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ROLE2SEA – Rettungskette auf See

Wenn auf einem Marineschiff mehrere Menschen schwer verletzt werden, müssen medizinische Versorgung, Schadensabwehr und Transport gleichzeitig funktionieren. Auf See erschweren Entfernungen, Wetter und begrenzte Behandlungsmöglichkeiten diese Aufgabe. Die Übungsserie ROLE2SEA erprobt deshalb die Rettungskette von der Erstversorgung an Bord über ein seegestütztes Rettungszentrum bis zur Weiterbehandlung an Land. Marineflieger, Schiffsbesatzungen, Sanitätskräfte und zivile Einrichtungen übernehmen dabei miteinander verbundene Aufgaben.

Medizinische Versorgung in mehreren Behandlungsebenen

Der Name ROLE2SEA verweist auf die Behandlungsebene Role 2 im maritimen Umfeld. Die sogenannten Roles beschreiben medizinische Fähigkeiten innerhalb der militärischen Rettungskette. Sie schaffen ein gemeinsames Verständnis dafür, welche Versorgung eine Einrichtung leisten kann.

Die Bundeswehr unterscheidet vier Ebenen:

  • Role 1: Allgemeinmedizinische und notfallmedizinische Versorgung nach der Selbst- und Kameradenhilfe. Sanitätskräfte sichern lebenswichtige Funktionen und bereiten erforderliche Weitertransporte vor.
  • Role 2: Chirurgische Akutversorgung sowie intensivmedizinische Überwachung, postoperative Betreuung und Pflege.
  • Role 3: Erweiterte fachärztliche, diagnostische und operative Versorgung, beispielsweise in einem Einsatzlazarett.
  • Role 4: Weiterführende Behandlung und Rehabilitation im Heimatland. Hierzu tragen Bundeswehrkrankenhäuser und zivile Gesundheitseinrichtungen bei.

ROLE2SEA untersucht insbesondere, wie die Versorgung auf See mit den leistungsfähigeren Einrichtungen an Land verbunden werden kann. Dabei kommt es auf die medizinischen Möglichkeiten jeder Station und auf die Übergänge zwischen ihnen an. Ein Rettungszentrum benötigt ebenso verlässliche Transportverbindungen wie eine aufnehmende Klinik rechtzeitige Informationen über eintreffende Patienten.

Das Übungsszenario in der westlichen Ostsee

Bei ROLE2SEA 2025 bildeten der Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“, der Tender „Werra“ und das Hohlstablenkboot „Pegnitz“ einen Übungsverband. Die Kernphase fand vom 22. bis 26. August in der westlichen Ostsee statt. ROLE2SEA war dabei in die Übungsserie Quadriga 2025 eingebunden.

Das Szenario sah Minentreffer mit erheblichen Schäden und zahlreichen Verletzten vor. Zunächst geriet die „Pegnitz“ in eine Notlage. Im weiteren Verlauf wurde auch die „Werra“ getroffen. Die Besatzungen mussten Brände und Wassereinbrüche bekämpfen, Verletzte bergen und gleichzeitig Unterstützung anfordern.

Damit wurde eine besondere Schwierigkeit maritimer Notfälle sichtbar: Die Menschen, die Hilfe leisten sollen, können selbst von der Schadenslage betroffen sein. Zugänge sind möglicherweise eingeschränkt, Arbeitsbereiche beschädigt und verfügbare Kräfte bereits durch die Sicherung des Bootes gebunden.

Der Übungsablauf verband deshalb die innere Gefahrenabwehr mit medizinischen Maßnahmen und der Organisation von Transporten. Insgesamt gehörten rund 30 dargestellte Verwundete zum vorgesehenen Versorgungsszenario.

Das Rettungszentrum See auf der „Frankfurt am Main“

Die „Frankfurt am Main“ übernahm eine zentrale Funktion innerhalb der Rettungskette. Ihr integriertes Marineeinsatzrettungszentrum, kurz iMERZ, ermöglicht eine medizinische Versorgung auf der Behandlungsebene Role 2.

Für die Übung beschrieb die Bundeswehr eine Ausstattung mit:

  • zwei Operationsräumen,
  • einer Bettenstation mit 43 Betten,
  • Röntgen- und Laborkapazitäten,
  • einer Zahnstation mit Zahnlabor.

Rund 45 Soldatinnen und Soldaten leisteten im Rettungszentrum Dienst. Dazu gehörte zusätzlich eingeschifftes medizinisches Fachpersonal.

Ein Einsatzgruppenversorger schafft dafür mehrere Voraussetzungen zugleich. Neben den Behandlungsräumen stehen Versorgungseinrichtungen, Kommunikationsmittel und Möglichkeiten für den Flugbetrieb zur Verfügung. Die Schiffe der Berlin-Klasse besitzen ein Flugdeck und einen Hangar für zwei Marinetransporthubschrauber. So können medizinische Versorgung und Lufttransport auf einer Plattform zusammenwirken.

