Geschichte und Tradition – wie die Bundeswehr Vergangenheit einordnet
Marinefliegergeschichte fasziniert durch außergewöhnliche Luftfahrzeuge, anspruchsvolle Einsätze und persönliche Erinnerungen. Doch Geschichte und Tradition sind nicht dasselbe. Geschichte untersucht, was geschehen ist und unter welchen Bedingungen Menschen handelten. Tradition wählt aus dieser Vergangenheit bewusst Werte, Ereignisse und Vorbilder aus, die für Gegenwart und Zukunft Orientierung geben sollen.
Für die Bundeswehr ist diese Auswahl an die Werte des Grundgesetzes gebunden. Alter, militärischer Erfolg oder technische Leistung reichen allein nicht aus, um etwas traditionswürdig zu machen. Entscheidend ist immer, welchen politischen Zielen eine Handlung diente und ob sie mit Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Völkerrecht, Freiheit und Frieden vereinbar ist.
Kurz erklärt: Alles Traditionswürdige ist Teil der Geschichte, aber nicht alles Historische ist Tradition. Ein Flugzeug im Museum, ein altes Staffelabzeichen oder die Erinnerung an einen früheren Verband dokumentiert zunächst Vergangenheit. Erst eine bewusste, begründete und wertegebundene Auswahl kann daraus Tradition der Bundeswehr machen.
Drei Begriffe, die nicht verwechselt werden sollten
| Begriff | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Geschichte | Wissenschaftliche Rekonstruktion und Erklärung vergangener Ereignisse auf Grundlage von Quellen | Untersuchung des Auftrags eines Marinefliegergeschwaders im Kalten Krieg |
| Erinnerungskultur | Art und Weise, wie eine Gesellschaft oder Gemeinschaft an Vergangenheit erinnert | Gedenkveranstaltungen, Museen, Denkmäler und Zeitzeugengespräche |
| Tradition | Bewusste, wertegebundene Auswahl aus der Geschichte zur Orientierung für heutiges Handeln | Erinnerung an verantwortliches Handeln, demokratische Gründungsmomente oder bewährte Leistungen der Bundeswehr |
| Brauchtum | Überlieferte Rituale, Umgangsformen und Gepflogenheiten | Geschwaderfeste, bestimmte Zeremonien oder inoffizielle Staffelrituale |
Brauchtum kann Gemeinschaft stiften, ist aber nicht automatisch Tradition. Ebenso bedeutet die Ausstellung eines historischen Gegenstands nicht, dass die Institution, aus der er stammt, als Vorbild anerkannt wird.
Warum historische Bildung für Streitkräfte wichtig ist
Soldatinnen und Soldaten handeln im Auftrag des Staates und können mit militärischer Gewalt betraut werden. Historische Bildung soll deshalb mehr leisten als Jahreszahlen und Typenkunde. Sie hilft zu verstehen,
- wie politische Entscheidungen militärisches Handeln prägen,
- warum Gehorsam rechtliche und ethische Grenzen besitzt,
- wie Streitkräfte in Demokratie und Diktatur unterschiedlich funktionieren,
- welche Folgen Krieg für Menschen und Gesellschaften hat,
- wie sich Auftrag, Technik und Selbstverständnis der Bundeswehr verändert haben,
- wie historische Beispiele für heutige Entscheidungen genutzt oder missbraucht werden können.
Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr beschreibt historische Bildung als Befähigung zur kritischen Auseinandersetzung mit Militärgeschichte, Tradition, Berufsbild und soldatischem Selbstverständnis. Ziel ist nicht die Übernahme fertiger Urteile, sondern begründete Orientierung.
Der Traditionserlass als verbindlicher Rahmen
Die maßgebliche Grundlage ist der 2018 in Kraft getretene Erlass „Die Tradition der Bundeswehr. Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“. Er ordnet Tradition als Bestandteil des werteorientierten Selbstverständnisses und der Inneren Führung ein.
Der Erlass setzt mehrere Leitlinien:
- Grundgesetz und Soldatengesetz bilden den Maßstab. Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Völkerrecht, Freiheit und Frieden stehen im Mittelpunkt.
- Tradition ist eine Auswahl. Sie entsteht durch kritische Auseinandersetzung und wird nicht allein durch Alter oder Gewohnheit begründet.
- Die eigene Geschichte der Bundeswehr ist der zentrale Bezugspunkt. Dazu gehören Leistungen militärischer und ziviler Angehöriger, Reservistinnen und Reservisten sowie Erfahrungen aus Verteidigung, Bündnis, Einsätzen, Hilfeleistungen und deutscher Einheit.
