große Seegebiete schnell und über lange Distanzen überwacht, operiert der Sea Tiger unmittelbar mit den Fregatten. Er kann Kontakte in deren Umfeld untersuchen, verfolgen oder bekämpfen.
Die Bundeswehr plant, den Sea Tiger in einer späteren Ausbaustufe ab 2029 mit Link 22 noch stärker in die vernetzte Gefechtsführung der Flotte und der NATO einzubinden. Damit können Sensordaten schneller ausgetauscht und mehrere Einheiten enger koordiniert werden.
Ein neuer Kern der maritimen Gefechtsführung
Der NH90 Sea Tiger ist weit mehr als ein Ersatz für den Sea Lynx. Er verbindet moderne Unterwasserortung, weitreichende Seeraumüberwachung, elektronische Aufklärung und präzise Bewaffnung auf einer maritimen Mehrrollenplattform. Damit vergrößert er die Sensor- und Waffenreichweite der deutschen Fregatten und stärkt zugleich das gemeinsame Lagebild der Marineflieger.
Bis alle 31 Maschinen ausgeliefert, die Besatzungen ausgebildet und sämtliche geplanten Fähigkeiten vollständig eingeführt sind, bleibt der Aufbau der neuen Flotte eine anspruchsvolle Aufgabe. Mit der Übergabe des ersten Sea Tiger und dem Beginn des Generationenwechsels ist jedoch der entscheidende Schritt vollzogen.
Für die deutschen Marineflieger wird der Sea Tiger in den kommenden Jahrzehnten zu einem zentralen Werkzeug der U-Boot-Abwehr, der Seeraumüberwachung sowie der maritimen Landes- und Bündnisverteidigung.
Technische Daten
Maße:
- Länge: 19,56 m
- Breite: 4,52 m
- Höhe: 5,31 m
- Rotordurchmesser: 16,30 m
- Maximales Startgewicht: 11 t
Antrieb:
- 2 × RTM322-Wellentriebwerke
Leistung:
- Gesamtleistung: 2 x 1.788 kW
- Dienstgipfelhöhe: 6.000 m
- Höchstgeschwindigkeit: 148 kn (rund 274 km/h)
Sensoren:
- elektro-optischer Sensor (mit TV- und Wärmebild sowie Laserbeleuchter, Laserentfernungsmesser und Laserzielzuweisung)
- Seeraumüberwachungsradar ENR mit abbildendem Modus Typ ISAR, Zielverfolgungskapazität: mehr als 150 Kontakte
- System zur elektromagnetischen Verteidigung und Elektronischen Kampfführung ESM ELT ALR733NG
Bewaffnung:
- Torpedo MU90
- Seezielflugkörper Marte ER
- 2 x Täuschkörperanlagen ELIPS mit Chaff und Flare
- 2 x schwere Maschinengewehre 12,7 mm
Besatzung:
- Crew: 4 Soldatinnen und Soldaten
- Passagiere: bis zu 11
Stand: August 2026
- Bundeswehr: Bordhubschrauber NH90 MRFH Sea Tiger. Informationen zu Aufgaben, Sensoren, Bewaffnung, Besatzung und technischen Daten.
- Bundeswehr: Marineflieger erhalten ersten Sea Tiger. Bericht über die Übergabe des ersten NH90 Sea Tiger am 16. Dezember 2025 sowie dessen Fähigkeiten und geplante Einbindung in die Marine.
- Bundeswehr: Marinefliegergeschwader 5. Informationen zur Stationierung in Nordholz, zu den Aufgaben des Geschwaders und zur geplanten Übergabe von 31 Sea Tigern bis 2030.
- Bundeswehr: Nordholz: Hubschrauber Sea Lynx beendet Abschiedstour „End of an Era“. Bericht über das Ende der Sea-Lynx-Nutzung nach 45 Jahren und mehr als 120.000 Flugstunden, veröffentlicht am 4. August 2026.
- Airbus Helicopters: German Navy NH90 Sea Tiger performs maiden flight. Angaben zum Erstflug am 30. November 2023, zur Bestellung von 31 Hubschraubern und zum vorgesehenen Einsatzspektrum.
- Airbus Helicopters: Another big cat for the German Navy. Informationen zum Missionssystem, zur Sensorik, zur Bewaffnung und zum geplanten Abschluss der Auslieferungen im Jahr 2030, veröffentlicht am 8. Dezember 2023.
- Airbus Helicopters: The Sea Tiger sharpens its claws. Bericht über die Erprobung des Tauchsonars, der aktiven und passiven Sonarbojen sowie der Torpedointegration, veröffentlicht am 28. Mai 2024.
- NHIndustries: German Navy NH90 Sea Tiger performs maiden flight. Herstellerinformationen zum Erstflug, zu den Einsatzaufgaben und zur Missionsausstattung, veröffentlicht am 4. Dezember 2023.
- Thales: Thales to support German Navy’s anti-submarine warfare capability. Angaben zum Tauchsonar FLASH SONICS und zum System für die Verarbeitung aktiver und passiver Sonarbojen, veröffentlicht am 22. Februar 2022.
- MBDA: MARTE ER. Herstellerangaben zum Seezielflugkörper Marte ER, seiner Verwendung auf dem NH90 und seiner Reichweite von mehr als 100 Kilometern.
- EuroTorp: MU90-Leichtgewichtstorpedo. Herstellerangaben zum Torpedo MU90 und zu dessen Einsatz von Schiffen, Hubschraubern und Seefernaufklärungsflugzeugen.
Alle aufgeführten Internetquellen wurden zuletzt am 10. August 2026 abgerufen.