Aus diesen Fähigkeiten ergibt sich die besondere Bedeutung des Versorgers für einen Verband: Er kann Verletzte anderer Einheiten aufnehmen und deren Versorgung bündeln. Seine tatsächliche Leistungsfähigkeit hängt dabei von der eingeschifften personellen Besetzung, der verfügbaren Ausstattung und den Bedingungen an Bord ab.

Marinehubschrauber verbinden die Stationen der Rettungskette

Bei ROLE2SEA 2025 kamen Hubschrauber des Marinefliegergeschwaders 5, des Transporthubschrauberregiments 10 des Heeres und der Bundespolizei zum Einsatz. Sie transportierten Verletzte zwischen den beteiligten Einheiten und unterstützten deren Weiterverlegung an Land.

Für die Marine ist der NH90 NTH Sea Lion ein wesentliches Luftfahrzeug für Such- und Rettungsaufgaben sowie den Personal- und Materialtransport. Er verfügt über eine Rettungswinde und medizinische Ausstattung für SAR-Einsätze. Seine maritime Auslegung ermöglicht den Betrieb von geeigneten Schiffsflugdecks.

Die Rettungswinde erweitert die Möglichkeiten zur Aufnahme von Personen, wenn eine Landung am Aufnahmeort nicht möglich ist. Die Einsatzplanung muss dabei die sichere Annäherung an das Schiff, dessen Bewegung und die Übergabe des Patienten berücksichtigen.

Aus dieser Verbindung von Flug- und Rettungsaufgabe folgt: Für einen Verwundetentransport zählt die gesamte benötigte Zeit. Dazu gehören Alarmierung, Anflug, Aufnahme, Versorgung während des Fluges und Übergabe am Ziel.

Auch der Zustand des Patienten beeinflusst die Planung. Medizinische Betreuung und Transportmittel müssen zusammenpassen. Ein technisch möglicher Flug allein beantwortet daher noch nicht die Frage, wie die notwendige Versorgung bis zum Ziel sichergestellt wird.

Führung und Transportplanung müssen zusammenwirken

Auf der „Frankfurt am Main“ wurden die medizinischen Meldungen und die verfügbaren Handlungsmöglichkeiten zusammengeführt. Der Schiffsarzt beriet die Verbandsführung zur Versorgungslage. Die Operationszentrale übernahm im Übungsszenario die Koordination der Patientenevakuierung und stellte Verbindungen zu externen Stellen her.

Die SAR-Leitstelle der Marine prüfte gemeinsam mit dem Havariekommando verfügbare militärische und behördliche Lufttransportmittel. Dadurch konnten unterschiedliche Organisationen in die Rettungskette eingebunden werden.

Für die Führung müssen mehrere Fragen gemeinsam beantwortet werden:

  • Welche Patienten benötigen besonders dringend eine weiterführende Behandlung?
  • Welche Versorgung können die beteiligten Einheiten zunächst selbst leisten?
  • Welche Transportmittel sind verfügbar und unter den herrschenden Bedingungen einsetzbar?
  • Welche Einrichtung kann die Patienten aufnehmen und angemessen behandeln?

ROLE2SEA zeigte dabei die Abhängigkeit vom Wetter. Seegang erschwerte oder verhinderte Bootstransfers. Teilweise mussten andere Transportwege genutzt oder günstigere Bedingungen abgewartet werden.

Die Schiffsführung beeinflusst außerdem die Arbeitsbedingungen des medizinischen Personals. Kurs und Bewegung des Schiffes können für die Behandlung und den Flugbetrieb entscheidend sein. Medizinische Anforderungen müssen deshalb fortlaufend mit der nautischen und taktischen Lage abgestimmt werden.

Von Warnemünde in die zivile Klinik

Die Rettungskette endete bei ROLE2SEA 2025 nicht am Hafen. Ein Schwerpunkt lag auf der Übergabe an zivile Rettungskräfte und Krankenhäuser.

Am 24. August wurden zunächst zwei als schwerstverletzt dargestellte Patienten mit einem Hubschrauber der Bundespolizei von der „Frankfurt am Main“ zum Klinikum Südstadt Rostock gebracht. Daran waren Kräfte der medizinischen Maritime Incident Response Group Rostock beteiligt. Das Klinikum nutzte die Aufnahme für ein Schockraumtraining.

Am folgenden Tag übernahm die Berufsfeuerwehr Rostock weitere Übungspatienten an der Kaikante in Warnemünde. Jeweils 15 wurden zur Universitätsmedizin Rostock und zum Klinikum Südstadt Rostock transportiert.

Damit wurde die Zusammenarbeit über mehrere organisatorische Grenzen hinweg praktisch erprobt: von der militärischen Behandlungseinrichtung über den kommunalen Rettungsdienst bis zu den klinischen Teams.