- Historische Leistung muss im politischen Zusammenhang bewertet werden. Militärisches Können allein genügt nicht.
- Traditionspflege bleibt überprüfbar. Neue Erkenntnisse oder gesellschaftliche Entwicklungen können eine erneute Bewertung erforderlich machen.
Damit ist Tradition kein unveränderliches Verzeichnis. Sie ist eine Führungs- und Bildungsaufgabe, bei der Entscheidungen begründet, vermittelt und nötigenfalls korrigiert werden müssen.
Brüche statt einer geraden Traditionslinie
Die deutsche Militärgeschichte ist von tiefen Brüchen geprägt. Der Traditionserlass lehnt deshalb die Vorstellung einer geradlinigen Überlieferung von früheren deutschen Streitkräften bis zur Bundeswehr ab.
Die Wehrmacht
Die Wehrmacht diente dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat und war schuldhaft in seine Verbrechen verstrickt. Als Institution, mit ihren Truppenverbänden und Dienststellen, ist sie für die Bundeswehr nicht traditionswürdig.
Einzelne frühere Angehörige können nur nach sorgfältiger Einzelfallprüfung in das Traditionsgut aufgenommen werden. Dabei müssen persönliche Schuld, das konkrete Verhalten und eine vorbildliche Wirkung für die Gegenwart geprüft werden. Als Beispiele nennt der Traditionserlass die Beteiligung am militärischen Widerstand gegen das NS-Regime oder besondere Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr.
Die Nationale Volksarmee
Auch die NVA begründet als Institution keine Tradition der Bundeswehr. Sie war in die SED-Diktatur und deren Staatsideologie eingebunden. Einzelne Menschen und Handlungen können dennoch differenziert beurteilt werden – beispielsweise Auflehnung gegen die Herrschaft oder besondere Leistungen für die deutsche Einheit.
Historische Darstellung bleibt notwendig
Der Ausschluss aus dem Traditionsgut bedeutet nicht, dass Wehrmacht oder NVA aus Ausstellungen und Forschung verschwinden sollen. Im Gegenteil: Ihre Geschichte muss sachlich untersucht, dokumentiert und vermittelt werden. Historische Objekte können gezeigt werden, wenn ihre Herkunft und Bedeutung erkennbar eingeordnet sind. Geschichtsdarstellung und Traditionspflege müssen dabei deutlich voneinander getrennt bleiben.
Die eigene Geschichte der Bundeswehr als Ausgangspunkt
Die Bundeswehr wurde ab 1955 als Streitkraft einer parlamentarischen Demokratie aufgebaut. Ihr Selbstverständnis verbindet militärische Leistungsfähigkeit mit Grundrechten, Recht, Gewissen und politischer Kontrolle. Die Innere Führung und das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform markieren den bewussten Abstand zu früheren deutschen Militärsystemen.
Der Traditionserlass nennt die eigene Geschichte der Bundeswehr als zentralen Bezugspunkt. Dazu zählen unter anderem:
- der Schutz Deutschlands und seiner Bevölkerung,
- das Bewahren von Freiheit und Frieden im Kalten Krieg,
- die Einbindung in NATO und Europäische Union,
- die Aussöhnung mit ehemaligen Kriegsgegnern,
- die Bewährung in Einsätzen und humanitären Hilfeleistungen,
- die Integration im Zuge der deutschen Einheit,
- verantwortliches Handeln unter Bindung an Recht und Gewissen.
Die Geschichte der Bundeswehr ist dabei nicht frei von Fehlern, Kontroversen oder Versäumnissen. Eine glaubwürdige Tradition entsteht nicht durch Beschönigung, sondern durch die Bereitschaft, Erfolge und Fehlentwicklungen gleichermaßen zu untersuchen.
Eine demokratische Traditionslinie der Marine
Für die Deutsche Marine besitzt der 14. Juni 1848 besondere Bedeutung. An diesem Tag bewilligte die Frankfurter Nationalversammlung als erstes frei gewähltes gesamtdeutsches Parlament die Mittel für eine gemeinsame Reichsflotte. Die Marine ordnet dieses Ereignis als demokratischen Gründungsmoment ein: Die Flotte entstand durch einen parlamentarischen Beschluss und führte die schwarz-rot-goldenen Farben der bürgerlichen Revolution.
