Unterstützung bei maritimen Großschadenslagen
Eine Kollision, ein Brand, ein Maschinenausfall oder der Austritt großer Mengen Öl kann auf See innerhalb kurzer Zeit zu einer Lage werden, in der Menschenleben, Umwelt, Schifffahrt und Küstenregionen gleichzeitig bedroht sind. Dann reicht es nicht, einzelne Einsatzmittel nacheinander zu alarmieren. Benötigt werden eine gemeinsame Führung, ein fortlaufend aktualisiertes Lagebild und Kräfte, die sich über Behörden- und Ländergrenzen hinweg ergänzen.
Die deutschen Marineflieger unterstützen dieses maritime Notfallmanagement vor allem mit den beiden Dornier Do 228 LM des Marinefliegergeschwaders 3 „Graf Zeppelin“ in Nordholz. Als spezialisierte Sensorflugzeuge erkunden sie große Seegebiete, erfassen Verschmutzungen, dokumentieren die Lage und übermitteln ihre Erkenntnisse an das Havariekommando in Cuxhaven. Sie bekämpfen den Schaden nicht selbst – aber sie liefern häufig die Informationen, nach denen Schiffe, Hubschrauber und Einsatzkräfte am wirksamsten eingesetzt werden können.
Wann wird ein Seeunfall zur komplexen Schadenslage?
Nicht jeder Zwischenfall auf Nord- oder Ostsee ist eine maritime Großschadenslage. Kleinere Ereignisse werden zunächst von den jeweils zuständigen Behörden und Organisationen bearbeitet. Die Suche und Rettung von Menschen in Seenot wird durch das Maritime Rescue Co-ordination Centre Bremen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger koordiniert. Verkehrszentralen, Wasserschutzpolizeien, Feuerwehren, Hafenbehörden und weitere Stellen erfüllen ihre jeweiligen Aufgaben.
Sind jedoch Menschenleben, die Umwelt oder bedeutende Sachwerte in besonderem Umfang bedroht und müssen zahlreiche Kräfte gemeinsam geführt werden, kann eine „Komplexe Schadenslage“ festgestellt werden. Das ist der offizielle Begriff des deutschen maritimen Notfallmanagements. In diesem Fall übernimmt das Havariekommando die Gesamteinsatzleitung. In Cuxhaven tritt ein Havariestab zusammen, der die Lage bewertet, Schwerpunkte festlegt, Kräfte anfordert und die Maßnahmen auf See, aus der Luft und an der Küste koordiniert.
Typische Auslöser können sein:
- Kollisionen oder Grundberührungen mit Verletzten und erheblichem Sachschaden,
- Brände oder Explosionen an Bord,
- manövrierunfähige Schiffe in Küstennähe oder stark befahrenen Fahrwassern,
- der Austritt von Öl, Treibstoff oder gefährlichen Stoffen,
- verlorene Container oder großflächige Treibgutlagen,
- Unfälle an Offshoreanlagen,
- mehrere gleichzeitig laufende Rettungs-, Brandbekämpfungs-, Bergungs- und Umweltschutzmaßnahmen.
Entscheidend ist nicht allein die Größe eines Schiffes oder eines Ölteppichs. Ausschlaggebend ist, ob die Lage mit den üblichen Zuständigkeiten und Einsatzmitteln noch sicher beherrscht werden kann oder eine zentrale, behördenübergreifende Führung erforderlich wird.
Das Havariekommando führt – die Marineflieger liefern das Lagebild aus der Luft
Das Havariekommando ist eine gemeinsame Einrichtung des Bundes und der fünf Küstenländer Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Sein Maritimes Lagezentrum ist rund um die Uhr besetzt. Dort laufen Meldungen über Unfälle, Brände, technische Ausfälle, Ladungsverluste und Meeresverschmutzungen zusammen.
Die Stärke des Havariekommandos liegt in der Verbindung vieler unterschiedlicher Fähigkeiten. Je nach Lage können unter anderem Mehrzweckschiffe, Notschlepper, Ölbekämpfungsschiffe, Seenotrettungseinheiten, Polizeiboote, Feuerwehren, medizinische Teams, Bergungsspezialisten, Flugzeuge und Hubschrauber eingebunden werden. Die Luftaufklärung ergänzt dabei die Beobachtungen der Schiffe und der Einsatzkräfte vor Ort um den großräumigen Blick von oben.
