Marine-Ehrenmal Laboe
Das Marine-Ehrenmal Laboe ist Wahrzeichen, Gedenkstätte und historischer Lernort zugleich. Sein markanter Backsteinturm prägt die Kieler Außenförde und ist bereits aus großer Entfernung sichtbar. Hinter der eindrucksvollen Architektur steht jedoch eine wechselvolle Geschichte: Das Ehrenmal entstand als national geprägtes Denkmal für die Gefallenen der Kaiserlichen Marine, wurde während des Nationalsozialismus propagandistisch vereinnahmt und nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend neu ausgerichtet.
Heute erinnert die Anlage an die auf See gebliebenen Menschen aller Nationen. Sie ist zugleich die offizielle Gedenkstätte der Deutschen Marine und ein Mahnmal für eine friedliche Seefahrt auf freien Meeren.
Von der Idee zum Marine-Ehrenmal
Nach dem Ersten Weltkrieg fehlte vielen Angehörigen der auf See gefallenen Marinesoldaten ein konkreter Ort der Trauer. Zahlreiche Tote waren nicht geborgen worden und hatten kein persönliches Grab. Innerhalb des damaligen Deutschen Marinebundes entstand deshalb 1925 die Idee, eine zentrale maritime Gedenkstätte zu errichten.
Als Standort wurde Laboe am Ausgang der Kieler Förde gewählt. Das Gelände lag auf einer ehemaligen Küstenbefestigung und bot einen weithin sichtbaren Platz mit unmittelbarem Bezug zur Ostsee und zum traditionsreichen Marinestandort Kiel.
1927 wurde ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Formal erhielt der Architekt Heinz Stoffregen den ersten Preis. Die Auswahlkommission bevorzugte jedoch den expressionistischen Entwurf von Gustav August Munzer, dessen ursprüngliche Planung aus Kostengründen vereinfacht werden musste.
Am 8. August 1927 wurde der Grundstein gelegt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und fehlende Finanzmittel verzögerten den weiteren Ausbau. Insgesamt flossen rund 700.000 Reichsmark in die Anlage. Ein großer Teil der Summe stammte aus Spenden von Marinevereinen, ehemaligen Marineangehörigen und der Marineoffizier-Vereinigung.
Ein Turm wie eine aufsteigende Flamme
Die Form des Turms wird häufig mit einem Schiffsbug, einem Segel, einem U-Boot-Turm oder dem Steven eines Wikingerschiffes verglichen. Diese Deutungen entsprachen nach Angaben des Deutschen Marinebundes jedoch nicht der ursprünglichen Vorstellung des Architekten.
Gustav August Munzer wollte ein Bauwerk schaffen, das fest mit Erde und Meer verbunden ist und zugleich wie eine Flamme in den Himmel steigt. Diese bildhafte Vorstellung erklärt die ungewöhnliche, nach oben strebende Form besser als die später entstandenen maritimen Vergleiche.
Der Turm ist rund 72 Meter hoch. Da das Gelände bereits oberhalb des Strandes liegt, befindet sich seine Aussichtsplattform etwa 85 Meter über dem Meeresspiegel. Zwei Aufzüge und 341 Treppenstufen führen nach oben. Von der Plattform reicht der Blick über die Kieler Förde, die Ostsee und bei klarer Sicht weit in die Landschaft Schleswig-Holsteins.
Architektonisch zählt das Ehrenmal zu den wenigen monumentalen Beispielen expressionistischer Architektur in Norddeutschland. Die innere Betonkonstruktion wird von einer markanten Backsteinfassade umschlossen.
Einweihung unter dem Nationalsozialismus
Die Idee für das Marine-Ehrenmal entstand bereits in der Weimarer Republik und damit vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. Seine Fertigstellung und Einweihung erfolgten jedoch unter vollkommen veränderten politischen Bedingungen.
Nach der Wiederaufnahme der Bauarbeiten im Jahr 1933 wurde die Anlage am 30. Mai 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers eingeweiht. Der Termin lag unmittelbar vor dem 20. Jahrestag der Skagerrakschlacht. Die Feierlichkeiten wurden mit einer Flottenparade und militärischen Ehrungen verbunden.