Die Marine von heute ist organisatorisch keine direkte Fortsetzung dieser Flotte. Der Bezug liegt vielmehr in den demokratischen Prinzipien von parlamentarischer Legitimation und öffentlicher Verantwortung. Genau darin zeigt sich der Unterschied zwischen historischer Abstammungsbehauptung und wertegebundener Traditionsbildung.
Die Geschichte der Marineflieger in fünf Phasen
Die deutsche Marinefliegerei reicht historisch weiter zurück als die Bundeswehr. Für eine demokratische Traditionsbildung ist jedoch entscheidend, die Epochen nicht zu einer ungebrochenen Linie zusammenzufügen.
1. Frühe Marinefliegerei und Weltkriege
Die Anfänge der militärischen Luftfahrt über See gehören zur Technik- und Operationsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Luftschiffe, Wasserflugzeuge und landgestützte Flugzeuge eröffneten neue Möglichkeiten für Aufklärung und Seekrieg. Diese Entwicklung ist historisch relevant, muss aber gemeinsam mit den politischen Systemen, Kriegszielen und Folgen militärischer Gewalt untersucht werden.
Technische Innovation oder fliegerische Leistung begründet allein keine Tradition. Wer nur Flugzeugtypen und Erfolge betrachtet, blendet aus, wofür diese Fähigkeiten eingesetzt wurden.
2. Neubeginn in der Bundesmarine
Die Geschichte der Seestreitkräfte der Bundesrepublik begann 1956 mit der Bundesmarine. Sie war von Anfang an in die NATO eingebunden. Im Mittelpunkt standen die Verteidigung der Ostseezugänge, der westlichen Ostsee und der Seewege in der Nordsee.
In diesem Rahmen entstanden auch die Marinefliegerverbände der Bundeswehr. Ihre Besatzungen, Techniker und Unterstützungsbereiche mussten Fähigkeiten, Verfahren und Infrastruktur neu aufbauen. Flugzeugmuster wie Sea Hawk, Gannet und später Starfighter stehen für diese frühe Phase – zugleich aber auch für einen risikoreichen Flugbetrieb und die Anforderungen der Bündnisverteidigung im Kalten Krieg.
3. Spezialisierung im Kalten Krieg
Mit Seefernaufklärern, Jagdbombern und Hubschraubern entwickelte sich ein breites Fähigkeitsspektrum. Bréguet Atlantic, Tornado, Sea King und Sea Lynx prägten unterschiedliche Generationen. Die Aufgaben reichten von Seeaufklärung und U-Boot-Jagd über den Schutz von Flottenverbänden bis zu Suche und Rettung.
Die Geschwader waren zugleich soziale Gemeinschaften. Schichtdienst, Flugsicherheit, technische Verantwortung und die Abhängigkeit voneinander formten eine eigene Berufskultur. Traditionswürdig können daraus insbesondere verantwortliches Handeln, Kameradschaft, fachliche Sorgfalt und die Bereitschaft zur Hilfeleistung sein. Die politische Logik des Kalten Krieges und die Risiken einzelner Waffensysteme müssen trotzdem kritisch betrachtet werden.
4. Neuordnung nach 1990
Mit der deutschen Einheit und dem Ende der Blockkonfrontation veränderten sich Auftrag und Struktur. Die Marine wurde gesamtdeutsch, Verbände wurden zusammengelegt oder aufgelöst, Standorte geschlossen und Fähigkeiten angepasst. Internationale Krisenbewältigung und Einsätze fern der deutschen Küsten gewannen an Bedeutung.
Für viele ehemalige Angehörige sind gerade aufgelöste Verbände wie Marinefliegergeschwader 1 und Marinefliegergeschwader 2 wichtige Bezugspunkte ihrer persönlichen Dienstzeit. Diese Erinnerungen sind wertvolle Teile der Bundeswehrgeschichte. Eine offizielle Übernahme von Traditionen ehemaliger Bundeswehrverbände ist nach dem Traditionserlass grundsätzlich möglich, bleibt aber an Genehmigung, Wertebindung und fachliche Einordnung gebunden.
5. Marineflieger der Gegenwart
Heute sind die fliegenden Kräfte der Marine in Nordholz gebündelt. Das Marinefliegergeschwader 3 betreibt Seefernaufklärer und Flugzeuge zur Ölüberwachung; das Marinefliegergeschwader 5 verantwortet die Hubschrauber der Marine. P-8A Poseidon, Do 228 LM, NH90 Sea Lion und der zulaufende Sea Tiger markieren den gegenwärtigen technologischen Wandel.