Für die Erfassung von Meeresverschmutzungen sind die Do 228 LM besonders wichtig. Die Flugzeuge werden von der Deutschen Marine betrieben, geflogen und gewartet. Der Auftrag beruht auf einer ressortübergreifenden Zusammenarbeit zwischen dem Bundesministerium für Verkehr und dem Bundesministerium der Verteidigung. Die Maschinen sind unbewaffnet; ihre Umweltüberwachungsflüge sind kein militärischer Kampfauftrag.
Warum die Perspektive aus der Luft so wertvoll ist
Von der Brücke eines Schiffes aus reicht der Blick nur bis zum Horizont. Rauch, Seegang und schlechte Sicht können die Beurteilung zusätzlich erschweren. Ein Flugzeug kann dagegen in kurzer Zeit ein großes Gebiet erfassen, unterschiedliche Bereiche miteinander vergleichen und die gesamte Ausdehnung einer Schadenslage dokumentieren.
Die Luftaufklärung beantwortet insbesondere folgende Fragen:
- Wo liegt der Schwerpunkt der Verschmutzung?
- Wie groß ist die betroffene Fläche?
- In welche Richtung verlagert sich der Schadstoffteppich?
- Tritt weiterhin Öl oder ein anderer Stoff aus?
- Welche Küstenabschnitte, Schutzgebiete oder Fahrwasser könnten bedroht sein?
- Wo befinden sich Schiffe und andere mögliche Gefahrenquellen im Umfeld?
- An welcher Stelle können Bekämpfungsschiffe und schwimmende Ölsperren am wirksamsten eingesetzt werden?
- Wie hat sich die Lage seit dem letzten Überflug verändert?
Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Eine einzelne Aufnahme zeigt nur einen Augenblick. Mehrere Überflüge in zeitlichem Abstand machen sichtbar, ob sich eine Verschmutzung ausbreitet, zerfällt, verdriftet oder erneut gespeist wird. Diese Beobachtungen können mit Wetter-, Strömungs- und Driftprognosen verbunden werden und verbessern dadurch die Planung der nächsten Einsatzphase.
Die Do 228 LM als fliegende Sensorplattform
Die beiden Do 228 LM sind für die Luftüberwachung von Meeresverschmutzungen ausgerüstet. Mehrere Sensoren untersuchen dieselbe Fläche mit unterschiedlichen physikalischen Verfahren. Erst die gemeinsame Auswertung ergibt ein belastbares Bild.
- Seitensichtradar: Das Side-Looking Airborne Radar, kurz SLAR, sucht breite Streifen beiderseits der Flugroute ab. Öl kann kleine Wellen an der Wasseroberfläche dämpfen. Solche geglätteten Bereiche erscheinen im Radarbild als auffällige Zonen. Das modernisierte System erreicht eine Beobachtungsbreite von bis zu 80 Kilometern.
- Infrarot- und Ultraviolettsensoren: Sie machen Unterschiede zwischen verschmutzten und unverschmutzten Wasserflächen sichtbar und helfen, Grenzen sowie Teilbereiche eines Schadstoffteppichs zu erfassen.
- Mikrowellenradiometer: Es liefert zusätzliche Informationen über die Beschaffenheit und Stärke ölhaltiger Schichten.
- Laserfluorosensor: Bestimmte Stoffe reagieren auf Laserlicht mit einer charakteristischen Fluoreszenz. Der Sensor unterstützt dadurch die Unterscheidung verschiedener Oberflächenerscheinungen.
- Elektrooptische Kameras: Fotos und Videos dokumentieren den Zustand des Havaristen, die Verschmutzung, beteiligte Schiffe und den Verlauf der Bekämpfungsmaßnahmen.
Die modernisierte Missionsanlage führt die Daten georeferenziert auf einer elektronischen Seekarte zusammen. Positionen, Sensorkontakte, Bilder und Beobachtungen lassen sich damit eindeutig einem Ort zuordnen. Über Satellitenkommunikation können Daten und Livebilder gesichert an das Maritime Lagezentrum des Havariekommandos übertragen werden. Die Einsatzleitung erhält so nicht erst nach der Landung, sondern bereits während des Fluges verwertbare Informationen.
So läuft ein Aufklärungseinsatz ab
1. Alarmierung und Auftrag
Das Havariekommando oder eine zuständige Stelle übermittelt der Besatzung die bekannten Eckdaten: Position des Ereignisses, Art des Havaristen, mögliche Gefahrstoffe, Wetter, Schiffsverkehr und bereits eingesetzte Kräfte. Aus diesen Angaben entstehen Flugweg, Suchgebiet und Prioritäten der Sensorarbeit.