Das NS-Regime nutzte das Ehrenmal, um Gefallenengedenken, Wiederaufrüstung und den Anspruch auf eine erneute deutsche Seemacht miteinander zu verbinden. Aus der Trauer um die Toten wurde ein politisch aufgeladener Helden- und Opferkult.
Diese Vereinnahmung gehört zur Geschichte des Ortes. Eine heutige Darstellung darf deshalb weder bei der ursprünglichen Trauerfunktion stehen bleiben noch die propagandistische Bedeutung der Einweihung von 1936 ausblenden.
Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Anlage von den britischen Besatzungsbehörden beschlagnahmt. Der 1952 neu gegründete Deutsche Marinebund erhielt das Ehrenmal am 30. Mai 1954 zurück.
Mit der Rückgabe war eine grundlegende inhaltliche Neuausrichtung verbunden. Das Ehrenmal sollte nicht länger ausschließlich an deutsche Marinesoldaten erinnern. Es wurde zu einer Gedenkstätte für die auf See gebliebenen Menschen aller Nationen und zu einem Mahnmal für eine friedliche Seefahrt.
Damit veränderte sich die Aussage des Ortes: Aus einem nationalen Marine- und Kriegerdenkmal sollte eine internationale Gedenkstätte im Geist der Versöhnung werden. Dieser Wandel löschte die frühere Geschichte nicht aus, gab dem Ehrenmal aber eine neue Aufgabe.
Offizielle Gedenkstätte der Deutschen Marine
Das Marine-Ehrenmal Laboe ist heute die offizielle Gedenkstätte der Deutschen Marine. Es dient dem Gedenken an verstorbene Marineangehörige ebenso wie an zivile Seeleute und andere Menschen, die auf See ihr Leben verloren haben.
Eine besondere Tradition ist die internationale Kranzniederlegung während der Kieler Woche. Vertreter der Deutschen Marine, ausländischer Seestreitkräfte, des Deutschen Marinebundes sowie aus Politik und Gesellschaft erinnern gemeinsam an die Toten auf See.
Die Beteiligung früherer Kriegsgegner und heutiger Partner unterstreicht den Versöhnungsgedanken. Das Zeremoniell richtet den Blick nicht auf militärischen Ruhm, sondern auf Verlust, Verantwortung und die Verpflichtung zum Frieden.
Auch vorbeifahrende Einheiten der Deutschen Marine erweisen dem Ehrenmal eine besondere Ehrerweisung. Beim Passieren kann auf den Schiffen „Front gepfiffen“ werden: Die Besatzung tritt dabei als sichtbares Zeichen des Gedenkens an Deck an.
Die Bestandteile der Anlage
Das Gelände des Marine-Ehrenmals umfasst etwa 5,7 Hektar. Neben dem Turm gehören mehrere eigenständige Bereiche zur Anlage.
Unterirdische Gedenkhalle
Die unterirdische Halle ist der zentrale Ort des stillen Gedenkens. Ihre reduzierte Architektur, das gedämpfte Licht und die bewusste Abgrenzung vom touristischen Betrieb schaffen einen Raum für Trauer und Besinnung.
Hier finden Kranzniederlegungen und offizielle Gedenkveranstaltungen statt. Der Raum richtet sich nicht nur an Marineangehörige, sondern ebenso an Hinterbliebene und Besucher aus anderen Nationen.
Historische Halle
Die Historische Halle zeigt Exponate, Schiffsmodelle und Ausstellungen zur Geschichte deutscher Marinen und zur zivilen Schifffahrt. Ihre Aufgabe besteht nicht nur in der Präsentation technischer Entwicklungen. Sie soll Marinegeschichte in ihren politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang einordnen.
Neuere Ausstellungen befassen sich unter anderem mit dem Tod auf See, der Entwicklung des Geländes vom Panzerturm zum Ehrenmal sowie mit Frieden und Verständigung.
Turm und Aussichtsplattform
Der Turm ist das weithin sichtbare Zentrum der Anlage. Seine Aussichtsplattform macht die geografische Bedeutung des Standortes unmittelbar erfahrbar: Vor Laboe treffen Ostsee, Kieler Förde, zivile Schifffahrt und der traditionsreiche Marinestandort Kiel aufeinander.