Auch dieser Wandel wird später Geschichte sein. Traditionsstiftend sind nicht automatisch die modernsten Systeme, sondern das Verhalten der Menschen: verlässliche Auftragserfüllung, Schutz von Menschenleben, Verantwortung für Material und Umwelt, Zusammenarbeit mit Partnern und Handeln im rechtlichen Rahmen.
Namen, Abzeichen und Jahrestage
Verbandsnamen, Wappen, Traditionsräume und Jahrestage schaffen Identifikation. Ihre Bedeutung muss jedoch erklärt werden.
Ein Traditionsname ist keine bloße Dekoration. Er stellt eine Person oder ein Ereignis in einen vorbildhaften Zusammenhang. Deshalb müssen Biografie, historisches Umfeld und mögliche Belastungen geprüft werden. Der Traditionserlass verlangt, dass bestehende Benennungen seinen Maßstäben entsprechen und bei Zweifeln fachlicher Rat eingeholt wird.
Ähnliches gilt für Abzeichen und Symbole. Ein historisches Geschwaderwappen kann Zugehörigkeit ausdrücken und zugleich aus einer bestimmten Zeit stammen. Seine Verwendung sollte folgende Fragen beantworten:
- Woher kommt das Symbol?
- Welche ursprüngliche Bedeutung besaß es?
- Hat sich seine Bedeutung verändert?
- Passt seine heutige Verwendung zu Auftrag und Werteordnung?
- Wird der historische Zusammenhang verständlich erklärt?
Jubiläen sollten nicht nur Erfolge und Technik präsentieren. Auch Strukturbrüche, Unfälle, Belastungen, Fehlentscheidungen und Veränderungen des Auftrags gehören zu einer glaubwürdigen Rückschau.
Gedenken ist nicht gleich Traditionspflege
Marinefliegerverbände erinnern an Kameradinnen und Kameraden, die bei Flugunfällen, im Dienst oder im Einsatz ums Leben kamen. Dieses Gedenken würdigt Menschen und hält die Folgen des militärischen Dienstes sichtbar.
Der Traditionserlass unterscheidet solches Totengedenken von der Traditionspflege früherer Streitkräfte. Wer an Tote erinnert, übernimmt damit nicht automatisch den politischen Auftrag oder das Selbstverständnis der Institution, in der sie dienten. Diese Unterscheidung ermöglicht ein würdiges Gedenken, ohne historische Verantwortung zu verwischen.
Bei Unfallgeschichten gehören zudem Sorgfalt und Rücksicht auf Angehörige dazu. Gesicherte Fakten, Untersuchungsstände und persönliche Erinnerungen müssen voneinander getrennt werden. Sensationelle Darstellung widerspricht dem Zweck des Gedenkens.
Museen, Archive und historische Sammlungen
Originale Objekte machen Geschichte anschaulich. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr versteht sich als Lernort historischer und politischer Bildung. Der Museums- und Sammlungsverbund der Bundeswehr nutzt Exponate, Ausstellungen und interaktive Angebote, um historische Zusammenhänge zu vermitteln.
Für die Marinefliegerei besitzt das Aeronauticum in Nordholz besondere Bedeutung. Originalflugzeuge, Modelle, Dokumente und technische Exponate zeigen die Entwicklung von Luftschifffahrt, See- und Marinefliegerei. Das Militärhistorische Museum auf dem Flugplatz Berlin-Gatow ergänzt diese Perspektive durch eine kritische, multiperspektivische Darstellung von militärischer Luftfahrt und Luftkrieg.
Archive sichern die schriftlichen Grundlagen. Das Bundesarchiv-Militärarchiv verwahrt amtliche Überlieferungen; Verbandsarchive, Nachlässe, Fotosammlungen und Zeitzeugenberichte ergänzen sie. Keine einzelne Quelle erzählt jedoch die vollständige Geschichte.
Zeitzeugen, Fotos und Geschwaderzeitungen richtig nutzen
Persönliche Erinnerungen sind unersetzlich, weil sie Alltag, Atmosphäre und Erfahrungen sichtbar machen, die in Akten oft fehlen. Gleichzeitig verändern sich Erinnerungen. Erlebnisse werden nachträglich geordnet, Details können verwechselt und Konflikte unterschiedlich wahrgenommen werden.
Auch Geschwaderzeitungen wie +egmont+ sind wertvolle zeitgenössische Quellen. Sie dokumentieren Themen, Sprache und Selbstbild des Marinefliegergeschwaders 2. Als interne Publikationen spiegeln sie jedoch eine bestimmte Perspektive und Auswahl. Aussagen sollten deshalb mit weiteren Quellen abgeglichen werden.
