Der Bordflugbetrieb gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben der deutschen Marineflieger. Dabei operieren Hubschrauber nicht von einem festen Flugplatz, sondern von Fregatten und Versorgungsschiffen auf See. Schiff, Luftfahrzeug und Besatzungen bilden gemeinsam ein bewegliches Einsatzsystem, das weit über den Horizont hinaus aufklären, U-Boote suchen, Menschen retten sowie Personal und Material transportieren kann.
Fliegender Arm der Flotte
Ein Bordhubschrauber erweitert den Wirkungs- und Aufklärungsbereich eines Marineschiffes erheblich. Während die Sensoren eines Schiffes durch den Horizont begrenzt werden, kann der Hubschrauber weit vorausfliegen, unbekannte Kontakte identifizieren und aktuelle Informationen an die Operationszentrale übermitteln. Auf diese Weise entsteht ein umfassenderes maritimes Lagebild.
Zu den wichtigsten Aufgaben des Bordflugbetriebes gehören:
- Aufklärung und Überwachung großer Seegebiete
- Ortung und Bekämpfung von U-Booten
- Aufklärung und Bekämpfung von Überwasserzielen
- Transport von Personal und Material
- Unterstützung von Boarding-Operationen
- Verbringung von Spezialkräften
- Suche und Rettung von Menschen auf See
- medizinische Evakuierungen
- Verbindung zwischen Schiffen eines Verbandes
Damit ist der Bordhubschrauber nicht nur ein Transportmittel, sondern ein wichtiger Sensor- und Waffenträger der Flotte.
Präzise Vorbereitung jedes Fluges
Jeder Einsatz beginnt mit einer ausführlichen Planung. Hubschrauberbesatzung, Kommandant, wachhabende Offiziere und die Operationszentrale stimmen Auftrag, Flugroute und taktische Lage miteinander ab. Gleichzeitig werden Wetter, Sichtweite, Wind, Seegang und die Bewegungen des Schiffes beurteilt.
Im Hangar übernimmt die Bordwartungsgruppe die technische Vorbereitung. Die Fachkräfte kontrollieren Triebwerke, Rotoranlage, Avionik, Kraftstoffversorgung und Missionsausrüstung. Je nach Auftrag werden außerdem Tauchsonar, Sonarbojen, Torpedos, Rettungswinde oder Transportausrüstung vorbereitet.
Eine eingeschiffte Bordhubschraubergruppe besteht deshalb nicht nur aus den fliegenden Besatzungen. Zu ihr gehören auch Techniker, Prüfer, Missionsspezialisten und weiteres Unterstützungspersonal des Marinefliegergeschwaders 5 aus Nordholz. Sie leben und arbeiten während einer Seefahrt als Teil der Schiffsbesatzung. Ein Beispiel der Marine zeigt einen eingeschifften Hauptabschnitt mit 19 Spezialisten, wobei die tatsächliche Zusammensetzung vom Schiff und Auftrag abhängt.
Vom Hangar auf das Flugdeck
Da der Platz an Bord begrenzt ist, werden die Rotorblätter des Hubschraubers im Hangar beigeklappt. Eine spezielle Verfahranlage bewegt das Luftfahrzeug sicher zwischen Hangar und Flugdeck. Das ist auch bei Seegang notwendig, wenn sich das Schiff gleichzeitig um seine Längs- und Querachse bewegt.
Auf dem Flugdeck übernimmt der Flight Deck Officer die Leitung. Er hält während des Flugbetriebes Verbindung zur Brücke und zur Operationszentrale, überwacht die Decksmannschaft und weist den Hubschrauber bei Start und Landung ein. Erst wenn das Flugdeck freigegeben ist und alle Sicherheitsmaßnahmen abgeschlossen sind, darf der Hubschrauber starten.
Landung auf einem beweglichen Schiff
Die Landung auf dem vergleichsweise kleinen Flugdeck einer Fregatte verlangt höchste Konzentration. Das Schiff bewegt sich durch Wind und Seegang ständig. Hinzu kommen Gischt, schlechte Sicht, Dunkelheit und Luftverwirbelungen durch die Aufbauten.
Der Pilot muss den Hubschrauber präzise über dem Deck stabilisieren und dessen Bewegungen ausgleichen. Gleichzeitig beobachtet er die Zeichen des Flight Deck Officers. Beim Sea Lynx griff nach dem Aufsetzen ein Haken unter dem Rumpf in ein Gitter des Flugdecks. Dadurch wurde der Hubschrauber auf dem bewegten Schiff festgehalten. Anschließend sicherte ihn die Decksmannschaft zusätzlich.
