NH90 Sea Lion: Das neue Arbeitspferd der deutschen Marineflieger
Mit dem NH90 NTH Sea Lion haben die deutschen Marineflieger einen modernen Mehrzweckhubschrauber erhalten, der gleichermaßen als Lebensretter, Transportmittel und fliegende Aufklärungsplattform eingesetzt werden kann. Insgesamt betreibt die Deutsche Marine 18 Maschinen dieses Typs. Sie gehören zum Marinefliegergeschwader 5 und sind auf dem Marinefliegerstützpunkt Nordholz bei Cuxhaven stationiert.
Der Sea Lion löste den über Jahrzehnte bewährten Sea King Mk41 ab und übernahm vollständig dessen Aufgaben im Such- und Rettungsdienst über Nord- und Ostsee. Gleichzeitig eröffnet die moderne Sensorik des NH90 neue Möglichkeiten bei der Seeraumüberwachung und bei militärischen Unterstützungsmissionen.
Vom Sea King zum Sea Lion
Der Sea King Mk41 prägte die deutschen Marineflieger fast 50 Jahre lang. Seit Mitte der 1970er-Jahre war er vor allem im Such- und Rettungsdienst, beim Transport von Personal und Material sowie bei Katastrophenhilfseinsätzen eingesetzt. Aufgrund seines zunehmenden Alters und des wachsenden technischen Aufwands wurde jedoch ein Nachfolger benötigt.
Im März 2013 fiel die Entscheidung zugunsten des NH90 Sea Lion. Der Vertrag über die Beschaffung von 18 Hubschraubern wurde im Juni 2015 geschlossen. Der Erstflug erfolgte im Dezember 2016, die erste Maschine wurde 2019 an die Bundeswehr übergeben. Am 25. Juni 2020 übernahm die Marine den neuen Hubschrauber offiziell in Nordholz.
Mit der Übergabe der letzten Maschine am 26. Januar 2023 wurde die Serienauslieferung abgeschlossen. Der Hubschrauber mit der Kennung 79+51 traf wenige Tage später in Nordholz ein. Nach Angaben der Bundeswehr erfolgte die Auslieferung der 18 Sea Lion termingerecht und innerhalb des vorgesehenen Kostenrahmens.
Such- und Rettungsdienst rund um die Uhr
Die sichtbarste Aufgabe des Sea Lion ist der militärische Such- und Rettungsdienst – international als Search and Rescue, kurz SAR, bezeichnet. Die Marine hält dafür an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr einsatzbereite Besatzungen vor.
Die Koordination der maritimen SAR-Einsätze erfolgt durch die SAR-Leitstelle in Glücksburg. Neben dem Heimatstützpunkt Nordholz unterhalten die Marineflieger Bereitschaftsplätze auf Helgoland, Borkum und in Rostock-Warnemünde. Dadurch können weite Teile der deutschen Nord- und Ostsee schnell erreicht werden.
Für Rettungseinsätze verfügt der Sea Lion über eine leistungsfähige Seilwinde, Rettungskörbe, Suchscheinwerfer und eine umfangreiche medizinische Ausstattung. Kameras, Infrarotsensoren und das Seeraumüberwachungsradar unterstützen die Besatzung bei der Suche nach Schiffbrüchigen – auch bei Dunkelheit und schwierigen Wetterbedingungen.
Im Juli 2023 begann der Sea Lion mit der praktischen Übernahme des SAR-Dienstes. Seinen ersten Großeinsatz absolvierte das Muster am 24. Oktober 2023 nach der Kollision der Frachtschiffe „Polesie“ und „Verity“ südwestlich von Helgoland. Drei Sea Lion und zwei Sea King beteiligten sich an der Suche. Eine Sea-Lion-Besatzung konnte einen unterkühlten Seemann aus der Nordsee retten.
Am 15. August 2024 endete die letzte SAR-Bereitschaft des Sea King. Seitdem trägt der NH90 Sea Lion die Verantwortung für den militärischen Such- und Rettungsdienst über den deutschen Seegebieten vollständig.
Transport, Aufklärung und Unterstützung der Flotte
Der Sea Lion ist wesentlich mehr als ein Rettungshubschrauber. Als Naval Transport Helicopter kann er Soldaten, Spezialkräfte, medizinisches Personal, Versorgungsgüter und Ausrüstung transportieren. Über die große Heckrampe lässt sich Material deutlich einfacher ein- und ausladen als beim Sea King.
Bis zu 20 Personen finden in der Kabine Platz; bei Flügen über See ist die Zahl auf bis zu 16 Passagiere ausgelegt. Abhängig vom Auftrag besteht die fliegende Besatzung aus drei bis vier Personen. Für medizinische Evakuierungen kann der Innenraum mit Tragen und zusätzlicher medizinischer Ausrüstung ausgestattet werden.