Freifläche und Außengelände
Zum Komplex gehört eine rund 7.000 Quadratmeter große, mit Wesersandstein belegte Freifläche. Auf dem Gelände befinden sich außerdem verschiedene maritime Exponate und Gedenktafeln.
Zu den bekannten Ausstellungsstücken gehört eine Schiffsschraube des Schweren Kreuzers „Prinz Eugen“. Solche Objekte benötigen eine sorgfältige historische Einordnung, damit technische Faszination nicht von den politischen Hintergründen und menschlichen Folgen des Krieges getrennt wird.
Das Technische Museum U 995
Am Strand unmittelbar unterhalb des Ehrenmals befindet sich das ehemalige U-Boot U 995. Es gehört räumlich zum Besuchserlebnis, ist aber ein eigenständiges technisches Museum.
U 995 wurde 1943 als U-Boot des Typs VII C in Dienst gestellt und im Zweiten Weltkrieg überwiegend im Nordmeer eingesetzt. Nach Kriegsende übernahm die norwegische Marine das Boot. Ab 1952 fuhr es unter dem Namen „Kaura“ als Küstenverteidigungs- und Schulboot.
Norwegen übergab das U-Boot später als Zeichen der Aussöhnung an die Bundesrepublik Deutschland. Am 13. März 1972 wurde es nach Laboe gebracht und am Strand vor dem Ehrenmal aufgestellt.
Im Inneren vermittelt U 995 die Enge und die außerordentlichen Belastungen, denen U-Boot-Besatzungen ausgesetzt waren. Die technische Präsentation darf jedoch nicht losgelöst vom U-Boot-Krieg und seinen Opfern betrachtet werden. Das Boot ist daher sowohl technisches Denkmal als auch historischer Lernort.
Ein Ort mit widersprüchlicher Geschichte
Das Marine-Ehrenmal steht beispielhaft für den Wandel deutscher Erinnerungskultur. Seine Bedeutung hat sich mehrfach verändert:
- zunächst Trauerort für die Gefallenen der Kaiserlichen Marine,
- anschließend nationalistisch aufgeladenes Kriegerdenkmal,
- während des Nationalsozialismus propagandistisch vereinnahmter Repräsentationsort,
- seit 1954 internationale Gedenkstätte,
- heute Mahnmal für Frieden, Versöhnung und freie Seefahrt.
Diese unterschiedlichen Schichten dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die heutige Friedensbotschaft wird gerade dann glaubwürdig, wenn auch die problematische Entstehungs- und Nutzungsgeschichte offen dargestellt wird.
Erhaltung des Bauwerks
Die Lage unmittelbar an der Ostsee setzt der Backsteinfassade dauerhaft zu. Feuchtigkeit, Salz, Wind und starke Temperaturwechsel greifen Steine und Fugen an.
Der Deutsche Marinebund weist im Rahmen einer Sanierungskampagne darauf hin, dass mehrere Tausend Steine und ein sehr umfangreiches Fugennetz erneuert werden müssen. Die Erhaltung des Denkmals ist damit nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine denkmalpflegerische Aufgabe.
Dabei geht es nicht allein um den Erhalt eines touristischen Wahrzeichens. Bewahrt wird ein historischer Ort, an dem sich Trauer, Nationalismus, Diktatur, Krieg, Aussöhnung und demokratische Erinnerungskultur überlagern.
Fazit
Das Marine-Ehrenmal Laboe ist weit mehr als ein markanter Aussichtsturm an der Ostsee.
Es ist ein Ort des Gedenkens und zugleich ein Zeugnis dafür, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen von Heldentum, Opfer, Krieg und Verantwortung verändert haben.Seine Entstehungsgeschichte bleibt widersprüchlich. Gerade deshalb besitzt das Ehrenmal eine besondere Bedeutung als historischer Lernort.
Es erinnert an die Toten auf See, mahnt zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Geschichte und stellt die friedliche Nutzung der Meere in den Mittelpunkt.Für die Deutsche Marine ist Laboe ein zentraler Gedenkort.
Für die Öffentlichkeit ist es zugleich die Aufforderung, Marinegeschichte nicht nur technisch oder militärisch, sondern immer auch aus der Perspektive der betroffenen Menschen zu betrachten.