Für historische Beiträge empfiehlt sich diese Prüfung:
- Urheber: Wer hat die Quelle erstellt?
- Zeitpunkt: Entstand sie während des Ereignisses oder rückblickend?
- Zweck: Sollte sie informieren, werben, dokumentieren oder rechtfertigen?
- Überlieferung: Ist das Dokument vollständig und unverändert?
- Abgleich: Bestätigen unabhängige Quellen Datum, Ablauf und Beteiligte?
- Lücken: Was konnte oder wollte die Quelle nicht zeigen?
Diese Quellenkritik wertet Erinnerungen nicht ab. Sie macht aus Erinnerungsmaterial belastbare Geschichtsdarstellung.
Vertiefung zur historischen Reihe:
https://marineflieger.de/geschwader/mfg2/egmont
Ein Prüfmodell für Tradition
Ob eine Person, Handlung oder Bezeichnung traditionsstiftend sein kann, lässt sich mit sechs Fragen untersuchen:
- Was ist historisch gesichert? Behauptungen müssen durch belastbare Quellen gestützt sein.
- Welchem politischen Ziel diente das Handeln? Militärische Leistung darf nicht vom Auftrag getrennt werden.
- Wie verhielt sich die Person konkret? Institution, Biografie und einzelne Entscheidung sind auseinanderzuhalten.
- Ist das Beispiel mit dem Grundgesetz vereinbar? Menschenwürde, Recht, Gewissen und Frieden sind der Maßstab.
- Welche Orientierung bietet es heute? Tradition benötigt einen nachvollziehbaren Gegenwartsbezug.
- Wie wird der Kontext vermittelt? Widersprüche, Schuld und offene Fragen dürfen nicht verschwiegen werden.
Ein Ergebnis kann differenziert ausfallen. Eine technische Leistung kann historisch bedeutsam, die beteiligte Institution aber nicht traditionswürdig sein. Eine belastete Biografie kann einzelne mutige Handlungen enthalten, ohne dass dadurch alles andere entschuldigt wird.
Häufige Fragen
Ist alles Alte in der Bundeswehr automatisch Tradition?
Nein. Alter macht einen Gegenstand oder Brauch historisch, aber nicht traditionswürdig. Tradition entsteht erst durch eine bewusste Auswahl nach den Werten des Grundgesetzes.
Gehört die Wehrmacht zur Tradition der Bundeswehr?
Nein. Die Wehrmacht ist als Institution und mit ihren Verbänden nicht traditionswürdig. Einzelne frühere Angehörige können nur nach sorgfältiger Einzelfallprüfung berücksichtigt werden.
Darf die Bundeswehr trotzdem Wehrmachtsobjekte zeigen?
Ja, wenn sie der Forschung, Lehre oder historischen Bildung dienen und erkennbar eingeordnet werden. Darstellung und Traditionspflege müssen getrennt bleiben; nationalsozialistische Symbole unterliegen zusätzlich den gesetzlichen und dienstlichen Vorgaben.
Sind frühere Marinefliegergeschwader Teil der Tradition?
Ihre Geschichte gehört zur Geschichte der Bundeswehr. Traditionen ehemaliger Bundeswehrverbände können übernommen werden, wenn dies genehmigt ist und dem Traditionserlass entspricht. Private Erinnerung und offizielle Traditionspflege sind nicht identisch.
Warum werden Kasernen- und Verbandsnamen überprüft?
Neue Quellen können Biografien anders erscheinen lassen. Außerdem muss jede Benennung mit den geltenden Maßstäben des Traditionserlasses vereinbar bleiben. Überprüfung ist deshalb kein Löschen von Geschichte, sondern verantwortliche Traditionspflege.
Ist ein Museumsflugzeug ein Traditionsobjekt?
Zunächst ist es ein historisches Exponat. Es kann Technik, Auftrag und Arbeitswelt einer Epoche erklären. Ob damit zugleich eine traditionsstiftende Aussage verbunden wird, hängt von Auswahl, Kontext und Präsentation ab.
Welche Rolle spielen persönliche Erinnerungen?
Sie geben der Geschichte Stimmen und Perspektiven. Für belastbare Aussagen sollten sie mit Akten, Fotos, Flugbüchern, Presseberichten und weiteren Zeitzeugen abgeglichen werden.
