Flugbetrieb auf hoher See – Ausbildung bei Tag und Nacht
Ein Hubschrauber erweitert die Möglichkeiten eines Marineschiffes erheblich: Er kann Seegebiete aufklären, Menschen und Material transportieren oder bei der Suche nach U-Booten unterstützen. Damit diese Fähigkeiten verfügbar sind, müssen Starts und Landungen auf einem fahrenden Schiff zuverlässig funktionieren. Wind, Seegang und Dunkelheit machen den Bordflugbetrieb zu einer gemeinsamen Aufgabe von Luftfahrzeugbesatzung, Flugdeckpersonal und Schiffsführung.
Für die Marineflieger gehört deshalb die Ausbildung auf See zur Vorbereitung auf ihre Einsätze. Dabei wird die gesamte Zusammenarbeit trainiert: von der ersten Besprechung über den Anflug bis zur technischen Betreuung nach der Landung. Das Marinefliegergeschwader 5 in Nordholz bringt dafür fliegerisches und technisches Personal mit den Besatzungen der Flotte zusammen.
Das Flugdeck bewegt sich mit dem Schiff
Ein Flugdeck unterscheidet sich grundlegend von einem Hubschrauberlandeplatz an Land. Es ist Teil eines fahrenden Schiffes und verändert seine Lage mit dem Seegang. Beim Rollen neigt sich das Schiff seitlich, beim Stampfen hebt und senkt sich der Bug gegenüber dem Heck. Diese Bewegungen beeinflussen die Bedingungen im Anflug und beim Aufsetzen.
Hinzu kommt die Luftströmung über dem Schiff. Aufbauten lenken den Wind ab und können im Bereich des achteren Flugdecks Verwirbelungen erzeugen. Für die Besatzung im Cockpit zählt daher die konkrete Situation am Schiff. Ein Wetterbericht für das umgebende Seegebiet allein beschreibt die Verhältnisse über dem Landepunkt nicht vollständig.
Die Ausbildung muss diese Einflüsse erfahrbar machen. Wiederholte Anflüge helfen dabei, Sichtbezüge, Schiffsbewegungen und die Reaktion des Hubschraubers zusammen zu beurteilen. Dabei gelten die freigegebenen Verfahren und Betriebsgrenzen der jeweiligen Kombination aus Schiff und Luftfahrzeug.
Die Vorbereitung beginnt vor dem ersten Rotorlauf
Am Anfang steht eine gemeinsame Besprechung. Auftrag, Wetter und geplanter Ablauf müssen den beteiligten Stellen bekannt sein. Die Luftfahrzeugbesatzung benötigt die für den Flug wichtigen Informationen; die Schiffsbesatzung muss wissen, wann und unter welchen Voraussetzungen sie Flugbetrieb ermöglichen soll.
Zur Vorbereitung gehören insbesondere:
- die Bewertung der Wetter- und Windbedingungen,
- die Abstimmung des Flugauftrags und der vorgesehenen Abläufe,
- die technische Vorflugkontrolle des Hubschraubers,
- das Vorbereiten und Überprüfen des Flugdecks,
- die Einweisung des eingesetzten Deckspersonals.
Lose Gegenstände auf dem Deck können durch den Rotorabwind aufgewirbelt werden oder Schäden am Luftfahrzeug verursachen. Deshalb wird die Arbeitsfläche vor dem Flugbetrieb sorgfältig kontrolliert. Auch das Bewegen des Hubschraubers aus dem Hangar gehört zu den abgestimmten Arbeiten.
Die Bordwartungsgruppe prüft die Einsatzbereitschaft des Luftfahrzeugs. Für diese Tätigkeiten stehen an Bord begrenzte Flächen zur Verfügung. Technische Sorgfalt und ein geordneter Ablauf bleiben deshalb auch dann erforderlich, wenn mehrere Arbeiten innerhalb eines engen Zeitfensters stattfinden müssen.