2. Anflug und großräumige Erfassung
Auf dem Weg zur Einsatzstelle prüft die Besatzung laufend neue Lageinformationen. Im Zielgebiet beginnt zunächst die flächige Suche. Das Seitensichtradar kann dabei große Bereiche erfassen, ohne dass das Flugzeug jede Wasserfläche unmittelbar überfliegen muss.
3. Untersuchung auffälliger Bereiche
Erkennt die Besatzung eine mögliche Verschmutzung, wird der Kontakt mit weiteren Sensoren überprüft. Angepasste Flughöhen und Kursänderungen ermöglichen detaillierte Aufnahmen. Der Missionsoperator dokumentiert Position, Form, Ausdehnung und Eigenschaften der beobachteten Fläche.
4. Meldung an die Einsatzleitung
Wichtige Erkenntnisse werden unverzüglich übermittelt. Dazu gehören georeferenzierte Sensordaten, Bilder, Videos und die fachliche Bewertung der Besatzung. Dringende Beobachtungen können die laufende Einsatzplanung unmittelbar verändern.
5. Wiederholte Überflüge
Bei dynamischen Lagen folgen weitere Erkundungen. Die Besatzung prüft, wie Wind, Strömung und Seegang die Verschmutzung verändern, ob Bekämpfungsmaßnahmen wirken und ob neue Gefahren entstanden sind. So wird aus einzelnen Beobachtungen ein fortgeschriebenes Lagebild.
Vom Sensorbild zur Einsatzentscheidung
Ein Luftbild allein stoppt keinen Ölteppich. Sein Wert entsteht dadurch, dass die gewonnenen Informationen in konkrete Entscheidungen umgesetzt werden. Erkennt die Do 228 LM beispielsweise eine Konzentration von Öl in einem bestimmten Bereich, kann die Einsatzleitung Ölbekämpfungsschiffe dorthin verlegen. Droht eine Verschmutzung in Richtung Küste zu treiben, können empfindliche Abschnitte vorbereitet, Sperren verlegt und landseitige Kräfte frühzeitig alarmiert werden.
Auch bei einem brennenden oder beschädigten Schiff ist die Übersicht aus der Luft hilfreich. Bilder können zeigen, welcher Teil des Schiffes betroffen ist, ob Ladung über Bord gegangen ist, wo Trümmer treiben und welche Anfahrwege für Einsatzfahrzeuge frei sind. Die endgültige taktische Entscheidung bleibt jedoch bei der zuständigen Einsatzleitung und den Fachkräften vor Ort.
Neben der unmittelbaren Gefahrenabwehr hat die Dokumentation eine zweite Funktion. Aufnahmen von Schiffen, Positionen und Schadstoffspuren können Hinweise auf einen möglichen Verursacher liefern. Ob ein Rechtsverstoß vorliegt und ob das Material als Beweis genügt, entscheiden die zuständigen Ermittlungs- und Justizbehörden. Die Besatzung der Do 228 LM stellt den Sachverhalt fest und dokumentiert ihn; sie trifft keine rechtliche Entscheidung.
Nicht jeder dunkle Fleck ist Öl
Die Fernerkundung hat Grenzen. Windstille Bereiche, Algen, Sedimente, Fischereirückstände oder natürliche Filme können auf einzelnen Sensorbildern ähnlich aussehen wie eine Verschmutzung. Umgekehrt können starker Seegang, Niederschlag, tief stehende Sonne, Wolken, Rauch oder schlechte Sicht die Erfassung erschweren.
Deshalb stützt sich die Beurteilung nicht auf einen einzigen Sensor. Radar, Infrarot, Ultraviolett, Mikrowellenmessung, Laserfluoreszenz und Kamerabilder werden miteinander verglichen. Falls erforderlich, ergänzen Probenahmen durch Schiffe oder Einsatzkräfte die Luftaufklärung. Vor allem gelöste oder unter der Wasseroberfläche befindliche Stoffe sind aus der Luft nicht in jedem Fall direkt erkennbar.
Auch die Flugbesatzung muss Risiken beachten. Rauchwolken, starke Turbulenzen, Vereisung, geringe Wolkenuntergrenzen, eingeschränkte Sicht und dichter Einsatzverkehr können die Wahl von Flughöhe und Flugweg begrenzen. Flugsicherheit bleibt Voraussetzung jeder Erkundung – auch wenn am Boden oder auf See hoher Zeitdruck besteht.
