Schneller Adler 2022 – Evakuierung mit Marinefliegern
Bei Schneller Adler 2022 übten deutsche und niederländische Kräfte die militärische Evakuierung von Menschen aus einem Krisengebiet. Vom 2. bis 9. Mai bildeten Mecklenburg-Vorpommern und die vorgelagerte Ostsee den Rahmen für ein Szenario, in dem sich die Sicherheitslage eines fiktiven Staates zunehmend verschlechterte. Für die Marineflieger bedeutete dies ein Zusammenspiel von Hubschraubertransport, Sicherung und Flugbetrieb auf einem verbündeten Marineschiff.
Im Mittelpunkt des maritimen Anteils stand das niederländische Docklandungsschiff Rotterdam. Zusammen mit dem Seebataillon und niederländischen Marineinfanteristen verbanden die Marineflieger die schwimmende Basis mit den Einsatzorten an Land. Dabei wurden auch Verfahren erprobt, die für die beteiligten deutschen Besatzungen neu waren.
Eine Evakuierungsoperation mit mehreren Handlungsoptionen
Die Übung stand unter Verantwortung der Division Schnelle Kräfte. Insgesamt waren rund 2.000 Soldatinnen und Soldaten beteiligt, davon etwa 1.200 unmittelbar an den Übungsszenarien. Die übrigen Kräfte ermöglichten unter anderem den technischen und logistischen Betrieb. Die Übungsräume lagen vor allem im Bereich Rügen, Darß und Usedom.
Ausgangspunkt war der fiktive Krisenstaat Fromonia. Dort sollten deutsche Staatsangehörige und weitere Schutzbefohlene trotz einer eskalierenden Lage in Sicherheit gebracht werden. Die Übungsanlage umfasste schnelle Evakuierungen über Luft und See sowie robuste Vorgehensweisen bei einer unmittelbaren Bedrohung.
Ein Schwerpunkt lag auf dem Zusammenwirken der Teilstreitkräfte und der zivilen Stellen. Das Auswärtige Amt und die Bundespolizei waren deshalb ebenso eingebunden wie Heer, Luftwaffe und Marine. Erfahrungen aus der Evakuierung aus Afghanistan im Jahr 2021 flossen ein. Zugleich musste die Planung berücksichtigen, dass Geografie, Bedrohung und verfügbare Transportwege bei jeder Krise anders ausfallen.
Die Rotterdam als schwimmende Operationsbasis
Ein Docklandungsschiff vereint mehrere Fähigkeiten, die bei einer Evakuierung benötigt werden. Die Rotterdam bot Raum für eingeschiffte Kräfte, Führungsmöglichkeiten, medizinische Einrichtungen und die Aufnahme evakuierter Personen. Ihr Flugdeck und das Welldeck, ein flutbarer Dockraum im Heck, ermöglichten den Transport zwischen Schiff und Küste auf unterschiedlichen Wegen.
Über das Welldeck konnten Boote unmittelbar in das Schiff einfahren. Damit ließ sich die Übergabe von Menschen und Material organisieren, ohne dass das große Schiff selbst an einer Hafenmole festmachen musste. Für Hubschrauber standen auf dem Flugdeck zwei gleichzeitig nutzbare Positionen zur Verfügung.
Diese Verbindung von Luft- und Seetransport machte die Rotterdam zum zentralen Knotenpunkt des maritimen Übungsanteils. Im gesicherten Raum an Bord konnten aufgenommene Personen registriert und versorgt werden. An Land eingesetzte Kräfte erhielten zugleich eine Basis, von der aus sich weitere Transporte und Unterstützungsleistungen koordinieren ließen.
Sea King und Sea Lynx im gemeinsamen Einsatz
Die Sea King des Marinefliegergeschwaders 5 gehörten zu den prägenden Luftfahrzeugen des maritimen Übungsanteils. Bereits während der Verlegung der Rotterdam von Kiel in den Einsatzraum begannen Einweisungen und fliegerische Vorübungen. Die Besatzungen mussten ihre Verfahren mit dem niederländischen Flugdeckpersonal abstimmen.
Die Hubschrauber übernahmen im Übungsverlauf verschiedene Aufgaben:
- Transport von Einsatz- und Sicherungskräften zwischen Schiff und Land.
- Aufnahme und Abtransport gefährdeter Personen.
- Sicherung des Geschehens aus der Luft.
- Bereitschaft für kurzfristig erforderliche Nottransporte.
Auch die Sea Lynx waren für Sicherungs- und Transportaufgaben in die Evakuierungsszenarien eingebunden. Die Fähigkeiten beider Hubschraubermuster ergänzten sich innerhalb der geplanten Abläufe.