Klare Zuständigkeiten verbinden Schiff und Hubschrauber
Beim Bordflugbetrieb arbeiten mehrere Stellen gleichzeitig an derselben Aufgabe. Die Brücke führt das Schiff und berücksichtigt dabei die Erfordernisse des Flugbetriebs sowie die navigatorische Sicherheit. Über Kurs und Fahrt beeinflusst sie den Wind, der am Flugdeck anliegt.
Der Flugdeckoffizier, im internationalen Sprachgebrauch Flight Deck Officer, koordiniert die Arbeiten unmittelbar am Flugdeck. Er hält Verbindung zu den beteiligten Stellen und unterstützt die Hubschrauberbesatzung mit den vorgesehenen Sichtzeichen. Das Deckspersonal übernimmt unter anderem das Sichern und Freigeben des Luftfahrzeugs.
In der Operationszentrale hält der Hubschrauberleitmeister die Funkverbindung zum Hubschrauber und unterstützt dessen Führung im Auftrag des Schiffes. Die Besatzung im Cockpit wiederum muss Informationen aus Funk, Instrumenten und Außenbeobachtung zusammenführen.
Diese Aufgaben greifen ineinander. Die Ausbildung muss deshalb auch die Übergänge zwischen den Zuständigkeiten festigen. Für einen sicheren Ablauf ist entscheidend, dass alle Beteiligten denselben Stand über die Freigabe des Decks, den vorgesehenen Flugablauf und Änderungen der Lage haben.
Betriebsgrenzen geben den Rahmen vor
Ein Schiff kann seinen Kurs für günstigere Windverhältnisse anpassen. Dieser Spielraum ist jedoch durch Navigation, Verbandsfahrt und den militärischen Auftrag begrenzt. Deshalb werden geeignete Betriebsbereiche für die jeweilige Kombination aus Hubschrauber und Schiff ermittelt.
Eine wichtige Grundlage bilden die Ship Helicopter Operating Limitations, kurz SHOL. Diese legen unter anderem zulässige Windgeschwindigkeiten und Windrichtungen für Starts und Landungen fest. Bei ihrer Ermittlung werden auch die Beherrschbarkeit des Luftfahrzeugs und die Arbeitsbelastung der Besatzung berücksichtigt.
Für den NH90 Sea Lion untersuchten die Wehrtechnische Dienststelle 61 und das Marinefliegergeschwader 5 im Frühjahr 2023 die Bedingungen auf dem Einsatzgruppenversorger „Bonn“. Zur Erprobung gehörten verschiedene Anflugverfahren und Nachtlandungen. Die Ergebnisse flossen in die Grundlagen für den Bordbetrieb und die weitere Ausbildung ein.
Damit unterscheiden sich Erprobung und reguläres Training in ihrem Zweck: Die Erprobung ermittelt den zulässigen Rahmen. Die Ausbildung befähigt die Besatzungen, innerhalb der freigegebenen Grenzen sicher zu arbeiten.
Bei Nacht verändern sich die Sichtbedingungen
Über See stehen bei Dunkelheit weniger natürliche Orientierungspunkte zur Verfügung. Ein Horizont kann nur schwach erkennbar sein oder als nutzbarer Sichtbezug fehlen. Entfernungen und Bewegungen lassen sich dadurch schwerer einschätzen. Die Besatzung muss die verfügbaren Außenbezüge mit den Informationen ihrer Instrumente verbinden.
Je nach Ausrüstung und freigegebenem Verfahren unterstützen Nachtsichtgeräte die Wahrnehmung. Sie verstärken vorhandenes Restlicht. Für die Besatzung bleibt dennoch die Aufgabe, das bewegte Flugdeck und die eigene Lage zuverlässig zu beurteilen.