Fazit
Geschichte bewahrt die Vergangenheit nicht als Heldenerzählung, sondern untersucht ihre Zusammenhänge und Widersprüche. Tradition geht einen Schritt weiter: Sie wählt aus der Geschichte das aus, was einer demokratischen Bundeswehr heute Orientierung geben kann.
Für die Marineflieger bedeutet das, technische Entwicklung, Einsatzleistung, Kameradschaft und persönliche Erinnerungen ernst zu nehmen – ohne politische Kontexte, Risiken und Brüche auszublenden. Die stärkste Traditionslinie liegt nicht in einem bestimmten Flugzeugmuster. Sie liegt im verantwortlichen Handeln der Menschen, gebunden an Recht, Gewissen und den Auftrag einer parlamentarisch kontrollierten Armee.
Quellen:
Stand: Oktober 2026
Geprüfte öffentliche Primärquellen
Die Auswahl deckt die maßgeblichen normativen, historischen und musealen Aussagen ab. Verwendet wurden öffentlich zugängliche Primärquellen und institutionelle Fachangebote; Trackingparameter wurden entfernt.
Traditionsverständnis und historische Bildung
- Bundesministerium der Verteidigung, Traditionserlass 2018: https://www.bmvg.de/resource/blob/23234/6a93123be919584d48e16c45a5d52c10/20180328-die-tradition-der-bundeswehr-data.pdf
- Bundesministerium der Verteidigung, Der Traditionserlass: https://www.bmvg.de/de/aktuelles/der-traditionserlass-23232
- Bundesministerium der Verteidigung, Zwischenbilanz zum Traditionserlass: https://www.bmvg.de/de/aktuelles/mut-zur-tradition-zwischenbilanz-nach-fuenf-jahren-neuem-traditionserlass-5608568
- Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften, Historische Bildung: https://zms.bundeswehr.de/de/zmsbw-kanal-forschung-und-bildung/zmsbw-kanal-forschung-bildung
- Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr: https://zms.bundeswehr.de/de
Geschichte der Marine und Marineflieger
- Bundeswehr, Geschichte der Deutschen Marine: https://www.bundeswehr.de/de/selbstverstaendnis/geschichte-bundeswehr/geschichte-marine
- Bundeswehr, demokratischer Marinegeburtstag vom 14. Juni 1848: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/175-marinejubilaeum-interview-michael-epkenhans-5636078
- Bundeswehr, Protokoll der Gründung der Reichsflotte: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/parlamentsprotokoll-geburtsstunde-erste-deutsche-marine-5630794
- Bundeswehr, Geschichte der Bundeswehr im Kalten Krieg: https://www.bundeswehr.de/de/selbstverstaendnis/geschichte-bundeswehr/kalter-krieg
- Bundeswehr, Marinefliegerkommando: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marinefliegerkommando
- Bundeswehr, Marinefliegergeschwader 3: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marinefliegerkommando/marinefliegergeschwader-3-graf-zeppelin
- Bundeswehr, Marinefliegergeschwader 5: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marinefliegerkommando/marinefliegergeschwader-5
- Bundeswehr, Abschied des Sea Lynx nach 45 Jahren: https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/hubschrauber-sea-lynx-abschiedstour-6139622
Museen, Sammlungen und Archive
- Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Museumsprofil: https://dresden.mhmbw.de/de/museumsprofil
- Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften, Museen und Sammlungen der Bundeswehr: https://zms.bundeswehr.de/de/zmsbw-kanal-forschung-und-bildung/museums-und-sammlungsverbund-der-bundeswehr
- Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Flugplatz Berlin-Gatow: https://zms.bundeswehr.de/de/zmsbw-kanal-forschung-und-bildung/museums-und-sammlungsverbund-der-bundeswehr/militaerhistorisches-museum-der-bundeswehr-flugplatz-gatow-5656684
- Aeronauticum, Deutsches Luftschiff- und Marinefliegermuseum: https://www.aeronauticum.de/
- Bundesarchiv, militärische Archive bis 1945: https://www.bundesarchiv.de/im-archiv-recherchieren/archivgut-recherchieren/nach-themen/die-militaerischen-archive-in-preussen-und-deutschland-bis-1945/
- Bundesarchiv, Unterlagen zu Luftwaffenverbänden im Zweiten Weltkrieg: https://www.bundesarchiv.de/im-archiv-recherchieren/archivgut-recherchieren/nach-themen/unterlagen-zum-einsatz-von-truppenteilen-der-luftwaffe-im-zweiten-weltkrieg/