Die Marineflieger mussten sich dabei in einen größeren Kräfteansatz einfügen. Heeresflieger mit NH90 und Tiger unterstützten weitere Teile der Operation. Für die beteiligten Besatzungen kam es darauf an, ihre Anflüge, Aufgaben und Abholvorgänge mit den Kräften am Boden abzustimmen.
Dual Spot als besondere fliegerische Herausforderung
Eine Besonderheit war der Dual-Spot-Betrieb auf der Rotterdam. Dabei wurden zwei Sea King auf den beiden Flugdeckpositionen in engem zeitlichem Zusammenhang betrieben. Für die beteiligten deutschen Marineflieger war dieser parallele Betrieb auf dem niederländischen Schiff eine Premiere. Zum Training gehörte auch der Betrieb bei Nacht.
Der Begriff beschreibt keine beliebige Gleichzeitigkeit. Starts und Landungen mussten in einer abgestimmten Folge erfolgen, damit beide Hubschrauber das Deck sicher nutzen konnten. Die niederländische Schiffsführung und die deutschen Besatzungen besprachen die jeweiligen Verfahren deshalb vorab.
Gerade hier zeigte sich der praktische Inhalt multinationaler Zusammenarbeit. Gemeinsame NATO-Verfahren schufen eine Grundlage, dennoch bestanden Unterschiede bei den gewohnten zeitlichen Abständen zwischen Landungen. Diese Abweichungen mussten erkannt und abgestimmt werden. Daraus ergibt sich eine wesentliche Anforderung an solche Einsätze: Die technische Eignung eines Flugdecks muss durch eingespielte Abläufe zwischen Besatzungen und Deckpersonal ergänzt werden.
Der Sammelpunkt als Beginn der Rettungskette
Bevor Schutzbefohlene in ein Boot oder einen Hubschrauber einsteigen konnten, mussten sie den vorgesehenen Sammelpunkt erreichen. In Sassnitz wurde dafür eine Fischhalle genutzt. Dort arbeitete ein Krisenunterstützungsteam, kurz KUT, aus Beschäftigten des Auswärtigen Amtes und Bundeswehrangehörigen.
Zu seinen Aufgaben gehörten der Betrieb des Sammelpunkts, die Prüfung der Identität und die Feststellung, ob eine Person zum vorgesehenen Kreis der Schutzbefohlenen gehörte. Feldjäger, Sanitätskräfte und weitere Fachleute ergänzten die konsularische Erfahrung der zivilen Beteiligten.
Die Übung stellte diese Arbeit bewusst unter Belastung. Rollenspieler drängten an den Zugang, legten unterschiedliche Dokumente vor und reagierten emotional. Hinzu kamen medizinische Probleme, darunter eine nicht gehfähige Person. Damit entstand eine Lage, in der Sicherheitsmaßnahmen, Registrierung und individuelle Hilfe gleichzeitig funktionieren mussten.
Aus dem Ablauf lässt sich die Bedeutung dieser Schnittstelle erkennen: Verfügbare Transportkapazität allein reicht für eine Evakuierung nicht aus. Ebenso erforderlich ist ein geordneter und geschützter Übergang vom Sammelpunkt zum eigentlichen Abtransport.
Von Sassnitz mit Booten auf das Docklandungsschiff
Bei der schnellen Seeevakuierung sicherten deutsche und niederländische Kräfte den Hafenbereich. Kontrollstellen und Absperrungen schützten die Zufahrten. Zusätzliche Sicherungskräfte wurden mit Hubschraubern herangeführt. Nach der Registrierung gelangten die Schutzbefohlenen mit Bussen in den Bereich der Einschiffung.
An der Mole wurden Rettungswesten ausgegeben und kleine Gruppen für die Überfahrt zusammengestellt. Festrumpfschlauchboote transportierten sie anschließend im Pendelverkehr zur vor der Küste liegenden Rotterdam. An diesem Szenario nahmen rund 200 als Evakuierte eingesetzte Rollenspieler teil.
Die Boote liefen über das Heck in das Welldeck ein. Dort konnten die Menschen aussteigen und an die Betreuungskräfte des Schiffes übergeben werden. An Bord folgten weitere Sicherheitskontrollen, die Registrierung sowie die Versorgung mit Essen und Getränken.
Die niederländische Berichterstattung hob außerdem die Belastung durch Familiengruppen, ältere Menschen und Personen mit medizinischen Beschwerden hervor. Solche Situationen verlangten Abstimmungen zwischen den Verantwortlichen an Land und an Bord. Der Transportplan musste auf die tatsächlichen Bedürfnisse der aufgenommenen Menschen reagieren können.
Robuste Evakuierung im Raum Putgarten
Ein anderes Szenario stellte höhere Anforderungen an die militärische Sicherung. Bei Putgarten wurde eine Radarstation als Rundfunksender im fiktiven Krisenstaat dargestellt. Dessen Mitarbeiter sollten evakuiert werden, nachdem Drohungen und Straßensperren ihre Ausreise verhindert hatten.
