Cross-Deck-Flugbetrieb – Landung auf fremden Flugdecks
Wenn ein Marinehubschrauber auf dem Schiff einer Partnernation landet, treffen zwei eingespielte Besatzungen unter neuen Bedingungen aufeinander. Das Flugdeck ist anders angeordnet, die Anströmung verändert sich, und die Zusammenarbeit muss über nationale Verfahren hinweg funktionieren. Dieser Cross-Deck-Flugbetrieb gehört deshalb zu den anspruchsvollen Ausbildungsanteilen multinationaler Marinevorhaben.
Für deutsche Marineflieger bietet er die Möglichkeit, das Zusammenspiel mit anderen Seestreitkräften praktisch zu erproben. Entscheidend ist dabei die gesamte Verbindung zwischen Hubschrauber, aufnehmendem Schiff und den beteiligten Menschen.
Was Cross-Deck-Flugbetrieb bedeutet
Im Zusammenhang mit Marinehubschraubern bezeichnet Cross-Deck-Flugbetrieb den Betrieb auf dem Flugdeck eines anderen Schiffes als der eigenen Ausgangsplattform. Häufig gehört das aufnehmende Schiff einer verbündeten oder befreundeten Marine an. Der Begriff ist jedoch nicht auf internationale Begegnungen beschränkt.
Eine Übung kann aus einzelnen Anflügen und Landungen mit anschließendem Wiederstart bestehen. Weitergehende Vorhaben können einen Personaltransport oder einen längeren Aufenthalt an Bord einschließen. Welche Tätigkeiten tatsächlich möglich sind, richtet sich nach den jeweiligen Freigaben, der Ausrüstung und dem Ausbildungsstand.
Ein dokumentiertes Beispiel aus der internationalen Zusammenarbeit lieferte die Übung Intrepid Sentinel im Januar 2019: Hubschrauber der US Navy flogen vom Flugzeugträger USS „John C. Stennis“ zur australischen Fregatte HMAS „Ballarat“. Damit übten sie den Wechsel zwischen sehr unterschiedlichen Plattformen.
Ein bewegtes Flugdeck mit eigenen Bedingungen
Ein Flugdeck bewegt sich mit dem Schiff. Rollen um die Längsachse, Stampfen um die Querachse und vertikale Bewegungen verändern seine Lage gegenüber dem Hubschrauber. Gleichzeitig wirken Wind, Böen und die Luftströmung um die Schiffsaufbauten auf den Anflug.
Gerade hinter hohen Aufbauten können Verwirbelungen entstehen. Zwei ähnlich große Flugdecks müssen sich deshalb fliegerisch keineswegs gleich verhalten. Auch die Position des Landeplatzes, Hindernisse und die verfügbaren Sichtbezüge beeinflussen die Arbeitsbelastung im Cockpit.
Der Wind über Deck ergibt sich aus dem natürlichen Wind und der Bewegung des Schiffes. Kurs und Geschwindigkeit können günstigere Bedingungen schaffen. Diese Möglichkeit ist jedoch durch den Auftrag, die Fahrt im Verband und andere nautische Anforderungen begrenzt. Ein Schiff kann seinen Kurs während einer Operation nicht jederzeit allein nach den Bedürfnissen des Flugbetriebs ausrichten.
Technische Eignung und betriebliche Freigaben
Die sichtbare Größe eines Flugdecks reicht als Beurteilungsmaßstab nicht aus. Vor einem Cross-Deck-Vorhaben muss geklärt sein, ob die vorgesehene Kombination aus Schiff und Hubschrauber für den geplanten Betrieb geeignet und freigegeben ist.
Zu den wesentlichen Prüffeldern gehören:
- die nutzbare Landefläche sowie die Freiräume für Rotor und Heckausleger,
- die zulässigen Belastungen und die Möglichkeiten zur Sicherung des Hubschraubers,
- die anwendbaren Grenzen für Wind und Schiffsbewegungen,
- die verfügbaren Einrichtungen und Verfahren für den vorgesehenen Aufenthalt.