Auch die Beleuchtung des Schiffes ist Teil des Gesamtsystems. Sie muss Orientierung ermöglichen und auf den vorgesehenen Flugbetrieb abgestimmt sein. Wie gezielt solche Hilfen ausgelegt werden, zeigt ein Beispiel der Royal Navy: Auf der HMS „Trent“ wurde 2025 ein Landesystem mit stabilisierter Horizontanzeige, Gleitweganzeige und regelbarer, nachtsichtverträglicher Deckbeleuchtung erprobt.
Dieses Beispiel beschreibt eine konkrete britische Ausrüstung. Welche Hilfen tatsächlich verfügbar sind, hängt vom jeweiligen Schiff ab. In der Ausbildung müssen Besatzungen lernen, die vorhandenen Anzeigen richtig zu nutzen und deren Möglichkeiten in die Beurteilung des Anflugs einzubeziehen.
Simulator und Seefahrt ergänzen sich
Die Vorbereitung auf maritime Einsätze beginnt bereits im Ausbildungsweg der Hubschrauberpilotinnen und Hubschrauberpiloten. Das von der Bundeswehr beschriebene maritime Basic Flight Training vermittelt nach der fliegerischen Grundausbildung unter anderem Erfahrungen über See und grundlegende maritime Einsatzverfahren. Zum Ausbildungspaket gehören auch Simulatortraining und Nachtflug.
Für den Sea Lion steht in Nordholz ein Trainingszentrum mit vernetzten Simulatoren zur Verfügung. Dort können Besatzungsmitglieder an räumlich getrennten Geräten gemeinsam Einsätze und Abläufe üben. Dadurch lässt sich die Zusammenarbeit im Luftfahrzeug gezielt vorbereiten.
Auf See kommen die tatsächlichen Bedingungen des Schiffes hinzu: die begrenzten Arbeitsflächen, die Bewegung der Plattform und das Zusammenwirken mit dem eingeschifften Personal. Ein britisches Ausbildungsbeispiel auf der RFA „Argus“ zeigt diesen Zusammenhang ebenfalls. Dort trainierten angehende Besatzungen und Techniker gemeinsam Decklandungen, Betankung und das Sichern der Hubschrauber bei Tag und Nacht.
Auch die deutsche Marine nutzt die Zusammenarbeit mit Partnern. Bei „Schneller Adler 2022“ übten Marineflieger mit Sea King auf dem niederländischen Landungsschiff „Rotterdam“. Dabei wurden Flugdeckabläufe mit der Vorbereitung einer Evakuierungsoperation verbunden. Solche Vorhaben vermitteln neben fliegerischer Erfahrung auch praktische Kenntnisse über die Organisation eines anderen Schiffes.
Nach der Landung ist der Arbeitsgang nicht beendet
Mit dem Aufsetzen beginnt die nächste Phase. Der Hubschrauber muss gegen unbeabsichtigte Bewegungen gesichert werden. Anschließend folgen je nach Auftrag Betankung, technische Kontrollen, ein weiterer Flug oder das Unterbringen im Hangar.
Wie eng diese Arbeiten mit dem Flugbetrieb verbunden sind, dokumentierte die Bundeswehr 2021 beim Einsatzgruppenversorger „Bonn“ im Einsatz Irini. Marineflieger und Schiffsbesatzung trainierten dort ihre Zusammenarbeit bis in die Nacht. Zum Ablauf gehörten das Lösen und Anbringen der Sicherungen, die Verständigung mit dem Flugdeckoffizier und die Versorgung des Hubschraubers zwischen den Flügen.
Die Ausbildung umfasst außerdem die Vorbereitung auf Notlagen. Dazu gehören abgestimmte Zuständigkeiten für Brandbekämpfung und Hilfeleistung am Flugdeck. Diese Aufgaben betreffen die Luftfahrzeugbesatzung ebenso wie die dafür eingeteilten Kräfte des Schiffes.