Zunächst erkundeten abgesetzte Fallschirmjäger den Raum und bereiteten die Aufnahme weiterer Kräfte vor. Anschließend brachten NH90 zusätzliche Soldaten heran, während Tiger die Operation absicherten. Die Kräfte am Boden schützten das Gelände und bereiteten die Schutzbefohlenen auf den Abtransport vor.
Für den eigentlichen Abtransport kamen die Marineflieger hinzu. Der Sea King setzte zunächst Sicherungspersonal ab und nahm danach die zu evakuierenden Personen auf. Der Sea Lynx unterstützte die Sicherung aus der Luft und transportierte anschließend die zuvor eingesetzten Marinesoldaten ab.
Das Szenario verdeutlichte den Unterschied zwischen einer vorbereiteten Abholung an einem kontrollierten Evakuierungspunkt und einer Operation, bei der der Zugang zu den gefährdeten Menschen zunächst militärisch gesichert werden muss. Transport und Schutz waren dabei aufeinander angewiesen.
Die Räumung einer bedrohten Botschaft
Zum Übungsprogramm gehörte auch die Evakuierung einer deutschen Botschaft. Als Schauplatz diente die Tollense-Kaserne in Neubrandenburg. Im Szenario hatte sich die Lage in Fromonias Hauptstadt so weit verschärft, dass das verbliebene Botschaftspersonal ausgeflogen werden musste.
Personenschützer der Bundespolizei sicherten die Vertretung. Eine schnelle Eingreiftruppe mit niederländischen Soldaten wurde mit deutschen Hubschraubern herangeführt. Dabei waren NH90 und ein Sea Lynx beteiligt.
Zusätzliche Schwierigkeiten entstanden, als die Verwaltungsleiterin der Botschaft mit zwei Begleitern außerhalb des Geländes festsaß. Die Übung verlangte deshalb neben der Räumung der Vertretung auch die Lokalisierung und Aufnahme dieser Gruppe.
Die Lage zeigte, wie eng militärische Führung, diplomatische Verantwortung und polizeilicher Personenschutz zusammenarbeiten müssen. Eine vorbereitete Evakuierung blieb auch dann anpassungsbedürftig, wenn einzelne Personen fehlten, Kommunikation ausfiel oder sich der Aufenthaltsort von Schutzbefohlenen änderte.
Fazit
Schneller Adler 2022 verband die Fähigkeiten der Marineflieger mit denen von Marineinfanterie, Heeresfliegern, Luftwaffe und zivilen Krisenkräften. Für den maritimen Anteil waren die Rotterdam als Aufnahmeplattform und das Zusammenspiel von Booten und Hubschraubern entscheidend.
Als fachliche Schlussfolgerung bleibt: Eine belastbare Evakuierungsfähigkeit entsteht durch geübte Übergaben zwischen den Beteiligten. Der Dual-Spot-Betrieb, die Aufnahme im Welldeck und die Zusammenarbeit am Sammelpunkt machten unterschiedliche Teile derselben Aufgabe sichtbar – Menschen unter wechselnden Bedingungen sicher aus einem Gefahrenraum herauszuführen.
Quellen:
Stand: Oktober 2026
Bundeswehr – Übung Schneller Adler: Rettung aus Krisengebieten.
Bundeswehr – Schneller Adler 2022: Vorüben auf der „Rotterdam“. bundeswehr.de
https://www.bundeswehr.de/de/schneller-adler-2022-vorueben-landungsschiff-rotterdam-5409980
Bundeswehr – Der Schnelle Adler 2022 in Bildern. bundeswehr.de
https://www.bundeswehr.de/de/see-evakuierung-schneller-adler-2022-bilder-5422056
Niederländisches Verteidigungsministerium / Alle Hens – ‘Evacuatie is gevecht tegen chaos’. Alle Hens
https://magazines.defensie.nl/allehens/2022/04/06_schneller-adler
Bundeswehr – Ein starkes Krisenunterstützungsteam beim Schnellen Adler. bundeswehr.de
https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/starkes-krisenunterstuetzungsteam-schneller-adler-5410318
Bundeswehr – Übers Meer in Sicherheit: Schnelle See-Evakuierung beim Schnellen Adler. bundeswehr.de
https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/schnelle-see-evakuierung-schneller-adler-5410466
Bundeswehr – Robuste Luftevakuierung beim Schnellen Adler – wenn es schnell gehen muss. wenn es schnell gehen muss
https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/robuste-luftevakuierung-schneller-adler-5410348
Bundeswehr – Schneller Adler: Evakuierung der Botschaft in Fromonias Hauptstadt. bundeswehr.de
https://www.bundeswehr.de/de/meldungen/schneller-adler-evakuierung-botschaft-5421680