Im internationalen Marineflugbetrieb ist hierfür unter anderem das HOSTAC-Programm von Bedeutung. Die Abkürzung steht für „Helicopter Operations from Ships Other Than Aircraft Carriers“, also Hubschrauberoperationen von Schiffen außerhalb der Kategorie Flugzeugträger. Im NATO-Rahmen behandelt beispielsweise die Standardisierungsvereinbarung STANAG 1474 mit der Veröffentlichung APP-29 Kriterien zur Beurteilung der Cross-Deck-Kompatibilität.
Aus dieser aufgabenbezogenen Betrachtung folgt: Eine erfolgreich durchgeführte Landung belegt noch keine uneingeschränkte Versorgung oder Wartung an Bord. Betankung, technische Betreuung und Unterbringung im Hangar müssen zusätzlich zur jeweiligen Plattform und zum vorgesehenen Vorhaben passen.
SHOL legen den erprobten Betriebsbereich fest
Eine zentrale Grundlage bilden die Ship Helicopter Operating Limitations, kurz SHOL. Diese Betriebsgrenzen beschreiben, unter welchen Bedingungen eine bestimmte Kombination aus Hubschrauber und Schiff sicher betrieben werden kann. Dazu gehören insbesondere Windrichtung, Windgeschwindigkeit und Schiffsbewegungen; auch Konfiguration und Lichtverhältnisse sind relevant.
Die Grenzen werden anhand technischer Untersuchungen und fliegerischer Erprobung ermittelt. Dabei zählt neben der grundsätzlichen Beherrschbarkeit des Hubschraubers auch die Arbeitsbelastung der Besatzung. Eine Landung muss unter den festgelegten Bedingungen für entsprechend ausgebildete Einsatzbesatzungen durchführbar sein.
Wie aufwendig dieser Nachweis ist, zeigte die Erprobung des NH90 Sea Lion auf dem Einsatzgruppenversorger „Bonn“ im März 2023. Die Wehrtechnische Dienststelle 61, das Marinefliegergeschwader 5 und niederländische Partner verbanden Untersuchungen an Land mit Flugversuchen auf See. Diese Erprobung auf einem deutschen Schiff war selbst kein internationaler Cross-Deck-Austausch. Sie verdeutlicht jedoch, welche technische Grundlage sicherer Bordflugbetrieb benötigt.
Zusammenarbeit zwischen Cockpit und Schiff
Vor dem Flug müssen sich die Beteiligten über Auftrag, Wetter, Zeitplanung und den vorgesehenen Ablauf verständigen. Ebenso müssen die Kommunikationswege und die Zusammenarbeit mit dem aufnehmenden Schiff geklärt sein.
Auf deutschen Fregatten verdeutlicht die Aufgabenverteilung den Umfang dieser Vorbereitung: Der Flugdecksoffizier koordiniert die Arbeiten auf dem Deck und unterstützt anfliegende Hubschrauber mit Sichtzeichen. Der Hubschrauberleitmeister hält aus der Operationszentrale die Funkverbindung und unterstützt die auftragsbezogene Führung des Luftfahrzeugs.
Hinzu kommen das technische Personal, die für die Sicherung zuständigen Decksangehörigen und die Kräfte für Brandbekämpfung und Rettung. Vor Beginn des Flugbetriebs wird das Deck auf lose Gegenstände kontrolliert, die durch den Rotorabwind aufgewirbelt oder von Triebwerken angesaugt werden könnten.
Bei internationalen Begegnungen können Bezeichnungen und Zuständigkeiten abweichen. Gemeinsame Verfahren müssen deshalb durch eine eindeutige Abstimmung zwischen den tatsächlich beteiligten Besatzungen ergänzt werden.