Aus sicheren Abläufen entsteht militärische Handlungsfähigkeit
Die Beherrschung des Flugdeckbetriebs schafft die Voraussetzung für weiterführende Aufgaben. Erst dann können Hubschrauber zuverlässig für Aufklärung, Transport, Unterstützung von Spezialkräften oder U-Boot-Abwehr eingeplant werden. Welche Aufgaben ein Luftfahrzeug übernimmt, hängt von seinem Muster, seiner Ausrüstung und dem jeweiligen Auftrag ab.
Bei „Northern Coasts 2023“ wurde diese Verbindung in einem größeren Verband geübt. Schiffe mussten den Einsatz ihrer Sonargeräte und Bordhubschrauber mit einem unterstützenden Seefernaufklärer abstimmen. Teile der U-Boot-Abwehrübungen reichten vom späten Abend bis in die frühen Morgenstunden.
Damit erhält das Training bei Nacht einen konkreten militärischen Zweck. Die Zusammenarbeit zwischen Schiffen und Luftfahrzeugen muss auch dann funktionieren, wenn Tageslicht als Orientierungshilfe fehlt. Wiederkehrende Ausbildung auf See verbindet die einzelnen Fertigkeiten zu einem gemeinsamen Ablauf.
Fazit
Sicherer Flugbetrieb auf hoher See entsteht durch verlässliche Zusammenarbeit innerhalb klarer Betriebsgrenzen. Dazu müssen fliegerische Ausbildung, technische Betreuung und die Organisation an Bord aufeinander abgestimmt sein. Nachtflug stellt zusätzliche Anforderungen an Wahrnehmung und Kommunikation.
Für die Ausbildung folgt daraus eine praktische Aufgabe: Einzelne Verfahren müssen regelmäßig im Zusammenhang geübt werden. Erst das gemeinsame Training zeigt, ob Vorbereitung, Führung, Decksarbeit und Versorgung auch unter den Bedingungen einer Seefahrt ineinandergreifen.
Quellen:
Stand: November 2026
Bundeswehr – Irini: Flugbetrieb auf hoher See
www.bundeswehr.de/de/auftrag/einsaetze/einsatz-irini-flugbetrieb-in-see-4578984
Bundeswehr – Einsatz IRINI: Flugbetrieb bis in die Nacht
www.bundeswehr.de/de/auftrag/einsaetze/einsatz-irini-flugbetrieb-nacht-5229738
Bundeswehr – Bordhubschrauberbesatzungen der SNMG1 – U-Bootjagd aus der Luft
www.bundeswehr.de/de/auftrag/einsaetze/bordhubschrauber-besatzung-u-bootjagd-5670850
Bundeswehr – Im Team ans Limit - sichere Hubschrauberlandungen auf Schiffen
www.bundeswehr.de/de/organisation/ausruestung-baainbw/aktuelles/nh-90-ans-limit-shols-getestet-5613636
Royal Navy – Royal Navy patrol ship tests new pilot aid system ahead of Caribbean mission
www.royalnavy.mod.uk/news/2025/july/30/20250730-royal-navy-patrol-ship-tests-new-pilot-aid-system-ahead-of-caribbean-mission
Bundeswehr – Sea Lion-Simulator für die Marineflieger
www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/feierliche-uebergabe-des-nh-90-nth-sea-lion-simulators-5719376
Bundeswehr – Seefest werden: Flugausbildung für Marineflieger
www.bundeswehr.de/de/beschaffung-flugausbildung-marineflieger-5936244
Royal Navy – Trainee Commando aircrew learn to operate from ship
www.royalnavy.mod.uk/news/2019/september/25/190925-846-nas-on-rfa-argus
Bundeswehr – Schneller Adler 2022: Vorüben auf der „Rotterdam“
www.bundeswehr.de/de/schneller-adler-2022-vorueben-landungsschiff-rotterdam-5409980
Bundeswehr – Erste Bilanz von Northern Coasts 2023
www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/northern-coasts-2023-bilanz-5685216