Weitere Aufgaben sind:
- Transport von Personal und Material
- medizinische Evakuierung
- Unterstützung von Boardingkräften
- Absetzen und Aufnehmen von Spezialkräften
- Seeraumüberwachung und Aufklärung
- Erstellung eines maritimen Lagebildes
- Katastrophen- und Nothilfe
- Versorgung von Schiffen aus der Luft
Seine Sensorinformationen kann der Sea Lion über eine taktische Konsole auswerten und mit Schiffen, Flugzeugen und anderen Einheiten austauschen. Dadurch unterstützt er die Flotte bei der Erkennung, Identifizierung und Verfolgung von Kontakten auf See.
Für den Einsatz auf Schiffen entwickelt
Als Marineversion der NH90-Familie ist der Sea Lion für den Betrieb unter den besonderen Bedingungen auf See ausgelegt. Der automatisch faltbare Hauptrotor reduziert den Platzbedarf im Bordhangar. Eine sogenannte Harpune – eine technische Vorrichtung zur Sicherung des Hubschraubers auf dem Flugdeck – verhindert, dass sich die Maschine bei starkem Seegang unkontrolliert bewegt.
Der Sea Lion kann auf Marineschiffen mit geeignetem Flugdeck landen. Für eine dauerhafte Einschiffung ist er vor allem auf den Einsatzgruppenversorgern der Berlin-Klasse vorgesehen. Von dort aus übernimmt er Transport-, Versorgungs-, Aufklärungs- und Rettungsaufgaben.
Moderne Sensorik und Eigenschutz
Unter dem Rumpf befindet sich ein 360-Grad-Seeraumüberwachungsradar mit ISAR-Modus. Es kann mehr als 150 Ziele verfolgen und unterstützt die Besatzung bei der Suche nach Schiffen, kleinen Booten oder Personen im Wasser.
Ergänzt wird das Radar durch einen elektrooptischen Sensor mit Tageslichtkamera, Infrarotkamera und Laserentfernungsmesser. Ein System zur elektronischen Aufklärung kann Radarstrahlung in der Umgebung erkennen und der Besatzung Hinweise auf mögliche Bedrohungen liefern.
Bei Einsätzen in gefährdeten Gebieten kann der Sea Lion mit zwei schweren Maschinengewehren im Kaliber 12,7 Millimeter ausgestattet werden. Täuschkörperanlagen mit Chaff und Flares dienen dem Schutz vor radar- und infrarotgelenkten Flugkörpern.
Sea Lion und Sea Tiger: Zwei unterschiedliche Aufgaben
Der Sea Lion darf nicht mit dem NH90 MRFH Sea Tiger verwechselt werden. Beide Hubschrauber gehören zur maritimen NH90-Familie, erfüllen jedoch unterschiedliche Hauptaufgaben.
Der Sea Lion ist vor allem für Seenotrettung, Transport, Aufklärung und Unterstützungsmissionen vorgesehen. Der Sea Tiger wird dagegen als bewaffneter Bordhubschrauber für die U-Boot-Jagd und die Bekämpfung von Überwasserzielen eingesetzt. Dazu erhält er unter anderem ein Tauchsonar, Sonarbojen, Torpedos und Flugkörper.
Gemeinsam bilden Sea Lion und Sea Tiger künftig das Rückgrat der Hubschrauberkomponente der deutschen Marineflieger.
Ein neues Kapitel für die Marineflieger
Der NH90 Sea Lion verbindet die jahrzehntelange SAR-Erfahrung der deutschen Marineflieger mit moderner Avionik, leistungsfähiger Sensorik und einer vielseitig nutzbaren Transportkabine. Er rettet Menschen aus Seenot, unterstützt Schiffe und Spezialkräfte, transportiert Personal und Material und trägt zur Überwachung der deutschen Seegebiete bei.
Damit ist der Sea Lion nicht nur der Nachfolger des Sea King. Er ist das neue fliegende Arbeitspferd des Marinefliegergeschwaders 5 und eine zentrale Säule der deutschen Marinefliegerei.
Technische Daten
Maße:
- Länge: 19,6 m (mit Rotor)
- Breite: 4,6 m
- Höhe: 5,9 m
- Rotordurchmesser: 16,3 m
- max. Startgewicht: 11,0 t
Antrieb:
- 2 × RTM322-Wellentriebwerke
- Gesamtleistung: 3.600 kW (4.800 PS)
- Dienstgipfelhöhe: mehr als 6.000 m
- Geschwindigkeit: 175 kn (324 km/h)
Sensoren:
- 1 x Seeraum-Überwachungsradar ENR mit abbildendem Modus Typ ISAR, Zielverfolgungskapazität: mehr als 150
- 1 x elektro-optischer Sensor (Laser-Entfernungsmesser, Video- und Infrarotkameras)
- 1 x EK-System DETE90i/A (Elektronische Aufklärung)
Waffen:
- 2 × schwere Maschinengewehre im Kaliber 12,7 mm
- 2 x Täuschkörperanlagen ELIPS mit Chaff und Flare
Besatzung und Sonstiges:
- Crew: 3 bis 4
- Passagiere: max. 20
- Anzahl in der Marine: 18
Stand: August 2026