Anflug und Landung als gemeinsame Aufgabe
Im Anflug muss die Hubschrauberbesatzung ihre Position zum fahrenden Schiff und zum vorgesehenen Landepunkt beurteilen. Je nach freigegebenem Verfahren erfolgt die Annäherung aus unterschiedlichen Richtungen. Einen einzigen, für alle Schiffe und Windbedingungen gleichermaßen gültigen Standardanflug gibt es nicht.
Besonders bei Nacht verändern sich die verfügbaren Sichtbezüge. Die SHOL-Erprobung des Sea Lion umfasste deshalb auch Nachtlandungen. Beleuchtung, Sichtmöglichkeiten und die Belastung der Besatzung gehören zur Bewertung des Betriebsbereichs.
Mit dem Aufsetzen ist die Zusammenarbeit nicht beendet. Der Hubschrauber muss entsprechend dem vorgesehenen Verfahren gesichert werden. Erst der abgestimmte Ablauf zwischen Cockpit und Deckspersonal schafft die Voraussetzung für weitere Tätigkeiten am Luftfahrzeug oder einen erneuten Start.
Ausbildung und Qualifikation
Cross-Deck-Training erweitert die Erfahrung auf anderen Plattformen. Besatzungen lernen unterschiedliche Decks, Arbeitsabläufe und die praktische Anwendung gemeinsamer Verfahren kennen. Gleichzeitig übt das aufnehmende Schiff den Umgang mit einem fremden Hubschrauber.
Wie wichtig wiederholte Starts und Landungen für diesen Ausbildungszweck sind, zeigte BALTOPS 2025: Eine polnische Mi-17-Besatzung führte auf der USS „Mount Whitney“ Decklandequalifikationen durch. Der offizielle Bericht beschreibt mehrere Landungen und Starts auf dem fahrenden Schiff als Bestandteil der Qualifikation.
Daraus lässt sich keine allgemeine Anzahl vorgeschriebener Landungen für deutsche Marineflieger ableiten. Die konkreten Anforderungen hängen vom jeweils geltenden Ausbildungssystem und den vorgesehenen Operationen ab.
Dokumentierte Beispiele deutscher Marineflieger
Mit der „Bayern“ auf dem japanischen Zerstörer
Während des Indo-Pacific Deployment 2021 übte die Fregatte „Bayern“ mit der japanischen „Yuugiri“. Die Bundeswehr dokumentierte dabei auch die Landung eines deutschen Bordhubschraubers auf dem japanischen Zerstörer.
Solche Begegnungen finden häufig als Passing Exercise, kurz PASSEX, statt: Schiffe nutzen ein zeitlich begrenztes Zusammentreffen auf See für gemeinsame Ausbildungsabschnitte. Cross-Deck-Flugbetrieb kann dabei mit Navigation, Kommunikation und weiteren Übungsteilen verbunden werden.
Sea Lynx auf der USS „Gerald R. Ford“
Am 21. Mai 2023 landete ein deutscher Lynx auf dem Flugdeck der USS „Gerald R. Ford“ in der Nordsee. Die US Navy dokumentierte die Landung im Zusammenhang mit einer Begegnung des Flugzeugträgers mit der Standing NATO Maritime Group 1.
Das Beispiel zeigt, dass der Austausch auch große Flugzeugträger einbezieht. Deren Flugbetriebsorganisation unterscheidet sich deutlich von der eines einzelnen Hubschrauberlandeplatzes auf einer Fregatte.
Deutsche Landung auf der niederländischen „Tromp“
Für den 16. Juli 2024 ist während RIMPAC die Landung eines deutschen Sea Lynx Mk88A auf der niederländischen Fregatte „Tromp“ dokumentiert. Damit ist auch die Zusammenarbeit deutscher Marineflieger mit dem Flugdeck dieses niederländischen Schiffes belegt.
Die Beispiele aus unterschiedlichen Seegebieten machen deutlich, dass Cross-Deck-Ausbildung sowohl bei kurzen Begegnungen als auch im Rahmen größerer multinationaler Übungen stattfindet.