Zusammenspiel mit Schiffen, Hubschraubern und Kräften an Land
Großschadenslagen werden nicht durch ein einzelnes System bewältigt. Die Do 228 LM ist vor allem für das großräumige Lagebild und die Umweltaufklärung zuständig. Schiffe übernehmen die Bekämpfung auf dem Wasser, schleppen Havaristen, sichern Gefahrenbereiche oder nehmen Schadstoffe auf. Hubschrauber können – abhängig von Auftrag, Verfügbarkeit und Wetter – Menschen retten, Spezialkräfte transportieren, Verletzte ausfliegen oder Material bewegen. An Land bereiten Behörden und Hilfsorganisationen Küstenschutz, medizinische Versorgung, Logistik und mögliche Reinigungsmaßnahmen vor.
Damit diese Kräfte nicht nebeneinander, sondern gemeinsam arbeiten, braucht die Einsatzleitung ein einheitliches Bild. Die Luftaufklärung hilft, Beobachtungen zu überprüfen, Lücken zu schließen und Prioritäten zu setzen. Sie ersetzt weder die Fachberatung noch die Erkundung direkt am Havaristen, verbindet aber viele Einzelmeldungen zu einer räumlich verständlichen Gesamtlage.
Übungen schaffen Handlungssicherheit
Komplexe Schadenslagen sind selten, verlangen im Ernstfall aber sofort funktionierende Abläufe. Deshalb üben das Havariekommando und seine Partner regelmäßig unterschiedliche Szenarien: Ölunfälle, Brände, Kollisionen, Offshoreereignisse, Verletztenversorgung und die Zusammenarbeit vieler Schiffe und Behörden.
Für die Marineflieger geht es dabei nicht nur um das Fliegen einer Suchroute. Trainiert werden die Auftragsannahme, die Abstimmung mit dem Havariestab, der gleichzeitige Betrieb mehrerer Sensoren, die Bewertung unklarer Kontakte, die Datenübertragung und die verständliche Meldung an die Einsatzleitung. Je besser diese Schnittstellen vorbereitet sind, desto weniger Zeit geht im realen Einsatz verloren.
Unterstützung aus der Luft schafft Zeit und Übersicht
Bei einer maritimen Großschadenslage sind Zeit, Übersicht und abgestimmtes Handeln entscheidend. Das Havariekommando bündelt die Führung; die beteiligten Behörden und Organisationen bringen ihre spezialisierten Kräfte ein. Die Marineflieger leisten mit der Do 228 LM einen klar abgegrenzten, aber besonders wertvollen Beitrag: Sie machen großräumige Entwicklungen sichtbar, liefern georeferenzierte Daten und halten die Einsatzleitung über Veränderungen auf dem Laufenden.
Der Nutzen liegt nicht in spektakulären Einzelaktionen, sondern in verlässlicher Information. Wer weiß, wo sich eine Verschmutzung befindet, wie sie sich bewegt und welche Bereiche bedroht sind, kann Schiffe, Sperren, Spezialkräfte und Küstenschutzmaßnahmen gezielter einsetzen. Aus dem Blick von oben entsteht so eine Grundlage für wirksame Hilfe auf dem Wasser und an Land.
Quellen:
Stand: Oktober 2026
- Havariekommando: Aufgaben und Organisation
https://www.havariekommando.de/DE/wir-ueber-uns/wir-ueber-uns-node.html - Havariekommando: Luftüberwachung von Meeresverschmutzungen
https://www.havariekommando.de/DE/wir-ueber-uns/schadstoff-und-schiffsunfallsbekaempfung-see/Infoseiten/DO228.html - Maritimes Sicherheitszentrum: Havariekommando
https://www.msz-cuxhaven.de/DE/GLZSee/Partner/Havariekommando/havariekommando_node.html - Bundeswehr: Der Ölaufklärer Do 228 LM
https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/oelaufklaerer-dornier-do228-lm - Bundeswehr: Erstes Ölaufklärungsflugzeug Do 228 LM modernisiert
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/ausruestung-baainbw/aktuelles/erstes-oelaufklaerungsflugzeug-do-de-228-lm-modernisiert-5447426 - Bundeswehr: Marinefliegergeschwader 3 „Graf Zeppelin“
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/struktur/marinefliegerkommando/marinefliegergeschwader-3-graf-zeppelin - Havariekommando: Jahresbericht 2025
https://www.havariekommando.de/SharedDocs/Downloads/DE/Jahresbericht/Jahresbericht_2025.html - Gesetz über die Aufgaben des Bundes auf dem Gebiet der Seeschifffahrt
https://www.gesetze-im-internet.de/bseeschg/