Die Krankenhäuser prüften zugleich ihre eigenen Abläufe. Dazu gehörten die medizinische Ersteinschätzung, die Priorisierung der Behandlung und die Zusammenarbeit verschiedener Fachabteilungen. Die Universitätsmedizin ergänzte den Übungsanteil um etwa 20 weitere simulierte Verletzte, um Personal und Infrastruktur zusätzlich zu fordern.

Sichtung und Durchhaltefähigkeit unter Belastung

Bei einem Massenanfall von Verletzten müssen Behandlungsbedarf und verfügbare Mittel fortlaufend aufeinander abgestimmt werden. Die medizinische Sichtung, auch Triage genannt, legt die Dringlichkeit der Versorgung fest. Diese Einschätzung muss bei Veränderungen des Zustands überprüft werden.

Das Klinikum Südstadt erprobte entsprechende Verfahren während des laufenden Krankenhausbetriebs. Dadurch wurden auch die Schnittstellen zwischen Notfallaufnahme, Schockraum und weiteren Fachbereichen beansprucht.

Auf See treten zusätzliche Grenzen hinzu. Der veröffentlichte medizinische Erfahrungsbericht zu ROLE2SEA beschreibt, wie länger verbleibende Patienten die Pflegekapazitäten und den Materialvorrat belasten. Freie Betten allein erlauben deshalb keine vollständige Aussage über die Aufnahmefähigkeit.

Daraus ergibt sich eine zentrale Planungsaufgabe: Bereits während der Behandlung an Bord muss die weitere Verlegung vorbereitet werden. Nur so lässt sich vermeiden, dass die nächste Station der Rettungskette erst gesucht wird, wenn die vorhandenen Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft sind.

Weiterentwicklung mit Schneller Delfin 2026

Die Übung maritimer Rettungsketten wurde 2026 fortgesetzt. Nach ROLE2SEA 2024 und 2025 trainierte die Marine Mitte September bei Schneller Delfin 2026 erneut die Versorgung zahlreicher Verletzter und deren Übergabe an zivile Einrichtungen.

Das Szenario umfasste mehrere gleichzeitig beschädigte Einheiten nach einem angenommenen Drohnenangriff. Neben der Erstversorgung standen Schadensabwehr, Transporte und die Zusammenarbeit mit externen Rettungskräften im Mittelpunkt. Auch ein Sea Lion der Marine und ein Super Puma der Bundespolizei waren beteiligt.

Damit wurde die Aufgabenstellung erweitert: Mehrere parallele Schadenslagen verlangen eine übergreifende Verteilung der Hilfe. Rettungsmittel, Behandlungsmöglichkeiten und Aufnahmekapazitäten müssen für den gesamten betroffenen Verband koordiniert werden.

Fazit

Aus den erprobten Abläufen lässt sich ableiten, dass maritime Verwundetenversorgung eine gemeinsame Führungs- und Unterstützungsaufgabe ist. Für ihre Weiterentwicklung müssen medizinische Behandlung, Flugbetrieb, Schiffsführung und zivile Aufnahmeplanung zusammen betrachtet werden.

Die Marineflieger schaffen dabei wichtige Transportverbindungen. Deren Nutzen entfaltet sich innerhalb einer vorbereiteten Rettungskette, in der jede beteiligte Stelle ihre Aufgabe kennt und die nächste Übergabe rechtzeitig organisiert wird.

Quellen:

Stand: Oktober 2026

Autor: Stephan Struck

Bundeswehr – Quadriga 2025: Role2Sea.
https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/quadriga/quadriga-2025/role2sea

Bundeswehr – Übung Role2Sea: Von der hohen See in zivile Krankenhäuser.
https://www.bundeswehr.de/de/auftrag/uebungen/quadriga/quadriga-2025/role2sea/uebung-role2sea-zivil-militaerische-zusammenarbeit

CPM Verlag / military-medicine.com – ROLE2SEA – Die sanitätsdienstliche Übung der Marine demonstriert die Komplexität und die Herausforderungen der medizinischen Rettungskette in See; Fachbeitrag aus dem Marinekommando.
https://military-medicine.com/role2sea-sanitaetsdienstliche-uebung-marine/

Bundeswehr – Einsatzgruppenversorger der Berlin-Klasse.
https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/seesysteme-bundeswehr/berlin-klasse-egv-702

Bundeswehr – Mehrzweckhubschrauber NH90 NTH Sea Lion.
https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/mehrzweck-hubschrauber-sea-lion-nh-90-nth

Universitätsmedizin Rostock – Role2Sea 2025.
https://www.med.uni-rostock.de/medien/pressemitteilungen/aktuelles/news/role2sea-2025

Klinikum Südstadt Rostock – Role2Sea 2025.
https://www.kliniksued-rostock.de/aktuelles/news/news-detail/role2sea-2025.html

Bundeswehr – Schneller Delfin 2026 – Retten mit Plan bei großer Anzahl von Verletzten. bundeswehr.de
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/schneller-delfin-2026-6156748