Bedeutung für gemeinsame Einsätze
Der unmittelbare Ausbildungsgewinn liegt in der Zusammenarbeit unter realen Bedingungen auf See. Gemeinsame Begriffe und veröffentlichte Verfahren werden dabei im praktischen Ablauf überprüft.
Daraus ergeben sich zusätzliche Handlungsmöglichkeiten: Geeignete und freigegebene Schiffe können beispielsweise für einen Personaltransport zwischen Einheiten oder als weitere Landemöglichkeit berücksichtigt werden. Ob diese Möglichkeiten im konkreten Fall verfügbar sind, hängt von Entfernung, Wetter, Betriebsbereitschaft und den geltenden Freigaben ab.
Eine fremde Plattform ersetzt außerdem nicht automatisch die technische Unterstützung des eigenen Schiffes. Der operative Nutzen wächst deshalb mit der Vorbereitung und dem Umfang der nachgewiesenen Zusammenarbeit.
Fazit
Cross-Deck-Flugbetrieb verbindet fliegerisches Können mit technischer Prüfung und abgestimmter Schiffsorganisation. Die Qualität einer Übung zeigt sich daran, ob die beteiligten Besatzungen das gesamte Vorhaben sicher und nachvollziehbar durchführen können.
Für deutsche Marineflieger schaffen solche Ausbildungsabschnitte praktische Erfahrung mit Partnern und anderen Flugdecks. Damit erweitern sie die Möglichkeiten gemeinsamer Operationen innerhalb der jeweils erprobten und freigegebenen Grenzen.
Quellen:
Stand: August 2026
Bundeswehr – Indo-Pacific Deployment: Die „Bayern“ übt multinational
www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/indo-pacific-deployment-bayern-uebt-multinational--5217666
U.S. Navy / DVIDS – Cross Nation Cross Deck
www.dvidshub.net/news/307723/cross-nation-cross-deck
Bundeswehr – Irini: Flugbetrieb auf hoher See
www.bundeswehr.de/de/auftrag/einsaetze/einsatz-irini-flugbetrieb-in-see-4578984
Bundeswehr – Im Team ans Limit - sichere Hubschrauberlandungen auf Schiffen
www.bundeswehr.de/de/organisation/ausruestung-baainbw/aktuelles/nh-90-ans-limit-shols-getestet-5613636
Netherlands Aerospace Centre – Landing a helicopter safely at sea
www.nlr.org/newsroom/nieuws/landing-a-helicopter-safely-at-sea/
Defense Logistics Agency – STANAG-1474: Embarked Aviation Cross Deck Clearance Criteria and Procedures for Assessing Interoperability – APP-29 Edition A
quicksearch.dla.mil/qsDocDetails.aspx
Military Airworthiness Authority – Norway – Airworthiness Regulation in the Norwegian Defence Sector, Revision 2.1; Abschnitt I.5: Ship Helicopter Operating Limits (SHOL)
www.fma.no/maanor/downloads/regulations/blf/BLF%20Rev%202_1%2015%20Dec%202023.pdf/_/attachment/inline/919b2b04-2a65-4a3e-b0f1-bfe816300a32:5943d6fc18fd41e1fbc1412ea05490ebae36f5af/BLF%20Rev%202_1%2015%20Dec%202023.pdf
U.S. Fleet Forces Command – Polish Helicopter Conducts Deck Landing Qualification Aboard USS Mount Whitney During BALTOPS 25
www.usff.navy.mil/Press-Room/News-Stories/Article/4217453/polish-helicopter-conducts-deck-landing-qualification-aboard-uss-mount-whitney/
U.S. Navy / DVIDS – German Navy Helicopter Lands on USS Ford [Image 5 of 6]
www.dvidshub.net/image/7810453/german-navy-helicopter-lands-uss-ford
Commander, U.S. 3rd Fleet / DVIDS – German Navy Lynx helicopter landing on Netherlands Navy ship HNLMS Tromp [Image 16 of 16]
www.dvidshub.net/image/8535420/german-navy-lynx-helicopter-landing-netherlands-navy-ship-hnlms-tromp