Diese Abläufe werden regelmäßig trainiert – bei Tag und Nacht sowie unter unterschiedlichen Wetterbedingungen. Auch die Zusammenarbeit mit Hubschraubern anderer NATO-Marinen gehört dazu. Während des Indo-Pacific Deployment 2024 trainierte die Fregatte „Baden-Württemberg“ beispielsweise den Flugbetrieb mit amerikanischen MH-60R Seahawk.
U-Boot-Jagd aus der Luft
Eine der bedeutendsten Aufgaben des Bordflugbetriebes ist die U-Boot-Jagd. Der Hubschrauber kann sich schnell von seiner Fregatte entfernen und ein großes Seegebiet absuchen. Der Sea Lynx Mk88A setzte dafür unter anderem ein Tauchsonar ein, das im Schwebeflug ins Wasser abgesenkt wurde.
In der Vergangenheit arbeiteten teilweise zwei Sea Lynx im sogenannten „Dipper-und-Pony“-Verfahren zusammen: Ein Hubschrauber suchte mit seinem Tauchsonar nach dem U-Boot, während der zweite Torpedos trug und für einen möglichen Waffeneinsatz bereitstand.
Mit dem NH90 MRFH Sea Tiger erhält die Marine einen wesentlich moderneren Bordhubschrauber. Er verfügt über ein Tauchsonar, ein Sonarbojensystem, elektrooptische Sensoren und moderne Kommunikationsanlagen. Torpedos und Seezielflugkörper ermöglichen die Bekämpfung von Zielen unter und über Wasser.
Boarding, Rettung und Transport
Neben seinen militärischen Hauptaufgaben unterstützt der Bordhubschrauber zahlreiche weitere Einsätze. Boarding-Teams können per Hubschrauber schnell auf verdächtige Schiffe gebracht werden. Je nach Lage gelangen die Soldaten durch Fast Roping auf das fremde Deck oder werden mit der Rettungswinde abgesetzt und wieder aufgenommen.
Bei einem „Mann über Bord“-Manöver oder einem Seenotfall kann der Hubschrauber innerhalb kurzer Zeit ein großes Gebiet absuchen. Über die Winde lassen sich Schiffbrüchige auch dann bergen, wenn ein Boot wegen hohen Seegangs nicht eingesetzt werden kann.
Darüber hinaus verbindet der Hubschrauber die Schiffe eines Verbandes miteinander. Er transportiert Ersatzteile, Medikamente, Post und Personal. Der NH90 NTH Sea Lion übernimmt solche Transport- und Mehrzweckaufgaben insbesondere von den Einsatzgruppenversorgern der Berlin-Klasse.
Generationswechsel auf dem Flugdeck
Seit 1981 war der Sea Lynx Mk88A der klassische Bordhubschrauber der deutschen Fregatten. In mehr als vier Jahrzehnten absolvierte das Muster über 120.000 Flugstunden und nahm weltweit an Einsätzen und Übungen teil. Im Jahr 2026 nähert sich seine Dienstzeit dem Ende.
Der erste NH90 MRFH Sea Tiger wurde am 16. Dezember 2025 an die Marine übergeben. Seitdem bereitet das Marinefliegergeschwader 5 den Übergang auf das neue Waffensystem vor. Der Sea Tiger soll die Aufgaben des Sea Lynx übernehmen und die Fähigkeiten der Fregatten bei der U-Boot-Jagd, Seezielbekämpfung und maritimen Aufklärung deutlich erweitern.
Teamarbeit unter schwierigen Bedingungen
Bordflugbetrieb ist immer Teamarbeit. Piloten, Missionsbesatzungen, Techniker, Deckspersonal, Brücke und Operationszentrale müssen eng zusammenarbeiten. Schon ein kleines Missverständnis kann auf einem bewegten Flugdeck schwerwiegende Folgen haben. Deshalb sind standardisierte Abläufe, regelmäßiges Training und gegenseitiges Vertrauen unverzichtbar.
Mit dem Übergang vom Sea Lynx zum Sea Tiger beginnt für die deutschen Marineflieger ein neues Kapitel. Das Grundprinzip bleibt jedoch bestehen: Erst das enge Zusammenspiel von Schiff, Hubschrauber und Besatzung macht den Bordhubschrauber zum fliegenden Auge, verlängerten Arm und vielseitigen Einsatzmittel der deutschen Flotte.
Stand: August 2026